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„Eine Taube . . .“: Mit Scherzartikeln in den Abgrund

Menschen in grotesken Situationen: der schwedische Film „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“.(c) Filmverleih Neue Visionen
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Roy Anderssons „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ ist das ideale Gegenprogramm zu „Der Hobbit“ oder „Exodus“.

Es sind die Geschichten, von denen man leichthin behauptet, das Leben würde sie so schreiben: In einem Schnellrestaurant stehen die Menschen betreten herum; direkt vor der Kasse liegt ein Mann auf dem Boden; offenbar ist er tot umgefallen. Nun hat die Kassiererin ein Problem: Was soll mit dem Krabbensandwich und vor allem dem gezapften Bier geschehen, das der Verstorbene bereits bezahlt hat – sie könne ja schließlich nicht zwei Mal für dasselbe Bier abkassieren. In einer anderen Szene steht ein Mann mit dem Handy am Ohr vor einem Restaurant und bespricht traurig eine Mailbox; anscheinend hat man ihn versetzt. Dann wieder müht sich ein dicklicher Mann mit dem Öffnen einer Weinflasche ab. Eine besondere Gelegenheit sollte endlich begossen werden, doch das Schicksal schlägt mit böser Ironie vorher zu.

Der schwedische Regisseur Roy Andersson baut seine Filme aus Szenenfolgen auf, die in einem sehr wohligen Sinn ans Theater erinnern, weil sie dessen unterhaltsamste Form aufgreifen: die Nummernrevue. Trotz seines philosophisch anmutenden Titels, „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“, lässt sich Anderssons Film (mit dem er in diesem Jahr in Venedig den Goldener Löwen gewann) auch einfach als Abfolge von Sketchen betrachten. Sketche, deren Pointe manchmal allein aus der Hinauszögerung eines Witzes besteht. Wer bei „Timing“ an Tempo und Schnelligkeit denkt, wird hier eines Besseren belehrt. Andersson ist ein Meister der Langsamkeit.

Und trotzdem vergehen die 39 Szenen, aus denen „Eine Taube . . .“ besteht, ausgesprochen schnell. Angelegt als „tableaux vivants“ sind sie in starren Einstellungen gedreht und spielen in präzis erdachten Räumen voller Beigetöne, oft mit einer nicht unerheblichen Menge an Darstellern und Statisten, deren Gesichter hinter dicker, bleichmachender Theaterschminke ihre Individualität verlieren. Aber jede einzelne Szene, jeder Sketch ist so reich an Details im Vorder- und Hintergrund, dass man Mühe hat, alles sofort zu erfassen. Wie in der eingangs beschriebenen Szene mit dem Mann, der telefonierend vor einem Restaurant steht: Während er das mögliche Missverständnis beklagt – war das Treffen an einem anderen Ort, an einem anderen Tag vereinbart? –, sieht man durch das Schaufenster, wie im Restaurant einer Frau das Herz gebrochen wird.

 

Gummimasken namens „Onkel Einzahn“

Mancher Kinogänger kennt die Methode aus Anderssons „Songs from the Second Floor“ (2000) und „Das Jüngste Gewitter“ (2007), die nun mit der „Taube“ zusammen eine Trilogie zum Thema „Das Leben als Mensch“ bilden. Wobei die „Taube“ zumindest vordergründig lustiger, ja, leichter scheint als ihre Vorgängerfilme. Das liegt vor allem an den beiden Hauptfiguren, die diesmal als Running Gag ein Bindeglied zwischen den disparaten Szenen bilden.
Jonathan (Holger Andersson) und Sam (Nils Westblom) behaupten von sich, in der Unterhaltungsbranche tätig zu sein und den Menschen Spaß bringen zu wollen. Nun, sie geben ihr Bestes: Die beiden verkaufen Scherzartikel, und zwar genau drei Sorten: Vampirzähne, Lachsäcke und Gummimasken mit dem putzigen Namen „Onkel Einzahn“. Aber die Geschäfte laufen schlecht. Und entsprechend herrscht zwischen den im Grunde tieftraurigen Gestalten eine Dick-und-Doof-Dynamik. Die vorgebliche Dominanz des einen wird von der manipulativen Weinerlichkeit des anderen in Schach gehalten. Ihre existenzielle Verlorenheit, gepaart mit einer Portion Männerheim-Verwahrlosung, lässt an Estragon und Wladimir, das auf Godot wartende Paar, denken.

Immer dann, wenn man sich einrichten will im leisen Lachen über das ewige Ungeschick der Menschen, wechselt Andersson zu einer nachhaltig verstörenden Szene. Gegen Ende etwa wird ein Zug schwarzer Sklaven in eine mit diversen Ventilen versehene Tonne geleitet und dort eingeschlossen. Während geladene Gäste davor Platz nehmen, wird darunter Feuer angezündet. Die Tonne beginnt sich zu drehen und gibt eigenartige Töne von sich. Der Zuschauer kann sich zurechtlegen, ob er das als Parabel auf die Inhumanität der Sklaverei oder auf die Korruption der Kunst verstehen will. Andersson selbst ist für alle Interpretationen offen. Das macht seinen Film so zugänglich und zugleich so effektiv: Der Humor dient ihm als eine Art Fernglas, mit dem sich ein besonders scharfer Blick in den Abgrund werfen lässt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.01.2015)