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Konzerthaus: Beethovens Neunte, ganz ohne Zittern

(c) Wiener Konzerthaus (Wiener Konzerthaus)
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Ton Koopman übernahm diesmal die Leitung der Neunten Symphonie, die traditionsgemäß von den Wiener Symphonikern zum Jahreswechsel aufgeführt wird: ein Originalklang-Versuch in rasantem Tempo.

Ein bisschen verrückt ist es schon, von den Streichern der Wiener Symphoniker zu verlangen, eine ganze Beethoven-Symphonie lang keinen Ton mit Vibrato zu spielen. Und doch: Ton Koopman, Originalklang-Experte erster Güte, hat die traditionelle Neunte zum Jahreswechsel zu etwas Besonderem gemacht. Es stimmt schon: Die meisten Normal-Kapellmeister wissen mit der gigantischen und höchst komplexen Partitur zu wenig anzufangen; jedenfalls gelangen viele Wiedergaben des Werks nicht über das Experimentier-Stadium hinaus.

Koopman freilich hat eine echte Interpretation anzubieten. Er weiß, was er will – und bekommt es von den Symphonikern (und der exzellent mithaltenden Singakademie) widerspruchslos geliefert. Dass den Musikern die gewählte Gangart gegen den gewohnten romantischen Strich ging, war jedenfalls nicht zu bemerken. Die Aufführung am Dienstagabend war eine der engagiertesten, die in Wien in der jüngeren Vergangenheit zu verzeichnen waren.

Namentlich in den ersten beiden Sätzen durfte man die klangliche Balance zwischen Bläsern und Streichern auf die Habenseite buchen. Eine so klar disponierte, das Stimmengewebe bloßlegende Realisation hört man kaum. In aller Regel artet gerade der Kopfsatz in einen undurchdringlichen Fortissimo-Klangbrei aus.

Diesmal hingegen blieb das Linienspiel beweglich, noch innerhalb einzelner Phrasen dynamisch modelliert und vor allem auch in den Mittelstimmen liebevoll austariert. Die für den großen Konzerthaussaal absurd kleine Besetzung sollte man dafür nicht verantwortlich machen – die Disziplin der Symphoniker hätte die nämliche Transparenz gewiss auch in adäquater Spielstärke (mit verdoppeltem Bläsersatz, apropos „originale Aufführungspraxis“!) erreicht; bei passender Klangfülle . . .

 

Problematische Tempo-Wahl

Wirklich problematisch bleibt bei alledem aber wohl Koopmans rigorose Tempo-Dramaturgie, die sowohl für das Adagio als auch für das Finale ungewöhnlich rasche Zeitmaße vorsieht. Dem langsamen Satz geht damit viel an melodischer Ausdruckskraft verloren, dafür gewinnt er an geradezu tänzerischem Charme und verwandelt sich auf diese Weise zu einem positiven Gegenbild zum (diesmal mit allen Wiederholungen musizierten) bitterbösen Scherzo. Die Sechzehntel- und Zweiunddreißigstel-Koloraturen, mit denen die Primgeigen gegen Ende die Wiederkehr des Hauptthemas umspielen, nahmen freilich den Charakter halsbrecherischer (dafür aber bemerkenswert virtuos exekutierter) Fingerübungen an.
Auch die beinah ohne Rubato gesungenen Solo-Passagen gegen Ende des Finales (Malin Hartelius, Marie-Claude Chappuis, Jörg Dürmüller und Matthias Goerne) hatten etwas Parodistisches; während Goernes einleitende Mahnung samt der ersten Strophe des Freudenlieds wie auch die prägnant artikulierten Chorpassagen von hoher Eindringlichkeit waren.

So kann eine solche Wiedergabe zum Wechselbad der Gefühle werden. Ton Koopmans springlebendiger Totaleinsatz sorgte jedenfalls für durchgehende Spannung – das ist mehr als zuletzt von einem Großteil der Silvester-„Neunten“ behauptet werden durfte. Der Jahreswechsel im Konzerthaus gelang also con anima und damit durchaus denkwürdig. (sin)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.01.2015)