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Litauen: Eurozone begrüßt ihr 19. Mitglied

(c) APA/EPA/VALDA KALNINA (VALDA KALNINA)
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Als letzter der drei Baltenstaaten trat Litauen am Neujahrstag dem Euro bei. Die Euphorie ist besonders in Regierungskreisen groß, in der Bevölkerung aber ist noch viel Skepsis spürbar.

Warschau/Kalvarija. Ein großes Feuerwerk über Vilnius hat in der Silvesternacht auch für Litauen „das neue Zeitalter“ eingeführt: So jedenfalls bezeichnet der sozialdemokratische Ministerpräsident, Algirdas Butkevičius, den Übergang von der bisherigen Landeswährung, Litas, zum Euro. Litauen – seit 2004 in der EU – ist als letzter der drei Baltenstaaten das 19. Mitglied in der Währungsunion.

Als Butkevičius gestern eine Minute nach Mitternacht mit seinem estnischen Amtskollegen, Taavi Rõivas, und dem lettischen Außenminister, Edgars Rincēvičs, medienwirksam den ersten Fünf-Euro-Schein aus einem litauischen Bankomaten zog, war das wohl durchaus auch als symbolischer Widerstand gegen Russland zu verstehen: Moskau hatte nach der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim auch den drei ehemaligen Sowjetrepubliken unmissverständlich mit einer möglichen bewaffneten Intervention gedroht.

„Ich glaube, dass die neue Währung uns stärker machen wird – wirtschaftlich wie auch politisch“, machte Butkevičius den Litauern jüngst im Radio Mut. Nach fast 50 Jahren sowjetischer Besetzung sind vor allem die litauischen Eliten froh und dankbar dafür, dass sich das Land wieder zurück in der westlichen Wirtschafts- und Wertegemeinschaft befindet. Dass dies nicht nur Privilegien, sondern auch eine große Verantwortung mit sich bringt, ist für Vilnius eine Selbstverständlichkeit.



Finanzminister Rimantas Šadžius wirbt jedoch vor allem mit ökonomischen Vorteilen: „Estland und Lettland (seit 2011 bzw. 2014 in der Eurozone) haben nach der Euroeinführung von einem höheren Wirtschaftswachstum profitiert“, betont er. Laut der Wirtschaftprüfungsfirma EY (früher Ernst & Young) kann auch Litauen 2015 mit 4,5 Prozent Wirtschaftswachstum rechnen. Das oftmalige Schlusslicht des Baltikums überholt damit in den Voraussagen Lettland (3,4 Prozent) und Estland (2,7 Prozent) deutlich. Alle drei Baltenstaaten leiden trotz der Ausrichtung des Exports auf den wirtschaftlich starken Ostseeraum unter dem russischen Embargo gegen EU-Agrarprodukte. Auch zehn Jahre nach dem EU-Beitritt sind die alten sowjetischen Handelsbeziehungen im Baltikum wichtig.

 

Angst vor Preissteigerungen

In Regierungskreisen ist die Euro-Euphorie also groß. Doch in der Bevölkerung ist nach wie vor viel Skepsis spürbar. Eine Informationskampagne hat die Zustimmung zum Euro zwar von knapp über 45 Prozent im September auf deutlich über 60 Prozent im Dezember hochgetrieben, doch viele Litauer haben große Angst vor Preissteigerungen. Auch andere psychologische Gründe spielen eine Rolle: So gilt der Litas als Symbol für die im Jahr 1991 wiedererlangte Unabhängigkeit von der Sowjetunion.

In der traditionell preiswerten Pienas Baras (Deutsch: Milchbar) des litauischen Grenzortes Kalvarija im Dreiländereck Polen, Litauen und der russischen Enklave Kaliningrad waren die Preise schon diesen Herbst in Klammern auch in Euro angeschrieben. „Das sieht nach weniger aus, wenn die Suppe unter eins kostet, aber in Wirklichkeit wird alles teurer werden“, sorgt sich eine Pensionistin. „Die Kapitalisten werden die Gunst der Stunde nutzen und alle Preise erhöhen“, fürchtet die Frau, die ihre magere Rente mit Schmuggelware aus der nahen russischen Enklave aufbessert. Auch im Supermarkt Maxima an der südlichen Ausfahrtsstraße Richtung Polen sind alle Preise schon in Euro angegeben.



3,45 Litas ergeben einen Euro – das sieht schön aus, doch real wird jeder Litauer im neuen Jahr viel weniger verdienen. Die erwarteten Preiserhöhungen lösen deshalb auch in Kalvarija große Ängste aus. Bei einer Arbeitslosigkeit von landesweit zwölf Prozent könnte dies einige treffen, zumal unter den Jugendlichen sogar jeder fünfte keine Stelle finden kann. In Kalvarija, wo anti-sowjetische Partisanen bis in die Fünfzigerjahre gegen Moskau gekämpft haben, ist vielen der „Weiße Ritter“ Vytis auf der litauischen Ein- und Zwei-Euro-Münze auch ein gewisser Trost für die geliebte Landeswährung Litas, die am 16. Januar ihre Gültigkeit verliert. Denn als Rächer früheren Unrechts ziert Vytis seit 600 Jahren in Litauen geprägte Münzen. „Viele haben Angst, doch das mit dem Euro wird schon gut gehen“, sagt die junge Blumenhändlerin von Kalvarija in ihrem freundlich hellen Laden gegenüber der sowjetisch anmutenden Post. „Ich jedenfalls freue mich riesig, dass wir nun wirklich voll und ganz zu Europa gehören!“

Weitere Infos: www.diepresse.com/europa

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.01.2015)