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Heute vor... im Jänner: Deutschland soll ausgehungert werden

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Aushungerungsplan ist völkerrechtswidrig.

Heute vor 100 Jahren: Deutschland soll ausgehungert werden

Aushungerungsplan ist völkerrechtswidrig.

Neue Freie Presse am 31.1.1915

In dem Krieg, den Deutschland gegen eine Welt von Feinden führt, ist es mit dem Kampf auf den Schlachtfeldern allein nicht getan. Zugleich mit diesem Kampf geht ein anderer einher, der sich in der Stille vollzieht und der ebenfalls schwer und gefährlich ist, wenn auch in ihm kein Blut fließt. Deutschlands Feinde wollen es zweifach vergewaltigen und niederzwingen: sie wollen es durch ihre Heeresmacht erdrücken und gleichzeitig wollen sie es aushungern. England hat diesen Aushungerungsplan ausgedacht und versucht, ihn mit Hilfe seiner Weltmeere beherrschenden Flotte zur Ausführung zu bringen. Deutschland wird von jeder Zufuhr ausgesperrt. Es sollen nicht nur den deutschen Heeren der Proviant, sondern es sollen der gesamten deutschen Bevölkerung die Lebensmittel abgeschnitten werden. Ein Teil, ein möglichst gro0ßer Teil des deutschen Volkes soll an Nahrungsmangel zugrunde gehen.  England setzt sich über einen Teil des Völkerrechts, der das verbietet, hinweg wie über jeden anderen, der einem seiner Pläne im Wege steht.

 

Tanzbegeisterte Paragraphenmenschen

Bericht vom Juristenball.

Neue Freie Presse am 30.1.1890

Ein eigener Zauber ist mit dem Juristenball verwoben, ein Zauber, der schon eine Generation entzückte, welche längst dem tanzfrohen Treiben entrückt ist. Es ist nicht allein der vornehme Ton und die heitere Geselligkeit, welche diesem Feste unserer jungen Rechtsgelehrten ein solches Lustre verleihen. Der Juristenball führt uns in einen eleganten Salon, in welchem alle Welt sich kennt, und dieser Umstand gibt dem Fest ein intimes Gepränge und gesellschaftlichen Reiz. So war es auch gestern. Die Gesellschaft, welche sich im Sophiensaal einfand, bot das glänzendste Ballbild; eine verwirrend große Zahl reizender Damen, geschmackvolle Toiletten, funkelnde Edelsteine boten sich dem bewundernden Auge. Und mit hinreißendem Elan wurde getanzt. Feurig schwirrten die Tanzpaare durch den Saal, die ernstesten Paragraphenmenschen wurden die geschmeidigsten und unermüdlichsten Tänzer, und die Geigen jubelten dazu einen heiteren Commentar.

 

Der Dichter Ludwig Ganghofer trifft den deutschen Kaiser

Ein Artikel als Vorlage für den Satiriker.

Neue Freie Presse am 29.1.1915

Nur eines einzigen Blickes in diese klaren und offensprechenden Augen bedarf es, und gleich einer glühenden Welle durchströmt mich der sehnsüchtige Wunsch: es möchten alle Tausendscharen der Deutschen, namentlich jene, in denen Sorge und Bangigkeit zu erwachen drohen, jetzt an meiner Stelle stehen, dann würden sie in freudiger Ruhe aufatmen wie ich. Unter allem Sturm der vierundzwanzig Wochen ist der Kaiser der gleiche geblieben – nein, nicht der gleiche, er ist einer geworden, der gewann und nichts verlor. Der Kaiser ist ein durch die Zeit Erhöhter! Man empfindet es vor dem Bilde seiner Würde und Haltung, empfindet es bei seinem ruhigen Lächeln, vor seinem ruhigen Blick. Und bevor ich noch ein erstes Wort vom ihm höre, strömt etwas Aufrichtendes in mich über. Ein frohes Gefühl der deutschen Sicherheit ist in mir, erneuter Glaube und erhöhtes Vertrauen. Ich weiß: bei uns ist die Wahrheit, bei uns das Recht, bei uns die Kraft und bei uns der Sieg! Ob der Kaiser ahnt, was in mir vorgeht? Er sieht mich plötzlich mit einem jener forschenden Blicke an, die in seinen stählernen Augen sein können. Dann nickt er freundlich, reicht mir die Hand und erhöht mir die Freude dieser Minute durch ein ebenso herzliches wie impulsives Lob meiner Landsleute: „Na, Ganghofer, Ihre Bayern! Prachtvolle Leute! Die haben feste und tüchtige Arbeit gemacht! Und vorwärts geht es überall, Gott sei Dank!“

Anmerkung: Dieser bis zur Grenze der Erträglichkeit panegyrische Text wurde von Karl Kraus in der 23 Szene des 1. Aktes der „Letzten Tage der Menschheit“ verspottet.

 

Kein Anschluss an Deutschland!

Ernste Warnung von alliierter Seite.

Neue Freie Presse am 28.1.1925

Die französische Zeitung „Le Temps“ beschäftigt sich an leitender Stelle mit der Reise österreichischer Parlamentarier nach Berlin und richtet in diesem Zusammenhang eine Warnung an Österreich. Alle Anschlussbestrebungen, schreibt das offiziöse Blatt des Quai d’Orsay, müssten bei den Alliierten das schärfste Misstrauen erwecken. Die österreichische Regierung täte gut daran, diesem Umstande Rechnung zu tragen. Wien dürfe nicht den Fehler begehen, sich auf Wege des offenen oder versteckten Anschlusses an Deutschland zu begeben, denn ein wirtschaftlicher Anschluss wäre nur das Vorspiel zur politischen Vereinigung. Mit einem solchen Abenteuer, bei dem die Alliierten eines Tages vor vollendete Tatsachen gestellt würden, würde Österreich seine Existenz aufs Spiel setzen. Es würde damit einen wahren Selbstmord begehen. Österreich kämpfe allerdings einen schweren Existenzkampf. Es gebe noch ein anderes Mittel, um aus den gegenwärtigen Schwierigkeiten herauszukommen, und das wäre der wirtschaftliche Zusammenschluss der Nachfolgestaaten. Nur darin müsse Österreich sein Heil erblicken, nicht aber in der Vereinigung mit dem Deutschen Reich, die den Friedensverträgen zuwiderlaufe und von den Alliierten niemals geduldet würde.

 

Österreichs Parlament – ein Theater

Der Volksmund nennt das Parlament „Schmerling-Theater“.

Neue Freie Presse am 27.1.1865

Wer war es denn eigentlich, der dem vor dem Schottentor so urplötzlich vor unser Auge gerückten niedlichen Bau den Namen Schmerling-Theater gab? Dem Wiener Volksmund entsprang jener halb spöttische, halb ernste Name. Der Volksmund stempelt das Versammlungshaus, von dem wir hier sprechen, zu einem Schauspielhaus, den Verfassungsminister zum Theaterdirektor, den jeweiligen Präsidenten zum Regisseur und die Abgeordneten zu Schauspielern. In der ersten Zeit war es schwer, im „Zuschauerraum“ Platz zu finden, die Neuheit lockte an;; die aufgeführten „Stücke“ zeichneten sich durch volksmäßige Lebendigkeit aus, und das vielfache Extempore, von dem, nebenbei bemerkt, der Wiener ein warmer Freund ist, entzückte vollends. Der „Direktor“ ist nicht auf Rosen gebettet, ihm ist es darum zu tun, das „Personale“ vollzählig und bei möglichst guter Laune zu halten, und das ist ein schweres Stück Arbeit. Auch ist ihm das Extemporieren durchaus zuwider . Ein verdrießlicher Einwurf ist allerdings der: Ein Theater ohne Frauenzimmer!

(Anmerkung: Seit der Verfassung von 1861 gab es in Österreich ein Parlament, einen Reichsrat.  Es gab aber zunächst noch kein Gebäude dafür, man musste sich also um ein Provisorium umsehen. Es wurde gefunden in der Nähe des späteren Schottenrings, war gebaut wie ein Theater und wenig ansehnlich und wurde deshalb in der Bevölkerung Bretterbude genannt oder auch Schmerling-Theater, nach dem Ministerpräsidenten Anton von Schmerling.  Das heutige Parlament an der Ringstraße wurde erst 1883 fertiggestellt.)

 

Ernste Warnung an Italien

Offene Worte des Innenministers Julius Andrassy im Zeitungskommentar.

Neue Freie Presse am 26.1.1915

Die öffentliche Stimmung in Italien ist uns vielfach feindlich. Der Irredentismus hat Raum gewonnen. Auf dem Forum macht sich die Stimme unserer Feinde viel lauter bemerkbar als die Stimme derjenigen, die es mit uns halten. Werden den Worten aber auch Taten folgen? Ich kann es nicht glauben. Ohne die gegen uns gerichtete lärmende Agitation würde ich es gar nicht wagen, diese Frage aufzuwerfen, denn ich würde befürchten, damit die italienische Nation zu beleidigen. So aber fühle ich mich darin nicht beengt und möchte mich mit der Frage beschäftigen, ob es wohl wahrscheinlich ist, dass unsere Bundesgenossen uns angreifen, obgleich wir ihnen nichts tun. Ich will mich nicht damit beschäftigen, ob es eine kluge Politik ist, den bestehenden Vertrag zu verletzen, ob sich Italien damit nicht der Gefahr aussetzen würde, dass es sich den stärksten Hass seiner beiden Verbündeten zuziehen wird (Deutschland und Österreich), ob seine Treulosigkeit seinen Kredit und seine Autorität auf der Welt vermehren würde und ob es sich zuverlässige Freunde erwerben könnte. 

 

 

Streit ums Etablissement Ronacher

Produktionen sind zu teuer, der Direktor geht.

Neue Freie Presse am 25.1.1890

Herr Anton Ronacher, Direktor des bekannten Etablissements auf der Seilerstätte, hat seine Stelle niedergelegt und gedenkt sich nunmehr anderen Unternehmungen zu widmen. Der Name des Etablissements Ronacher wird durch diesen Austritt des Begründers desselben nicht geändert. Der Grund des überraschenden Austrittes des Herrn Ronacher ist in Differenzen zu suchen, welche schon seit längerer Zeit zwischen ihm und der englischen Aktiengesellschaft, welche gegenwärtig Eigentümerin ist, schweben. Es scheint, dass die Verwaltungsräte dieser Gesellschaft von der Ansicht ausgingen, dass die Regie des Unternehmens sich zu teuer stelle, während Ronacher wieder den Standpunkt vertrat, dass ein großstädtisches Etablissement, welches auf den Besuch wohlhabenderer Gesellschaftskreise rechnet, auch auf einem gewissen luxuriuösen Niveau erhalten werden müsse. Die Gesellschaft gedenkt, das Hotel und die mit dem Etablissement verbundene Gast- und Kaffeewirtschaft zu verpachten. Laut Vertrag ist es Herrn Ronacher nicht gestattet, in Wien ein anderes, seinen Namen führendes Etablissement zu errichten.

 

Wenn die "Taube“ über den Städten auftaucht …

Eine österreichische Erfindung macht Furore.

Neue Freie Presse am 24.1.1915

Die deutsche „Taube“ ist der Schrecken unserer Feinde geworden. Sie erscheint über den befestigten Plätzen und Truppen der Franzosen, Engländer und Russen, und die Insassen des Flugzeuges erkunden die gegnerischen Stellungen und lassen Bomben niederfallen. Obwohl die Aeroplane des deutschen Heeres nur zu einem gewissen Teile dem „Tauben“-Typ angehören, haben die Feinde dennoch für sie den Sammelausdruck „Taube“ sich zur Gewohnheit gemacht. Es scheint eben, dass sie in dieser besonders markanten Flugzeugart ihren kriegstüchtigsten und daher gefährlichsten Gegner in der Luft fürchten. Wenn aber der „Taube“ in diesem Krieg so große Würdigung zukommt, dann darf nicht vergessen werden, dass sie dem Erfindungsgeist eines Österreichers zu verdanken ist und auch bei uns zu Lande ihre Entwicklung bis zu großer Leistungsfähigkeit gefunden hat. Wer die Geschichte der Flugforschungen und der Flugtechnik in Österreich kennt, der weiß, dass Igo Etrich der Erfinder und Schöpfer des Flugzeuges „Taube“ ist, dem er selbst auch diesen Namen gegeben hat.

 

Ärger der Hausfrauen über das Kriegs-Mehl

Erste Kochversuche mit dem neuen Mehl gescheitert.

Neue Freie Presse am 23.1. 1915

Sowohl das Gersten- als auch das Weizenbrotmehl nehmen weniger Wasser auf als das Weizenmehl. Infolgedessen haben unsere Hausfrauen und Köchinnen bei den ersten Kochversuchen mit den gegenwärtig erhältlichen Mehlsorten manche Plage und viel Verdruss. Im nachstehenden soll eine kleine Anleitung gegeben werden, wie das Mehl zu behandeln ist. Als Grundsatz muss gelten, dass der Teig aus diesen Mehlarten stets hart bereitet werden muss, hierauf soll man ihn etwas stehen lassen und dann erst verwenden. Der Erste Wiener Konsumverein hat eine Reihe von Kochversuchen mit Gersten-, Weizenbrot-, Reis- und Maismehl unternommen und ist zur Herstellung einiger erprobter, schmackhafter und auch billiger Speisen gelangt, für die er folgende Rezepte zur Verfügung stellt.

(Die Zeitung druckt anschließend Rezepte für Suppennudeln, Fleckerln, Reibgerstel, böhmische Dalken, Butterteig, Eierkuchen bzw. Omelette, Maismehlbrei, Schinkenfleckerln, Topfentascherln, Reisgrießnockerl und Kriegsknödel ab.)

 

Die Erfindung des Grafen Zeppelin

Eine Wunderwaffe weckt große Hoffnungen.

Neue Freie Presse am 22.1.1915

Als im August des Jahres 1908 zum erstenmal ein vom Grafen Zeppelin gebautes Luftschiff vom seiner Heimstätte am Bodensee aus große Teile von Deutschland überflog, bis Mainz und Stuttgart gelangte, entblößte die begeisterte Menge überall in den Städten und Dörfern, auf den Straßen und Feldern beim Anblick des Luftriesen das Haupt und sang, im Innersten bewegt, das Lied „Deutschland, Deutschland über alles!“ Mit prophetischem Blick hat das einfache Volk schon damals erkannt, welche mächtige Bedeutung die Erfindung Zeppelins für die Wehrkraft des Vaterlandes habe, und diese Gefühle fanden in dem Nationallied spontanen Ausdruck. Graf Zeppelin, selbst ein nun längst ergrauter deutscher Soldat aus dem Siebzigerkrieg, hat das erfüllt, was das deutsche Volk von seinem Luftschiff erwartete, als jetzt die Stunde für ihn geschlagen. Mehrere Lenkballons des von ihn erfundenen Systems sind Dienstag über England geflogen und haben schon durch ihr bloßes Erscheinen Angst und Schrecken, durch ihre Bombenwürfe aber Tod und Verderben verbreitet.

 

Die kritischen Jahre des Mannes

Die typischen Beschwerden der Fünfzigjährigen.

Neue Freie Presse am 21.1.1915

Wenn auch beim Manne eine Reihe physiologischer Vorgänge, die das weibliche Geschlecht charakterisieren, nicht vorhanden sind, beobachten dennoch die Ärzte bei Männern um das fünfzigste Lebensjahr herum folgende Erscheinungen: Die Männer klagen über Atemnot, Herzklopfen, Beklemmungsgefühle, leichten Schwindel, psychische Depression usw. Die Männer werden durch diese Symptome geängstigt, der Laie spricht oft von Verkalkung der Schlagadern. Dagegen sieht der Arzt recht oft Männer mit dicken Bäuchen, die den unteren Brustumfang erweitern, das Zwerchfell in die Höhe drängen und unbeweglicher machen. Die Männer, meist Vertreter der geistig arbeitenden Stände, sind vom Arzte an eine entsprechende Lebensführung zu gewöhnen. Arbeit und Genuss müssen in gemäßigter Form durchgeführt werden. Gegen die Neigung, die Körperbewegungen einzuschränken, ist anzukämpfen, leichte, schonende Entfettungskuren sind am Platze, die Ernährung ist zu regeln, Rauchen und Trinken sind einzuschränken, öftere kurze Arbeitsferien einzuschalten.

 

Naschmarkt kommt auf die Wienzeile

Wie sollen die Standeln aufgestellt werden?

Neue Freie Presse am 20.1.1915

Die Verlegung des Naschmarktes. Die Genossenschaft der Viktualienhändler teilt uns mit: Nachdem sämtlichen Parteien des Freihauses gekündigt wurde und die Räumung der Geschäftslokale und Wohnungen zum Februartermin unwiderruflich erfolgen muss, wird die Verlegung des Marktes auf die Wienflußeinwölbung schon in den nächsten Monaten in Angriff genommen. Die Frage, wie der neue Markt ausgestattet werden soll, damit er seinem Zwecke in jeder Hinsicht entspricht, beschäftigt nun schon seit geraumer Zeit nicht nur die Marktbehörden und die Gemeinde, sondern auch die Händlerschaft. Die Händler wollten das sogenannte „Block“-System, nach welchem je vier Stände einen Block bilden, wodurch jede Bevorzugung vermieden und die freie Konkurrenz ermöglicht wäre. Das Stadtbauamt hingegen ist für das „Fassade“-System und will an dem bereits fertigen Plan nicht rütteln lassen.

 

Das Leben der Lehmmenschen

Lebensbedingungen im Schützengraben.

Neue Freie Presse am 19.1.1915

Es ergab sich eine Gelegenheit, in der vordersten Linie das Leben der dort Ausharrenden gründlich zu beobachten. Diese Lehmmenschen haben ganz neue, bisher unbekannte Lebens- und Nahrungsbedingungen angenommen. Um Nachtruhe zu haben, bedürfen sie normalerweise eines Bettes in einem geschlossenen Raume; jetzt schlafen sie im Unterstand auf dem Boden, von dessen Nässe sie nur eine sehr dünne Strohschicht trennt. Sie alle, auch der ärmste Mann, sind eine gewisse Körperpflege gewohnt, sie baden oder waschen sich, wenn sie aufstehen. Hier ist das Reinigungsmittel das Grundwasser. Das deutsche Volk ist – dem französischen gegenüber – weit mehr an Reinlichkeit gewöhnt. Der Deutsche fühlt sich unglücklich, wenn er sich nicht säubern kann, und nun ist das junge Deutschland in Waffen mit einer Lehmkruste überzogen, die von Woche zu Woche dicker wird. Und die Leute leben doch. … Der deutsche Lehmmensch hier im Argonnenwalde in der vordersten Linie hat einstweilen alles aus seiner Vergangenheit gestrichen. Das Heim, das Bett, den gedeckten Tisch, sein behagliches Leben unter den Seinen, seine schönen Kulturgewohnheiten, sein gegenwärtiges Dasein ist ein Schweben zwischen Leben und Tod.  

 

 

Wunderbares Telephon

Über den richtigen Sprechton beim Telephonieren.

Neue Freie Presse am 18.1.1890

Die Fortschritte des Telephons finden in immer weiteren Kreisen die größte Beachtung. Am 17. Dezember fand in einem großen Saale in Ödenburg eine von Herren und Damen aus der Elite der Bevölkerung zahlreich besuchte Vorlesung über das Telephon mit durchwegs gelungenen Experimenten statt. Mit dem Telephon schon Vertraute, die den gewöhnlichen Sprechton beibehielten, erfreuten sich einer geradezu überraschenden Wirkung; aber viele, die zum erstenmale das Telephon benützten, glaubten zum Ergötzen der besser Informierten einen noch größeren Erfolg zu erzielen, wenn sie in den Apparat recht hineinschrien, in der Meinung, dann umso deutlicher in der weiten Entfernung gehört zu werden. Sie täuschten sich selbstverständlich, und der Vortragende hatte große Mühe, jedem Einzelnen aufs neue zu erklären, dass diese mit Kraft hineingeschrienen Worte auf der anderen Seite nicht so gut gehört werden, wie die im ganz gewöhnlichen Konversationstone gesprochenen. Es ist dies auch ganz erklärlich, weil eben die heftige Erschütterung der Hörmembrane ein Kreischen derselben hervorruft und die ordnungsmäßige Entwicklung der Töne geradezu verhindert.

 

Österreich - ein Land der Gesangsvereine

In diesem Land herrscht ein reger Sinn für die Musik.

Neue Freie Presse am 17.1.1865

Wohl selten hat eine Einrichtung in der Neuzeit eine rasche Verbreitung gewonnen, als die Bildung der Gesangvereine. Mag man gegen diese Gattung der musikalischen Bestrebungen auch noch so streng sein und sie entweder in den Bereich der höheren „Bänkelsängerei“ weisen, wie dies von manchen, mitunter sehr wichtigen Stimmen aus der Kunstwelt geschehen ist, oder ihnen eine gewisse Geheimbündelei ansinnen und sie als Verschwörungsherd mit argwöhnischen Blicken beobachten – ihre Bedeutung für die Hebung des guten Geschmackes in der Tonkunst in den weitesten Kreisen und selbst die durch sie bewirkte Verallgemeinerung sittlicher Bildung lässt sich durchaus nicht in Abrede stellen. Hier in Österreich, wo der Sinn für Musik ein so reger ist, dass jede Älplerin die zweite Stimme in einem Lied ohne musikalische Vorkenntnisse ganz richtig anstimmt und durchführt, in dem Land, welches so viele der größten Tonmeister zu seinen Söhnen zählt, konnte die Entwicklung der allerorten aufgetauchten Bestrebungen auf dem Gebiete des Männergesanges nicht ohne nachhaltige Wirkung vorübergehen.

 

"Mit dem feministischen Zeitalter ist‘s vorbei“

Eine Frauenklage: Uns bleibt nur mehr das Stricken.

Neue Freie Presse am 16.1.1915

Kalendermäßig hat ja vor ein paar Tagen der Fasching begonnen. Um diese Zeit bekamen unsere Schaufenster sonst immer etwas Helles, Glitzerndes, Schimmerndes, und all der Glanz war dazu bestimmt, die Anmut junger Mädchen zu erhöhen, Frauenschönheit noch strahlender zu machen. Von all dem Tand und Prunk und Flimmer wagt sich auch nicht ein Endchen vor, die graue Farbe ist für die schauerlich ernste Zeit sinnbildlich geworden. Dieses Zurücktreten von Frauenputz und Boudoirkram hinter Männerkleidung und Kriegsausrüstung markiert einen Zeitabschnitt. Unter uns gesagt: Mit unserer Herrlichkeit ist’s vorüber, und auf lange! Mir kommt vor, wir Frauen haben unendlich an Wichtigkeit verloren. Alle Sorge und Sorgfalt gilt dem Manne, einzig dem Manne, der seine ursprüngliche Rolle des Kämpfers wieder aufnehmen musste. Ich selbst habe für die Soldaten bereits eine Unzahl Schneehauben gestrickt. Wenn mir damals, als wir vor etlichen Jahren im Festsaale unserer Universität stolz erhobenen Hauptes – die einzigen Damen unter einer ganzen Phalanx von mehr oder weniger jungen Herren – die Doktorswürde entgegennahmen, wenn mir damals jemand prophezeit hätte, dass ich einmal auf demselben Platz mich demütig würde über Stricknadeln beugen, ich hätte ihm ins Gesicht gelacht. Heute glaube ich, wir haben alle einen großen, großen Umweg gemacht … Es scheint, dass der Mann unter den vielen Dingen, die er sich jetzt erkämpfen muss, auch seine Stellung der Frau gegenüber neu erobert. Lange genug hat man uns Altäre gebaut, und wo uns das nicht genügte, haben wir schon selbst uns auf ein ansehnlich hohes Piedestal gestellt. Ich glaube, für eine Weile wird aller Weihrauch für den Mann, für den Kämpfer gespart bleiben. Allen Ernstes, mir schwant, mit dem feministischen Zeitalter ist’s vorbei. Die Frauenfrage scheint nicht zu existieren. Was freilich nicht beweist, dass sie gelöst wäre.

(Ein im Brief-Stil verfasstes Feuilleton von NFP-Journalistin Hermine Cloeter).

 

Wenn einmal die Londoner Clubs schließen …

Schwere Krise der Geselligkeit.

Neue Freie Presse am 15.1.1915

Immer stärker rüttelt der Krieg an den Lebensgewohnheiten der Engländer. Immer unbehaglicher gestaltet sich das tägliche Leben. Nun trifft das Schicksal auch die Klubs, die behaglichen Erholungsräume des gutsituierten Engländers. Wie die englischen Blätter berichten, haben seit Neujahr zahlreiche Klubs ihre Pforten geschlossen, und zwar meist aus ökonomischen Gründen, weil die Mitglieder fortblieben und sich der Betrieb nicht mehr rentierte. Niemand hat Lust, mehr als nötig ist, außer Haus zu weilen, und die Verkehrsschwierigkeiten  in den Abendstunden sind gerade für einen Klubbesuch nicht sehr einladend. Dazu kommen noch allerlei polizeiliche Vorschriften und Einschränkungen wie die Verminderung der Beleuchtung, das Verbot des Ausschankes von geistigen Getränken nach 10 Uhr abends, lauter Dinge, die zur Hebung der Geselligkeit wenig beitragen.  Allerdings machte sich in den letzten Jahren schon in England eine gewisse Klubmüdigkeit geltend, die nun durch den Krieg geradezu zu einer Krise führte.

 

Rücktritt des österreichischen Außenministers

Überraschender Wechsel: Graf Berchtold geht.

Neue Freie Presse am 14.1.1915

Wenn man je von einem aufgescheuchten Taubenschlag sprechen konnte, so war dies heute in bezug auf die diplomatische Welt der Fall. Von den Bureaux und Gängen des Auswärtigen Amtes in die Empfangsalons und Arbeitszimmer der fremden Diplomaten zitterte eine große Welle der Erregung hin und zurück. Es ist kein Zweifel, dass die Nachricht als vollständige Überraschung kam. Ein Diplomat, der gestern abend noch mit dem Grafen Berchtold verhandelte, hörte auch nicht ein Sterbenswörtchen über die wichtige Änderung. Es ist allerdings bekannt, dass Graf Berchtold nur aus großem Pflichtgefühl und dem Befehl seines kaiserlichen Herrn gehorchend bisher die schwere Bürde seines Amtes weitergetragen hat, wie er sie auch nur zögernd und erst nach mehrmaliger Aufforderung übernahm. Immerhin muss sein Rücktritt in so kritischer Periode stark wirken, und Graf Berchtold dürfte gebeten haben, anderen Händen als den seinen die Lösung der obwaltenden Schwierigkeiten zu übertragen.

Anmerkung: Viele Worte, wenig Information. Es wird nicht erklärt, was denn die „obwaltenden Schwierigkeiten“ sind. Das entscheidende Stichwort fehlt in allen Artikeln dieses Tages: Es heißt Italien. Der Druck auf Österreich-Ungarn durch die italienische Politik war groß geworden. Italien verlangte Gebietsabtretungen (Trentino!), Berlin unterstützte die italienischen Forderungen, um den Dreibundpartner zum Kriegseintritt auf Seiten der Mittelmächte oder zumindest zu einer sehr freundlichen Neutralität zu bewegen.  Kaiser Franz Joseph erklärte aber, lieber zurückzutreten zu wollen als das Trentino herzugeben, in dieser Frage war er zu keinerlei Konzession bereit. Außenminister Graf Berchtold gab wenige Wochen später zu verstehen: Er sei zurückgetreten, da ihm der Kaiser Gespräche über die Abtretung Südtirols verwehrt hatte. Auch die militärischen Kreise fürchteten eine schlimme Kriegswendung, sollte Italien aus dem Dreibund ausscheren und Krieg gegen Österreich-Ungarn führen.

 

Die Unordnung unserer Staatsfinanzen

Schulden werden mit Schulden zurückbezahlt.

Die Presse am 13.1.1865

Zu oft sind die österreichischen Finanzen auf einem anscheinend guten Weg gewesen, zu oft sind sie zurückgeschleudert worden in einen chaotischen Zustand.  Nichtsdestoweniger scheint nach der gemachten Budgetvorlage das Finanzministerium nicht von dem vollen – wir können es ohne Übertreibung sagen – von dem furchtbaren Ernst der Situation überzeugt zu sein. Allerdings sieht es auch ein, dass die Staatsfinanzen nicht in einem blühenden Zustande sind. Es äußert ein gelassenes Bedauern darüber, dass ein Defizit noch vorhanden ist. Es hofft, dasselbe in einigen Jahren überwinden zu können. Jedoch, behauptet es, kann es nicht Einsparungen machen, welche das Reich gefährden könnten. Die Budgets des Kriegs- und Marineministeriums scheinen nach seiner Ansicht nicht Abzüge von vielen Millionen vertragen zu können. So ist es also sicher, dass, falls im Laufe der nächsten drei Jahre sich wiederum ein Defizit von jährlichen dreißig Millionen Gulden ergeben würde, der hieraus resultierende Verlust für den Staat nicht einfach mit neunzig oder hundert Millionen zu beziffern sein würde. Das fortbestehende Defizit macht jede Hebung des Staatskredits unmöglich. Jede neue Anleihe drückt die älteren im Preise herab. Jede Rückzahlung einer alten Schuld durch Kreierung einer neuen bedingt eine vermehrte Belastung der Staatsfinanzen sowohl an der Kapitalsschuld wie an der jährlichen Zinszahlung.

 

Das Ende der Kaisersemmel?

Bald soll es nur mehr „Kriegsgebäck“ geben.

Neue Freie Presse am 12.1.1915

In Kreisen der Wiener Bäckermeister ist in der Frage der geplanten Gebäcksvereinfachung das Projekt aufgetaucht, das bisherige Kleingebäck überhaupt abzuschaffen und an dessen Stelle Weizenbrot als „Kriegsgebäck“ zu erzeugen. An den Beschlüssen, dreierlei Gebäck einzuführen, könne heute nicht mehr festgehalten werden. Es werde sich die Notwendigkeit ergeben, an Stelle des Kleingebäcks Kriegsgebäck zu erzeugen. Für die Bedürfnisse nach feinerem Gebäck brauche nur ein Tafelgebäck als „Kaffeebrot“ erzeugt zu werden. Das Kaffeebrot könnte durch den Zusatz von Kartoffelmehl schmackhafter gemacht werden. An Stelle der Kaisersemmel und der übrigen zahlreichen Gebäcksorten und –formen müsste ein Weizenbrot und außerdem nur schwarzes Roggenbrot erzeugt werden.

 

Das Friedensfest des Weihnachtsabends

Zeitungen berichten über Verbrüderungen der Soldaten.

Neue Freie Presse am 11.1.1915

Ein Offizier des North Staffordshire-Regiments schreibt: „Ich war der Sprecher der Engländer bei dem Friedensfest des Weihnachtsabends. Alles kletterte auf die Ränder der Gräben und begann eine vergnügte Unterhaltung. Ich bat die Deutschen, ein Volkslied zu singen, was sie alsbald taten, und aus beiden Lagern kam Beifallklatschen und der Wunsch nach einer Wiederholung. Nun bat ich um ein Lied von Schumann, und ein Deutscher sang ‚Die beiden Grenadiere‘ vortrefflich. Dann hatte ich eine Unterredung mit dem deutschen Offizier, und wir beschlossen eine Waffenruhe von 24 Stunden. Ich habe mich mit mehreren deutschen Offizieren unterhalten. Es ist ganz merkwürdig. Sie waren alle so natürlich und freundlich. Wir haben Photographien gemacht. Gruppen von Offizieren und Mannschaften aus beiden Nationen. Ich war erstaunt darüber, wie rasch und leicht unsere Mannschaften sich anfreundeten.“

 

Skoda – die Waffenschmiede der Monarchie

Alice Schalek besucht den Pilsener Kanonenproduzenten Skoda.

Neue Freie Presse am 10.1.1915

Was hat uns bis jetzt Pilsen bedeutet? Ein rauchdurchschwärztes Nest dort irgendwo in Böhmen, wo sich die Tschechen mit den Deutschen raufen, wo Bier gemacht wird und wo man, durch den Aufenthalt im Schlaf gestört, im Luxuswagen nach Karlsbad ein wenig ärgerlich erwachte. Nun kam der Krieg und alle Welt schaut auf Krupp. (Anm: der wichtigste deutsche Rüstungsproduzent). Die raschen Bilder der Zertrümmerungen, in Belgiens Panzerkuppeln von ungeheuerlichen deutschen Mörsern angerichtet, zierten bald jedes illustrierte Blatt. Viel langsamer kroch eines Tages das Gerücht zu uns, dass unbeschadet ihrer Gewaltigkeit diese Krupp-Wunder allein infolge der Zeitverluste bei ihrer Aufstellung und Abbeförderung nicht genügt hätten, Namur und Maubeuge, Lüttich und Antwerpen einzuschießen, sondern dass, vom deutschen Kaiser bewundernd anerkannt, dem allgewaltigen, allvermögenden Deutschland geheimnisvolle, verblüffend schnellbewegliche Mörser sehr zustatten kamen, die in Österreich von Skoda gebaut worden seien. Unser altes Österreich, das in Ästhetik und Musik jahrzehntelang im kunstbeflissenen Deutschland tonangebend gewesen, zwang erst dadurch die Deutschen zu widerspruchslosem Respekt, dass unsere schnelle, schwere, österreichische Artillerie ein Werk vollendet hatte, das die deutsche allein nicht hätte bewältigen können. In Deutschland ist es längst jedem klar, dass in diesem Kriege, also über unser aller Sein und Nichtsein, die Techniker und Mathematiker entscheiden. Über Deutschland flog der Name Skoda zu uns, der hier den meisten nur ein Börsenpapier bedeutete, von Deutschland wurden wir belehrt, den Namen Skoda zu ehren.

 

Der weiße Fleck - das Leichentuch der Pressefreiheit

Die Zensur der Zeitungen ruft Unwillen hervor.

Neue Freie Presse am 9.1.1915

Die Handhabung der Presszensur hat ein Verdienst. Sie hat die weitesten Kreise des Publikums von der Notwendigkeit, ja Unentbehrlichkeit der Pressfreiheit überzeugt. Die Zensur hat durch den Gebrauch, der von ihr gemacht wird, das Gegenteil des Zweckes erreicht, der sie rechtfertigen soll. Mitteilungen, die dem Feinde nützlich sein könnten, sollten vermieden werden. Die Art, wie dies geschieht, macht uns jedoch wehrlos gegen die von den Feinden ausgesprengten Gerüchte, die in das Publikum dringen. Die Zensur greift über den Rahmen der mit dem Kriege zusammenhängenden Fragen hinaus und erschwert in wichtigen Fällen die Besprechung und das Urteil über Regierungsmaßregeln oder Regierungsunterlassungen, die für das Volk von großer Bedeutung sind. Oft wird die Besprechung von Fragen, die für die Gegenwart und Zukunft bestimmend sind und die Vorgänge auf den Schlachtfeldern nicht einmal streifen, ebenfalls unter dem weißen Fleck, dem Leichentuch der Pressfreiheit, begraben. Der weiße Fleck ist in der ganzen Monarchie so unvolkstümlich geworden, dass er jedesmal verstimmt, wenn er sichtbar wird. Er lässt der Phantasie den weitesten Spielraum.

 

Striktes Verbot der Schützengräbenfreundschaft

Bedenkliche Seiten des Fraternisierens.

Neue Freie Presse am 8.1.1915

In der letzten Zeit brachten die Zeitungen mehrfach Schilderungen von friedlichen Annäherungsversuchen zwischen den Schützengräben der Deutschen und der Franzosen. Dass dies Fraternisieren seine bedenklichen Seiten hat, wird jedem einleuchten; denn der Krieg ist kein Sport, und man muss mit Bedauern feststellen, dass diejenigen, die diese Annäherungsversuche ausführten oder unterstützten, den Ernst der Lage offensichtlich verkannten. Dieser Erwägung hat sich auch die oberste Heeresleitung nicht verschlossen. Durch Armeebefehl vom 29. Dezember ist das Fraternisieren und überhaupt jede Annäherung an den Feind im Schützengraben verboten; jede Zuwiderhandlung wird in Zukunft als Landesverrat bestraft.

 

Krankenkassen bei Grippe-Epidemie überfordert

Arbeiterfamilien stehen vor dem Nichts.

Neue Freie Presse am 7.1.1890

Die herrschende Epidemie hat einen Notstand herbeigeführt: Die genossenschaftlichen Krankenkassen, zumeist Schöpfungen der neuesten Zeit, die sich hoffnungsvoll entwickelten, haben in den letzten Wochen durch Massen-Erkrankungen ihrer Mitglieder fürchterliche Schläge erlitten. Einzelne von ihnen sahen sich bereits vor die Notwendigkeit gestellt, die Auszahlung der Krankengelder zu sistieren, zahlreiche Kassen werden schon in den nächsten Tagen oder Wochen mit dieser Maßregel vorgehen müssen. Das bedeutet aber nichts anderes, als dass binnen kurzem im Polizei-Rayon Wien Tausende von Arbeiter-Familien, deren Ernährer ans Krankenlager gefesselt sind, dem Hungertode preisgegeben werden.

 

Heute vor 100 Jahren: Bernard Shaw – der englische Dissident

Der Brite bezeichnet den Krieg Englands als Schande.

Neue Freie Presse am 6.1.1915

Der Schriftsteller Bernard Shaw hat einen offenen Brief veröffentlicht, worin er seine bisherigen Angriffe gegen die englische Regierung rechtfertigt und neue hinzufügt. „Und jetzt vergießen wir unser Blut, um Russland zu der stärksten militärischen Autokratie Europas zu machen. Haben wir vergessen, dass, nachdem die Hunnengefahr Jahrhunderte hinter uns lag, Österreich-Ungarn zwischen uns und den Türken stand? Haben wir Sobieski vergessen, ohne den wir jetzt vielleicht als Sklaven in Tripolis oder Algier sitzen könnten? Und doch führen wir Krieg mit Österreich-Ungarn? Ja, wir sind ein hoffnungsloses Volk und fallen von einer Undankbarkeit in die andere. Und wie benehmen wir uns den Deutschen gegenüber? Haben wir alle die braven Hessen vergessen, die für uns Engländer von Marlborough bis Bourgogne so viele Lorbeeren ernteten? Und wie würde es um unsere protestantische Religion in England bestellt sein, wenn nicht der deutsche Luther zur Welt gekommen wäre? Eine ewige Schande bleibt unser Vorgehen.“ Shaw spricht aus, dass die belgische Neutralität nur ein Vorwand war, England würde auch ohne diesen Deutschland den Krieg erklärt haben. 

 

Wie man sich 1890 das Jahr 2000 vorstellt

Ein utopischer Roman entwirft eine Zukunftsvision.

Neue Freie Presse am 5.1.1890

Die soziale Frage ist endlich gelöst worden. Leider nur in einem Romane, und noch dazu in einem, dessen Handlung erst im Jahr 2000 sich erfüllt. Man merke sich dieses Jahr der Gnade und des allgemeinen Heils. Viele, die heute oder morgen geboren werden, können es vielleicht erleben, denn in jenen sonnigen Zukunftstagen beträgt das menschliche Durchschnittsalter, wie es scheint, 85 bis 90 Jahre, und wer folglich von etwas besseren Eltern ist, wird ohne sonderliche Mühe über das vorderhand noch so schwer ersteigbare Hundert hinüberklettern. Wohl ist dann körperliches und seelisches Leiden noch nicht ganz aufgehoben – sie bleiben, ach, ein unveräußerliches Erbteil der Menschen – aber Vieles, ja fast Alles, was uns heute drückt und schmerzt, wird nicht mehr sein. Kein Nationalitäten-Hader mehr, kein Rassen- und Klassenhass, denn die Menschen sind dann echte Brüder; keine Sorge für den andern Tag, denn jeder Tag bringt seine eigene Lust; kein Abgrund zwischen Hoch und Nieder, zwischen Reich und Arm, kein Neid mehr, keine Missgunst, kein Verbrechen aus Gewinnsucht. Ein seltsames Phantasiestück, man fragt sich, ob das Ding auch leben könnte, muss aber am Ende doch antworten: Warum nicht?

 

Steuerleistung ist an der Grenze angelangt

Wieder ein Steuerreform-Ausschuss, was kommt heraus?

Neue Freie Presse am 4.1.1865

Jede Leistung muss ihre Grenze haben, und diese Grenze ist – die Möglichkeit! Uns scheint, dass die Steuerleistung in Österreich diese Grenze bereits erreicht hat, und dass es schlechterdings unmöglich ist, darüber noch hinauszugehen, ohne statt der Steuer- die Kapitalskraft des Volkes anzugreifen. Einigermaßen freundlicher würde man die Sache ansehen können, wenn die von Jahr zu Jahr gesteigerte Steuerleistung uns in Wirklichkeit dem Ziel einer Herstellung des Gleichgewichtes im Staatshaushalt genähert hätte und wenn die außerordentlichen Opfer ausschließlich diesem außerordentlichen Zweck zugeführt worden wären. Aber: Die Steuern wurden erhöht, Schulden wurden aber auch gemacht. Kann es so weitergehen? Die unablässige Steigerung der Staatsbedürfnisse muss endlich einmal ihr Ende erreichen und mit der projektierten Reform der direkten Steuern muss der Wille Hand in Hand gehen, die Herstellung des Gleichgewichts zwischen Einnahmen und Ausgaben endlich wahr werden zu lassen.

 

Fünfhundert-Jahrjubiläum der Universität Wien

Das Gründungsfest der zweitältesten Universität steht bevor.

Neue Freie Presse am 3.1.1865

Herzog Rudolf IV., der Stifter, hat am 12. März 1365 die Stiftungsurkunde der Wiener Universität ausgestellt. Es war von höchster kulturhistorischer Bedeutung, als die Wissenschaft, welche bis dahin in Klöstern ihr kümmerliches mittelalterliches Dasein gefristet hatte, nun wieder, wie im Altertum und wie bei den Arabern, öffentliche Stätten ihrer Pflege an den Universitäten erhielt. Mit den Gründungsfesten der Universitäten feiern wir gleichzeitig die Wiedergeburt der Forschung, durch welche der Menschengeist in den Stand gesetzt wurde, die Gesetze des Staatslebens festzustellen und die Gesetze der Natur zu erkennen. Unsere eigene Wiener Universität ist die zweitälteste Deutschlands. Vor wenigen Jahren beging die älteste zu Prag die fünfte Säkularfeier ihrer Gründung, halbtausendjährige Geburtsfeste, welche für uns Deutschösterreicher umso wichtiger sind, weil sie zeigen, dass Wissenschaft und Forschung früher als im übrigen Deutschland in unserem engeren Vaterland ihren Wohnsitz fand.

Heute vor 125 Jahren: Wettfahrt mit Pferdeschlitten

Neue Freie Presse am 2.1.1890

Bei milder Temperatur und sehr gutem Besuch fand heute nachmittags auf dem Schmelzer Exerzierplatz das zweite Gasselfahren statt, welches in sportlicher Beziehung einen interessanten Verlauf nahm. Auch heute gab es einen Bookmaker, welcher ziemlich hohe Wetten entrirt hatte. Anfangs machten nur wenige den schüchternen Versuch, zu setzen, aber schon nach dem zweiten Fahren herrschte eine solche Spielwut, dass das Publikum den Bookmaker zur Annahme von Wetten förmlich zwang. Als im Hauptrennen Witzmann’s Fritzl vor dem erklärten Favoriten Benefici, auf welchen mehrere hundert Gulden gesetzt worden waren, als Erster am Ziel anlangte, forderte das Publikum unter lauten Protestrufen, dass Benefici als erster zu betrachten sei, weil Fritzl nicht im Trabe, sondern im Galopp gefahren sei. Die Schiedsrichter votierten jedoch zugunsten Fritzl’s.

 

Heute vor 100 Jahren: Menschliche Gesten zwischen den Feinden

Kurze Augenblicke des Friedens.

Neue Freie Presse 1.1.1915

Ganz von selbst sind die Soldaten der Feindesheere dazu gelangt, täglich eine kurze Zeit auf den Gebrauch der Waffen zu verzichten, sodass sie den unerlässlichsten Verrichtungen nachgehen können, ohne vom Tode bedroht zu sein. Wo Wasser nur an einer einzigen Stelle zu holen ist, da gehen zu bestimmter Stunde Österreicher und Russen, Deutsche und Franzosen abwechselnd, mitunter sogar gleichzeitig, unbewaffnet aus ihren Deckungen hervor, schöpfen ihre Gefäße voll und kehren zurück, ohne dass sie einen Angriff vom Gegner zu befürchten haben. Sie sind in diesem Augenblick Menschen mit denselben Trieben und Regungen, mit denselben Gefühlen und Stimmungen. Sie vergessen, dass ihnen befohlen ist, einander zu hassen und einander alles Böse zuzufügen, dessen sie fähig sind. Sie sehen nur Kameraden von verschiedener Uniform, doch gleicher Hingabe an eine Pflicht und gleicher Unterwerfung unter unerbittliche Notwendigkeiten vor sich, und sie gelangen auf die natürlichste Weise von der Welt dazu, miteinander friedlich, ja freundschaftlich zu verkehren.