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Rüdiger Safranski: „Im Naturganzen ist der Geist am Werk“

„Ich werde 70 und habe das Bedürfnis, noch einmal über eigene Krisen nachzudenken.“(c) Hanser Verlag/Hassiepen
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Rüdiger Safranski, der Bestsellerautor der Bildungsbürger, wird am Neujahrstag 70. Ein Gespräch über die Verblödung der mittleren Jahre, Heideggers Scheitern, die Arroganz der Intellektuellen und das Wunder des Seins.

Die Presse: Sie schreiben Bestseller über komplizierte Gedankenwelten. Ihr Rezept?

Rüdiger Safranski: Ich überfordere die Leute immer ein wenig. Aber so, dass sie gerade noch mitgehen.

 

Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Helden aus?

Es sind immer Denker, bei denen meine Leidenschaft im Spiel ist. Ich hoffe, bei der Arbeit meine eigene Obsession zu begreifen.


Was ist Ihr Fazit zu Ihrem Fernsehabenteuer, dem „Philosophischen Quartett“ mit Peter Sloterdijk?

Ich kenne Sloterdijk seit Anfang der Achtzigerjahre. Wir haben uns blind verstanden, obwohl wir verschiedene Temperamente haben. Aber mit der Fernsehredaktion fand bei der Auswahl der Gäste öfter ein Tauziehen statt: Kompetenz oder Prominenz? Da gab es auch falsche Kompromisse, Folgen, die in die Hose gingen. Aber das hat sich in den zehn Jahren eingespielt. Wir hatten für den späten Sendetermin eine akzeptable Einschaltquote. Es gab eine richtige Fangemeinde. Eigentlich hätte die Sendung weitergehen müssen.


Passen Philosophie und Massenmedien überhaupt zusammen?

In unserer Gesprächsrunde ging es um aktuelle gesellschaftlich-politische Themen. Philosophisch war der Versuch, einen anderen Blick darauf zu werfen. Vor der Sendung habe ich die Gäste ermuntert: „Am besten ist es, wenn Sie sich von dem überraschen lassen, was Sie selbst sagen.“


Was bringt uns die Philosophie, ganz pragmatisch gesehen?

Ein zweites Nachdenken. Einen Schritt zurücktreten und sich fragen: Was passiert hier eigentlich? Ich selbst werde jetzt 70 und habe das Bedürfnis, noch einmal über eigene Erfahrungen und Krisen nachzudenken.


Ist Philosophie etwas für Ältere? „Die Eule der Minerva beginnt ihren Flug erst in der Dämmerung.“

Sie fliegt auch im Morgenrot! Es gibt eine Lebensphase der existenziellen Neugier, so zwischen 18 und 25. Erst das mittlere Alter ist besonders bedroht von Verblödung auf hohem Niveau. Man macht Karriere, funktioniert, bewirtschaftet sich. Offen ist man in der Jugend, und wenn man aus dem Gröbsten raus ist. Dazwischen läuft oft nicht viel.


Sie wollten ursprünglich protestantische Theologie studieren . . .

Hinter diesem Wunsch stand intellektuelles Vergnügen und Neugier. Aber die Gläubigkeit, die man braucht, um Pfarrer zu werden, ist nicht meine Sache.


Ist Philosophie ein Religionsersatz?

Ersatz klingt entehrend. Aber eine religiöse Restwärme empfinde ich als produktiv. Philosophie tut gut daran, den Fuß in der Tür zur Transzendenz zu halten. Das gibt Durchzug.


Biografien sind in Mode. Das Publikum will einen einfachen Zugang zu Denkern. Dann „erklärt“ sich – ich persifliere – Schopenhauers Pessimismus durch ein Magenleiden. Ein Problem?

Ja. Diesen „Biografismus“, diese Küchenpsychologie kann ich nicht ertragen. Da wird eine Person runtergebrochen – was für ein hässlicher Ausdruck! –, und man glaubt, man hätte sie im Sack. Meine Arbeit will das Werk zum Leuchten bringen. Nicht auf die Biografie zurückstutzen, sondern sie als erhellende Kraft mithineinnehmen. Für Zola war der Roman „die Welt gesehen durch ein Temperament“. Das ist für mich auch die Philosophie, da, wo sie spannend ist. Es reicht nicht, die Denkrichtigkeit zu untersuchen. Sondern: Wie fühlt sich der Autor in dieser Welt? Und was für ein Vorschlag steckt dahinter? Es gibt eben mehrere Grundoptionen, wie man das In-der-Welt-Sein verstehen kann.


Ist damit nicht jede philosophische Wahrheit relativiert?

Nein! Es gibt einen Wahrheitsgehalt, der mit Erfahrung zu tun hat. Erfahrungsgesättigte Philosophie ist nicht beliebig, sondern eine ernsthafte, kohärente Art, die Wirklichkeit zu interpretieren. Man kann ja Schopenhauer nicht die Vernunft absprechen. Aber seine Vernunft ist eine ganz andere als jene, die Hegel ins Werk setzt. Damit müssen wir leben: Über diesen originellen Modellen gibt es keine Metaebene, die volle Gültigkeit hätte.

Muss also jeder Versuch einer Zusammenschau scheitern?

Wenn er nicht scheitert, ist das der sicherste Beweis, dass da falsch gedacht worden ist! Deshalb gibt es in der Philosophie keinen Fortschritt wie in den Naturwissenschaften. Man kann zwar unsaubere Argumentationen ausfindig machen, aber wenn etwa der blitzgescheite Carnap über Heideggers „Nichts“ sagt, es sei nur eine sprachliche Erfindung, dem in der Wirklichkeit nichts entspricht – dann hat er sprachlogisch recht, aber nicht auf der Ebene der Erfahrung. Denn das, was Heidegger und später Sartre mit dem Nichts umkreisen, versucht, etwas, was allen Menschen vertraut ist, in die Sprache zu heben.


Damit folgen Sie doch einer ganz bestimmten philosophischen Richtung.

Das Leben ist zu kurz für alle Richtungen. Man muss sich entscheiden.


„Ihre“ Philosophen schreiben dichterisch und kommen deshalb in den Lehrplänen der Universitäten kaum vor.

Ich bedaure das! Die Philosophie versucht, andere Wissenschaften nachzuahmen, und das ist nicht produktiv. Damit verleugnet sie ihren eigenen Eros. Er liegt zwischen Wissenschaft und Literatur, die ja auch eine Form von Erkenntnis ist. An den Universitäten gilt mehr die analytische Philosophie, die ich zum Gähnen finde. Das kann doch kein Mensch freiwillig lesen!


Kann Sprachanalyse nicht nützlich sein?

Ja, wenn man gemeinsame Gegner hat. Wie eine unreflektierte Hirnforschung, die das Verhältnis von Geist und Materie banalisiert – im Sinn von: „Die Synapsen denken.“ Da ist man dankbar, wenn jemand wie Thomas Nagel oder andere gute analytische Philosophen ihr Besteck auspacken und diesem Naturalismus mit messerscharfen Argumenten parieren. Da wird ihr Scharfsinn produktiv. Aber Philosophie ist mehr als technisches Instrumentarium.

Sie haben in Ihrer Heidegger-Biografie seine politischen Umtriebe nicht verschwiegen, aber gnädig gedeutet. Hat sich Ihre Einschätzung durch die „Schwarzen Hefte“ geändert?

Diese acht anrüchigen Stellen stürzen mein Gesamtbild von Heidegger nicht um. Etwas hat mich schon überrascht: dass er dezidiert antisemitische Bemerkungen im Innersten seiner Philosophie macht. Interessanter finde ich etwas anderes: Diese „Schwarzen Hefte“ sind Dokumente eines nicht eingestandenen Scheiterns. Eine monotone Litanei. Weder religiös noch poetisch noch philosophisch – nur verstiegen. Es gibt den genialen Heidegger der Zwanzigerjahre. Er bleibt auch später ein genialisch-eigensinniger Interpret anderer Philosophen. Aber dass er in der Hauptsache, bei der Frage nach dem Sein, nicht weiterkommt, dass er also gemessen an seiner Intention scheitert, gesteht er sich nicht ein. Stattdessen deutet er sich selbst als Symptom eines epochalen Geschicks. Das ist die Tragikomödie des späten Heidegger.


Sie plädieren in „Wie viel Wahrheit braucht der Mensch?“ dafür, die Sphären von Denken und Politik zu trennen, weil realisierte Utopien meist in einem Blutbad enden. Was halten Sie von Intellektuellen, die sich als Nichtwähler outen, weil es ihnen in der Politik an Visionen fehlt?

Das ist die typische Arroganz der Intellektuellen, die in der Politik das „Eigentliche“ suchen, also letztlich Erlösung. Sie akzeptieren nicht die wohltuende Banalität der Politik, die ein hartes, nüchternes, glanzloses Geschäft ist. Ich dachte, meine Warnung ginge ins Leere, weil es dieses emphatische Verständnis von Politik gar nicht mehr gäbe. Leider scheint mein Buch doch relevant zu sein.


Unter den stolzen Nichtwählern war auch Sloterdijk . . .

Ja, da sind wir auf verschiedenen Dampfern.


Ein Satz von Schelling kommt in jedem Ihrer Bücher vor: „Die Natur schlägt im Menschen ihre Augen auf und bemerkt, dass sie da ist.“ Warum ist Ihnen dieses Zitat so wichtig?

Ist es nicht wie ein Wunder, dass die Evolution ein Bewusstsein hervorgebracht hat, das die Evolution begreifen kann? Das ist das ungeheure Faktum, aus dem auch die Gottesintuition entspringt. Es ist zugleich selbstverständlich und völlig rätselhaft. Eine Art Zielgerichtetheit kommt darin zum Ausdruck: Die Natur hat zu ihrer Selbstsichtbarkeit geführt. Das ist auch der Triumph über den Materialismus: Begreifen ist mehr als nur ein materieller Vorgang. Das ist für mich eine Art Glaubensbekenntnis.


Ein Glaube an einen Schöpfergott?

Wir brauchen dafür keinen außerweltlichen Gott. Es genügt, das Naturgeschehen als einen im Kern intelligenten Prozess zu verstehen. Warum sollte sich Geist nur im menschlichen Kopf abspielen? Im Naturganzen ist der Geist am Werk.

Zur Person

Rüdiger Safranski, geboren am 1. Jänner 1945 in Rottweil, hat mit seinen Büchern über deutsche Philosophen und Dichter Furore gemacht. Seine „Biografien des Denkens“ von Schopenhauer, Nietzsche und Heidegger sind zugleich Geistesgeschichten ganzer Epochen. Auch Schiller und Goethe stellt Safranski vor allem als Denker vor. Mit Peter Sloterdijk moderierte er im ZDF von 2002 bis 2012 das „Philosophische Quartett“. Aktuell arbeitet er an einem Buch über das Phänomen der Zeit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2014)