Vorsatz: Nicht wegschauen

Es ist noch nicht zu spät, einen Vorsatz für das noch junge Jahr zu fassen. Nein, auch jetzt noch nicht, da schon die ersten Neujahrsvorsätze gebrochen wurden

Es ist noch nicht zu spät, einen Vorsatz für das noch junge Jahr zu fassen. Nein, auch jetzt noch nicht, da schon die ersten Neujahrsvorsätze gebrochen wurden. Denn dass ein Mann fünf Stunden lang in einem Aufzug einer U-Bahn-Station im Sterben liegt, während Fahrgäste mit ebendiesem Aufzug fahren, zwingt dazu, über unser Verhalten nachzudenken. Wie kann es sein, dass wir so abgestumpft sind? Dass wir beim Anblick eines regungslosen Menschen nicht auf die Idee kommen, um Hilfe zu rufen. Oder zumindest versuchen zu fragen, ob man helfen kann. Eine Selbstverständlichkeit, könnte man meinen. Allein, zu sehr hat sich in Wien eingebürgert, nirgendwo anstreifen zu wollen. Er wird halt seinen Rausch ausschlafen, mag sich so mancher Fahrgast gedacht haben, als der Aufzug sich in Bewegung gesetzt hat.

Ein Mann ist gestorben. Womöglich auch deshalb, weil ihm niemand zu Hilfe gekommen ist, obwohl die Möglichkeit da gewesen wäre. Es ist nicht zu viel verlangt, dass wir alle einen Vorsatz fassen: Nicht wegschauen. Im Zweifel lieber einmal öfter nachfragen. Nicht einfach an jemandem vorübergehen, der vielleicht gerade Hilfe braucht. Und: Diesen Vorsatz nicht – wie so viele andere – wissend lächelnd nach ein paar Tagen wieder brechen.

E-Mails an: erich.kocina@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2015)

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