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Traktat vom Kloppen

(c) AP (Richard Drew)
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Minus-Wachstümer, Finanz-Tsunami, Negativ-Mitnahmen. Trotz aller Volksaufklärung, die uns seit Monaten erfasst: warum wir uns so schwer tun, die Zusammenhänge des Krisengeschehens zu erken- nen. Und warum wir das Spektakel nicht in sich ruhen lassen dürfen.

"Wenn zwei sich kloppen, das ist Drama", hat Einar Schleef in einem Interview mit Alexander Kluge gesagt. Dieser Satz mag irgendwo seine Richtigkeit haben, für mich stimmte immer eher sein Gegenteil. „Wenn zwei sich nicht kloppen, das ist Drama.“ Entweder weil sie nichts voneinander wissen,weil sie sich gar nicht kennen, voneinander getrennt sind oder weil Verantwortungen fürEntscheidungen delegiert werden, mit dem Systemdruck erklärt bzw. gar naturalisiert. Also, wenn der ganze gesellschaftliche Widerspruch hinein muss ins Subjekt und die innere Kündigung nur noch einen selbst betreffen kann.

Woran liegt es, dass sich die zwei nicht mehr kloppen? Bzw. die zwei, die sich kloppen sollten in einem Konflikt. Vielleicht gibt es ein räumliches und auch ein zeitliches Problem? Die Szene ist sozusagen zerrissen. Das meint zumindest Harald Welzer, der in dem Buch „Klimakriege“ der Frage nachgeht,wieso sich niemand für den Klimawandel und die daraus resultierende Gewalt verantwortlich fühlt. Er stellt ein Problem der Menschen fest, Ursachen- und Wirkungszusammenhänge zu sehen bzw. noch einezeitliche Beziehung zwischen Handlungund Handlungsfolge herstellen zu können.Dazu kommt die Verantwortungsdelegation, die Welzer mit Zygmunt Baumann als das „Verschwinden von Verantwortung durch den arbeitsteiligen Vollzug von Handlungen“ bezeichnet, ein Problem der gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse. DieNichtzuständigkeit des Mitarbeiters verbinde sich „in fataler Weise“ mit der Nichtzugehörigkeit der Menschen, deren Fälle bearbeitet werden. In einem noch ganz anderen Rahmen wird diese Verantwortungserosion bei den in der Nachfolge Foucaults arbeitenden Gouvernementalitätstheoretikern gesehen. Diese setzen sich mit dem Neoliberalismus auseinander und beschreiben, wie sich der Charakter des Regierens verändert hat durch flache Hierarchien, spezielle Formen des innerbetrieblichen Wettbewerbs, neue Technologien der Kontrolle und nicht zuletzt durch das Suggerieren einer vermeintlich freien Entscheidungsmöglichkeit, die aber unter einen klaren Imperativ gestellt ist – eben die Widersprüchlichkeiten der neuen Selbstverantwortung. In diese Ritzen der neuen Machttechnologien verschwindet die alte Autorität. Entweder verhielten sich, so schreibt auch Richard Sennett über die „Kultur des neuen Kapitalismus“, Manager wie Berater, oder es gebedurch zu häufigen Führungswechsel Lücken,Verantwortung werde abgeschoben, undMacht entziehe sich ihrer Kritisierbarkeit.

Und wie soll man sich für den Klimawandel verantwortlich fühlen, wenn sich schon niemand mehr für seine Geschäftsentscheidungen verantwortlich fühlt?

Wenn zwei sich nicht kloppen, das ist Dra- ma. Nur, wie erzählt man so was? Selbst
der verhinderte Konflikt oder Antikonfliktbraucht eine Zuspitzung der Dramaturgie, eine Verdichtung, Entladung. Bzw. wie kann man das in eine Shakespeare-Formatie-
rung bringen? Also in einer Szene das ganze Tragödienpersonal unterbringen? Wäre das nicht purer Kitsch? Bzw. wäre das noch repräsentativ? Nein, zumal die neuen Formen der Ausbeutung nur unter dem Aspekt der räumlichen Trennung funktionieren. DieWelt ist eben nicht mehr im ShakespeareschenSinne erzählbar. Die Fra-ge nach denen, die dieMacht zur Gänze repräsentieren, schien mirimmer etwas verkürzend und unterkomplex und manchmal dem populistischen Ressentimentäußerst nahe stehend.Doch vielleicht muss ich mich heute korrigieren, angesichts der Tatsache, dass durch Fusionen immer mehr Weltkonzerne entstehen und die systemische Macht schon fast wieder in die Entscheidungsmacht einiger weniger umschlägt, beinahe schon in das Personal einer Shakespeareschen Königsfamilie? Vielleicht gilt es in Zeiten der Refeudalisierung, die Königsfamilien neu zusammenzustellen? Zumindest habe ich mich vor nicht allzu langer Zeit ertappt, dass ich mich längst auf die Suche danach begeben hatte. Meine erste Recherche führte mich 2002zu den Unternehmensberatern, die ich für die Durchsetzung eines herrschenden wirtschaftlichen Programms verantwortlich sah. Sozusagen die Speerspitze des neoliberalen Marktradikalismus, die mit ihrer Sprache, mit ihren Technologien und Rationalitäten alles überziehen und diese Ödnis des verschärften Ökonomismus und Effizienzdenkens erzeugen. „They live!“, könnte man frei nach Carpenter sagen. Die Außerirdischen sind unter uns und machen uns zu willenlosen Zombies.Sie nehmen sich alle gesellschaftlichen Bereiche vor. Beginnen bei der Wirtschaft, Branche für Branche, von der Autobranche über die Versicherungsbranche und die Verlagslandschaften, kommen dann zur Politik, bis sie bei den NGOs und ganz am Schluss bei der Kunst landen.

Was heißt hier „am Schluss“? Unternehmensberater können nicht abschalten, sie müssen am Wochenende noch ihrer Frau erklären, wie man den Haushalt effizient führt, lautete eine eher chauvinistische Selbsterklärung. „Ach was“, winkten die einen ab, „die Konzepte der strategischen Unternehmensberatung landen ja doch nur im Papierkorb. Die nimmt niemand ernst.“ „Dafür kosten sie aber rasant viel“, sagten wiederum ande- re. „Das wird doch nur benutzt, um längst gefällte Entscheidungen durchzudrücken“, kommt wieder von den Nächsten, „es sind andere, die die Entscheidungen fällen.“

Auf einer Tagung des Kulturkreises desBundesverbandes der deutschen Industrie glaubte ich dann dieser anderen Spezies zu begegnen. Schon als ich meinen kleinen silbergrauen Peugeot in das Parkhaus des Tagungshotels lenkte, das schon vollgeparkt war mit schwarzen Mercedes, wurde mir klar, dass ich hier in ein sehr spezielles Milieu geraten war. Der Habitus und die Rhetorikder Vorstandsvorsitzenden samt Gattinnen –Thomas Bernhard hätte seine Freude gehabt – überzeugten mich schnell, dass hier alteingesessene Macht sich ein Kulturvergnügen gönnt. Man hatte es nicht nötig, mit den Muskeln zu spielen und sein Leistungsvermögen unter Beweis zu stellen, wie ich es von den außerordentlich ehrgeizigen Unternehmensberatern her kannte. Nein, hier fährt man ins Parkhaus mit dem sicherenWissen, dass sowieso alles in der Familie bleibt. Man müsse von einem „Mythos von den Leistungseliten“ sprechen, stellt der Soziologe Michael Hartmann fest. Denn es handelt sich um eine undurchlässige Elite, eine, die ungern jemanden begrüßt, der nicht immer schon Mitglied ihres Vereins war bzw. gar aus sozial schwächeren Verhältnissen kommt. Dieser feste Sitz der Wirtschaftsmacht wurde mir noch deutlicher, als ich den äußerst leisen, ja nahezu unhöflich wirkenden Applaus wahrnahm, den man der Rede des brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck, ei- nes SPD-Mitglieds, zollte. Er sah in diesen Kreisen plötzlich aus wie jemand, der um Almosen bittet.

Doch dann erzählte mir der Schriftsteller Ulrich Peltzer von einer Recherche für ein Filmdrehbuch, die er in Frankfurt im Bankermilieu unternahm. Er hat mit Bankvorständen und Brokern gesprochen und deren selbstzufriedene Arroganz erlebt, die sich 2007 in der Rhetorik des reinigenden Gewitters zeigte, das man auf die Finanzbranche zukommen sah. Es würde die treffen, die es auch verdient hätten. Die Guten würden unbeschadet aus der Krise rausgehen. Peltzers Schilderung der Obszönität von deren Macht gipfelte in der Beschreibung einer Herrentoilette in den obersten Stockwerken des Turmes der Commerzbank. Diese war ganz aus Glas gestaltet, sodass man beim Pinkeln den Eindruck hatte, man pinkle auf die Stadt Frankfurt. Ja, wer es hier heraufgeschafft hat, der darf sich diesem Vergnügen widmen.

Vermutlich ergibt erst das Zusammenspieldieser unterschiedlichen Parteien – Unternehmensberater, Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzende plus Finanzdienstleister – so etwas wie den Sitz der Macht, dem man heute gerne Ortlosigkeit zuschreibt, ja manchmal sogar Gasförmigkeit. Gasförmig gleich jenen Unternehmen, die heute an die Stellen der Fabriken getreten sind, wie Gilles Deleuze in seinem Postskriptum über die Kontrollgesellschaften geschrieben hat. Doch die Gasform ist ungefähr das Anti-shakespeareste, was man sich vorstellen kann. Für ein Königsdrama braucht es einen anderen Aggregatzustand. Zudem handelt es sich möglicherweise auch nur um einen Ausschnitt des Personalpuzzles, schließlich kommt der Politik doch sicher auch noch irgendwie eine Rolle zu, denn hat nicht der Staat als Dienstleister eine nicht zu unterschätzende ökonomische Macht? Sicher, sie ist zwar bei Weitem kleiner als die z.B. der Deutschen Bank – denn was ist schon ein kleiner Nationalstaat gegen die Deutsche Bank?

Aber mal ganz abgesehen von der Frage nach den Protagonisten unseres Königsdramas, scheinen in unserer neuen Shakespeare-Formation weniger Morde denn Selbstmorde den Tragödienstoff zu bilden. Zumindest legen das Nachrufe auf Unternehmer und Finanzdienstleister, die sich anscheinend in den Zeiten der Krise gehäuft das Leben nehmen, nahe. „Ich musste in meinem Leben einige Male zurückbuchstabieren“, habe der Schweizer Banker Alex Widmer kurz vor seinem Selbstmord gesagt, stolz, weil er bisher immer noch auf die Bei-
ne gekommen sei. Zurückbuchstabieren müs-sen auch wir. Denn mit der Filmkritik sieht esschlecht aus. Kritik istüberhaupt schwierig geworden. Das am meisten Irritierende ist, dass sie so schnell in Affirmation umgemünzt wird. In dem Buch „Der neue Geist des Kapitalismus“ von Ève Chiapello und Luc Boltanski kann man nachlesen, wie diese Ummünzungsbewegung in den vergangenen 40 Jahren funktioniert hat, bis von dem kritischen Selbstverständnis der Achtundsechziger einzig die Fragwürdigkeit der Kritik übrig blieb.

Doch eine der unheimlichsten Theatererfahrungen ist, wenn die Sitznachbarn an den falschen Stellen lachen. Das Zweitunheimlichste aber ist, wenn sie einen kapitalismuskritischen Film als Aufforderung missverstehen, noch mehr in die kritisierte Richtung zu gehen. Wenn sie sich sozusagen den bösen Helden – den Broker, dargestellt von Michael Douglas in „Wallstreet“ – als Vorbild nehmen. Was aber, wenn die Sache sich umdreht? Wenn die Kritik explizit im Film ausgesprochen wird, aber von den falschen Menschen? So zumindest erschien es mir in dem Dokumentarfilm „Let's make money“ von Erwin Wagenhofer, weil in ihm Kritik von den Akteuren des finanzmarktgesteuerten Kapitalismus geübt wird. Sie sagen Dinge, die von Attac-Mitgliedern stammen könnten, freilich ohne deren Konsequenzen zu ziehen. Sie sprechen mit jener zynischen Haltung, die ich auch bei den Unternehmensberatern angetroffen habe. Es ist eine Stimmung entstanden, in der angeblich jeder weiß, was los ist, alle es irgendwie schlecht finden und gleichzeitig wissen, es lässt sich doch nichts wirklich dagegen machen. Sicher, wäre ein richtiger Einwand, diese Akteure sprechen schwammig, sie nennen keine konkreten Namen, ihr Sprechen bleibt ohne Folgen. Und wäre es nicht das Gebot der Stunde, konkrete Namen zu nennen, mit dem Finger zu zeigen: Die und die machen das und das? Wäre dann nicht Kritik sofort wirksam? Möglicherweise. Sie wäre aber keine literarische Kritik mehr.

Schriftsteller, angeblich Meister des Fiktiven und doch entthront von dem gesellschaftlich Fiktiven, sind Spezialisten für sprachliche Verhältnisse, für Rhetoriken, mediale und politische. Ich könnte mir das also ansehen und sagen, dass wir derzeit zwischen drei Rhetoriken eingespannt sind: Da ist zunächst die sozialdarwinistische Rhetorik des reinigenden Gewitters, die mehr zu Beginn der Krise zu hören war und zu der komplementär eine vulgärmarxistische Revolutionsrhetorik gehört, die aber eher anderen zugeschrieben wird als selbst ausgeübt. Dann finden wir die Rhetorik des Beschwichtigungsflusses vor, der aus den Mündern der Politiker strömt, und zu guter Letzt hören wir eine apokalyptische, zumindest alarmistische Rhetorik, die in den Medien vertreten ist, welche das Spektakel des Untergangs gut brauchen können. Alle drei Rhetoriken, könnte ich bemerken, sind ineinander verkeilt und schaffen jene Angst erzeugende Mischung, mit der wir konfrontiert sind.

Ich könnte mir dann die sprachlichenVerhältnisse ein wenig genauer ansehen unddie wundersamsten formalen Phänomene feststellen. Einerseits hat sich die Sprache vollgesaugt mit Superlativen: Wir erleben die schlimmste Wirtschaftskrise seit den Dreißigern, die teuersten Konjunkturpakete, die heftigsten Kursstürze, und man fühlt sich an die nicht abreißen wollende Serie von Jahrhunderthochwassern erinnert, deren Äußerung wir vor ein paar Jahren permanent erlebt haben und die immer hilfloser im Raum stehen blieben, weil sie niemand mehr abholen wollte.

Ich könnte mich unterbrechen und erwägen, dass diese Superlative selbst heute noch konterkariert werden von den Euphemismen der Finanzwelt: Da werden Verluste erwirtschaftet, Minuswachstümer und Gewinnwarnungen bekannt gegeben, dawird vor Negativmitnahmen gewarnt. Ja, immer noch, könnte ich fortsetzen, wird dies in ei- nem Duktus vorgetragen, der einem das Gefühl gibt, dass der Sportreporter erst eben in die Wirtschaftsabteilung gewechselt ist, wie der Sprachphilosoph Gunter Gebauer bemerkte. Sosehr erinnert das anAutorennen und Skiabfahrtsläufe. – Am Endemeiner sprachkritischen Beobachtung würde ich zurück zu den Anleihen aus dem Katastrophenfilm kommen, mit denen wir es permanent zu tun haben. Besonders beliebt derzeit: der Tsunami – da ist von dem Finanz-Tsunami, dem Weltwirtschafts-Tsunami die Rede. Auf der Technikkatastrophenseite ist die Finanz-kernschmelze Nummer eins in den Metapherncharts. Und manchmal reicht ein Katastrophensprachbild auch nicht, nein, mehrere müssen sich überlagern wie in der Zeitung „Bild“: „Der Rezessionsvirus breitet sich überall auf dem Globus aus. Wie konnte es so weit kommen, wer hat die Konjunkturseuche ausgelöst? Wo liegt das Epizentrum des Krisen-Tsunamis?“

Doch dann würde ich mitten in meinen Ausführungen stecken bleiben, denn dieser Überthematisierung steht ein gewisses Phlegma gegenüber, ein Achselzucken in der Bevölkerung. Es heißt, die Finanzkrise sei bei den Verbrauchern noch nicht angekommen. Doch wie kann das sein? Wo sind sie, die Hamsterkäufe? Wo sind sie, die Protestaktionen, die man immerhin aus England, aus Osteuropa, aus den USA hört? Ende März, werden wir vertröstet.

Ja, anscheinend haben wir es zumindest in Deutschland und Österreich absurderweise mit einer gleichzeitigen Verdrängung wie Überthematisierung zu tun. Je schriller die rhetorischen Farben, umso mehr scheinen diese abzuperlen. Ob das etwas mit der Apokalypseblindheit zu tun hat? Ein Begriff, den Günther Anders geprägt hat und der auf die Differenz dessen, was wir technisch anrichten können und was wir uns vorzustellen in der Lage sind, abzielt. Günther Anders schrieb seine „Antiquiertheit des Menschen“ im Zeichen des beginnenden Atomzeitalters, jenes Zeitalters, in dem wir noch immer stecken,was wir ebenso verdrängt haben. Wir sind anscheinend multilaterale Verdränger geworden, weder Klimawandel, Finanzkrise, Hungerkrisen, Rohstoffkrisen, Atomkrisen scheinen die meisten noch groß zu bewegen. Ja, trotz der ganzen Volksaufklärung, die uns seit Monaten erfasst, damit auch der letzte Hinterdörfler über die Details der großen Krise Bescheid weiß, scheinen wir es nicht zu begreifen. Da werden unermüdlich in den Fernsehhauptnachrichten Begriffserklärungen geliefert, es wird mit Grafiken gearbeitet, um Leerverkäufe und Shortselling zu erklären – Subprime und Immobilienblase werden längst vorausgesetzt. Wir bekommen Vokabeln gereicht wie die letzten Bissen, die man Hunden zuwirft, bevor man aufbricht zur wilden Jagd. Wir bleiben zurück und glauben einen Moment lang, Bescheid zu wissen über makroökonomische Zusammenhänge, Leitzinssenkungen und Währungsfragen, Konjunkturprobleme und die spezifischen Exportsituationen einzelner Länder, bevor das Bild wieder verwischt. Im Bauch ein diffuses Gefühl der Angst, weil wir ahnen, dass die nächste Lektion schon folgen wird. Wir wissen bereits, es handelt sich um einen Frontalunterricht, der uns zu Begriffszuschauern macht. Denn aktiv werden wir diese Sprache kaum sprechen, die man uns beibringt. Und vielleicht entsteht deswegen trotz all des Bescheidwissens der Eindruck, dass wir nicht wirklich mitkriegen, was da stattfindet.

Sind wir Frösche, die nicht mehr wahrnehmen, dass das Wasser um sie zu kochen beginnt, wie eine beliebte Soziologengeschichte nahelegt, die Dirk Baecker in den Neunzigern in seinem Buch „Das postheroische Management“ anführt? Denn ein Frosch, der im Wasser sitzt, das langsam erhitzt wird, kriegt nicht mit, wenn es für ihn zu heiß ist. Warum? Er kann das etwas wärmere Wasser nicht vom warmen unterscheiden. Oder wäre der Begriff shifting baselinesangebracht, den Harald Welzer von den Umweltpsychologen entlehnt, um zu erklären, warum der Klimawandel niemandem auffällt? Dieser besagt, „dass Menschen immer jenen Zustand für den ,natürlichen‘ halten, der mit ihrer Lebens- und Erfahrungszeit zusammenfällt“. Es mag etwas skurril klingen, aber zugespitzt formuliert könnte man sagen: Ist unsere politische Reaktionsfähigkeit schon so auf null gesunken, das Phlegma schon so verbreitet, dass wir nichts anderes mehr erwarten als drastische Einschnitte und Sparmaßnahmen im Sozialen? Ich weiß, dieses Wir ist fragil, es ist hier ein Wir der westlichen Industriegesellschaften, ein reiches Wir, das sich schon so im Neoliberalismus eingerichtet hat, dass es uns nicht mehr ungewöhnlich erscheint, wenn Manager das 800-Fache eines einfachen Angestellten verdienen.

Aber vielleicht ist es auch nur die „Gesellschaft des Spektakels“, die uns regiert, wie wir von Guy Debord seit 1967 wissen. Denn das Spektakel ist nicht nur stets eine Nummer zu groß für uns, es trennt den passiven Zuschauer von der Erfahrung und trennt dann die unterschiedlichen Erfahrungsbereiche voneinander, „vereinigt das Getrennte, aber nur als Getrenntes“. Dies würde auch erklären, warum wir uns so schwer tun,einen Zusammenhang des Krisengeschehens zu erkennen. Und wenn man wie Debord daraus schließen kann, dass das Spektakel das Gegenteil eines Dialogs sei, schließlich sei es „die ununterbrochene Rede, die die gegenwärtige Ordnung über sich selbst hält, ihr lobpreisender Monolog“, dann darf man nur hoffen, dass dieser Monolog unterbrochen wird. Bzw. wir dürfen das Spektakel nicht in sich ruhen lassen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2009)