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Islamfeindlichkeit: Muslime dokumentieren Vorfälle

(c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)
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Schweinefleisch, das vor einer Moschee abgelegt wird, Übergriffe gegen Frauen mit Kopftuch – Muslime richteten nun eine Dokumentationsstelle für Islamfeindlichkeit ein.

Wien. Es war kurz vor Weihnachten, als einige Wiener Muslime zum Morgengebet in die Kocatepe-Moschee in Floridsdorf gingen. Und plötzlich vor Teilen von Schweinefleisch standen, die jemand an den Türen zum Gebetshaus angebracht hatte. Ein Zeichen des Hasses, immerhin gilt das Schwein unter Muslimen als unreines Tier. Und ein Zeichen, das in jüngster Zeit schon einige Male aufgetaucht ist. Unter anderem wurden Anfang August auf dem Bauplatz einer Predigerschule in Wien-Simmering aufgespießte Schweinsköpfe aufgestellt. Schon im Mai waren mehrere Schweinskopfhälften auf dem Baugelände für ein islamisches Kulturzentrum mit Moschee in Graz deponiert worden.

Neben Aktionen wie diesen registrieren Muslime aber auch einen Anstieg von verbaler und körperlicher Gewalt gegen Menschen – vornehmlich Frauen, die mit ihrem Kopftuch leicht als Muslimas auszumachen sind. Zuletzt wurde etwa von einem Fall berichtet, bei dem ein Mann eine 60-jährige Frau mit Kopftuch in einer Warteschlange an einem Bankschalter umstieß. Die Frau wurde mit Verletzungen der Lendenwirbel ins Krankenhaus gebracht. Und auch dies war kein Einzelfall – schon im Sommer hatte es mehrere Übergriffe auf muslimische Frauen gegeben.

„Es häuft sich leider. Seit etwa einem halben Jahr hat sich das Klima gegenüber Muslimen deutlich verschlechtert“, sagt Büsra Demir. Sie hat gemeinsam mit einer Kollegin die Dokumentationsstelle zur Durchsetzung von Gleichbehandlung für Muslime eingerichtet, bei der Menschen über Vorfälle berichten können.

Noch ist die dazugehörige Hotline gar nicht allzu stark beworben worden, doch seit dem Start Anfang Dezember gingen bereits etwa 50 Meldungen ein. Dabei geht es um alle möglichen Formen von Diskriminierung – von Provokationen wie dem Schweinefleisch an der Moschee über verbale Gewalt bis zu Vorfällen, bei denen jemand physisch angegriffen wird.

Dabei handelt es sich nicht nur um aktuelle Fälle. Viele Menschen hätten auch das Bedürfnis gehabt, rückwirkend über Dinge zu berichten, die ihnen widerfahren sind. Ein erster Eindruck: „Zurzeit sind es vermehrt Frauen, die uns anschreiben“, sagt Demir, die im Zivilberuf Religionslehrerin ist und die Dokumentationsstelle ehrenamtlich betreibt. Alle Fälle sollen künftig kategorisiert und statistisch aufbereitet werden – etwa, um welche Art von Vorfall es sich gehandelt hat – von Anspielungen auf die Terrororganisation IS bis zu Übergriffen –, ob er sich in der Öffentlichkeit abgespielt hat, ob das Alter oder das Geschlecht der betroffenen Person eine Rolle spielte.

Auch positive Fälle

Auf diese Weise soll auch versucht werden, die Diskriminierung von Muslimen mit Zahlen greifbarer zu machen. Und auch die Zahl der Gewalttaten, von denen Muslime betroffen sind – denn die Polizei erfasst in ihrer Statistik nicht, ob es sich bei einem Vorfall um eine islamfeindliche Tat handelt. „Wir wollen auch aufklären, welche Wortäußerungen wirklich in den Bereich Diskriminierung fallen, die Menschen auch sensibilisieren, was ein Hate Crime ist“, sagt Demir. „Und auch klarmachen, was nicht hineinfällt – es kann schließlich auch sein, dass eine Tat gar keinen religiösen Hintergrund hat.“ Umso wichtiger sei es, dass man möglichst viele Details über jeden Vorfall sammelt. Gegebenenfalls werden die Betroffenen dann an andere Stellen weiterverwiesen, etwa die Gleichbehandlungsanwaltschaft.

Und: Es sollen auch positive Dinge dokumentiert werden. Wenn etwa durch Zivilcourage ein Übergriff verhindert wird. „Unser Anliegen ist, nicht in die Opferrollenkategorie eingeordnet zu werden.“

Auf einen Blick

Einrichtung. Die Dokumentationsstelle zur Durchsetzung von Gleichbehandlung für Muslime nimmt Meldungen von Vorfällen entgegen, bei denen die Betroffenen im Alltag eine Diskriminierung von Muslimen in jeglicher Form erlebt haben.
Personal: Derzeit wird die Stelle von zwei ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen betreut, an eine Expansion ist gedacht, u. a. für fremdsprachige Beratung. Kontakt. ✆ 0676 40 40 00 5 (Mo, Mi, 16–18, Di, Do, 10–12, So, 15–17 Uhr und per SMS. E-Mail: dokustelle@derislam.at

Anmerkung der Redaktion

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2014)