Der Dichter Franzobel über „Prinzessin Eisenherz“, den Humor in seinen Dokudramen und den relativen Zufall, auf welcher Seite man steht.
Die Presse: Ihre in Graz und am Hausruck uraufgeführten Stücke konzentrieren sich auf die NS-Zeit. Wird das weiter Ihr Schwerpunkt bleiben? Oder war diese Serie reiner Zufall?
Franzobel: Die NS-Zeit brennt mir nach wie vor unter den Nägeln. Mir geht es aber nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Lebensläufe, Zeitpunkte, an denen Schicksale implodieren, kulminieren, Leute sich entscheiden müssen. Auch zeigt diese Zeit das Monströse im Menschen. Ich bin überzeugt, dass so etwas jederzeit wieder möglich ist. Gerade in Zeiten einer Wirtschaftskrise ist es notwendig, darauf vorbereitet zu sein. Es wird aber auch wieder Stücke zu anderen Stoffen geben. Das nächste Stück im Hausruck etwa beschäftigt sich mit Arigona und dem schwierigen Thema Integration.
Diesmal hat das Drama auch Sie gesucht. Wie waren die Begegnungen mit Milli Deutsch, die im Widerstand gegen Hitler war? Haben Sie noch Max Muchitsch kennengelernt?
Franzobel: Nach der Uraufführung von „Hirschen“, einem Stück über den Widerstand im Salzkammergut, hat sich Werner Müller, der Sohn der Milli Deutsch bei mir gemeldet. Ich habe beide mehrmals getroffen und einige Dokumentationen über den Widerstand in Eisenerz gelesen. Dann bekam ich noch Videoaufnahmen von Historikern, bei denen auch Max Muchitsch befragt wurde. Die Begegnungen mit Milli Deutsch waren sehr beeindruckend. Eine wunderbare Frau und ein großes Geschenk für mich.
Wie kam es zu dem schrägen Titel?
Franzobel: Die Titelfindung lässt sich kaum erklären. Das ist eine oft schwierige und zähe Suche mit vielen unbefriedigenden Ergebnissen. Auf die meisten meiner Titel komme ich im Halbschlaf, so auch diesmal. In „Prinzessin Eisenherz“ schwingt etwas Heldenhaftes ebenso mit wie Eisenerz. Ich bin damit recht glücklich.
Sie haben einen langen Partisanenkampf verdichtet. Wie haben Sie das angelegt?
Franzobel: Der zeitliche Rahmen des Stücks erstreckt sich nach wie vor über eineinhalb Jahre, die auf einen zweistündigen Abend konzentriert werden mussten. Man kann die Wirklichkeit nicht nachspielen, sondern nur die prägnantesten Bilder und Szenen herausgreifen. Ich bin ein Ausschweifer, aber irgendwer in mir versucht dann doch, die Geschichte auf den Punkt zu bringen.
Das Drama hat Volksstückcharakter, ist zugleich mit Sprachspielerei durchmischt, wirkt also nicht wirklich dokumentarisch, sondern seltsam poetisch – ein Schutzmechanismus?
Franzobel: Ich habe mit den Hausruckstücken, „Hirschen“ und einigen anderen vermutlich eine neue poetische und auch humorvolle Form des Dokudramas kreiert, ohne es beabsichtigt zu haben. Mir geht es nicht um die möglichst wahrhaftige Wiedergabe eines historischen Stoffes, im Gegenteil, ich nehme mir alle Freiheiten heraus, erfinde, dichte um, verfremde. Mich interessiert das Beispielhafte, die Bedeutung eines Stoffes für die Gegenwart, nicht die historische Wahrheit, sondern die dichterische. Ich will ja nicht, dass das Publikum in Betroffenheit erstarrt, sondern will es gut unterhalten und so an ein verdrängtes, manchmal auch unliebsames Thema heranführen. Das ist die für mich einzig mögliche Herangehensweise.
Es kommen sehr viele Anständige vor in diesem Stück. Sogar die Nazis wirken recht menschlich. Scheuen Sie das Böse? Oder versteckt es sich nur unter Gemütlichkeit?
Franzobel: Ich glaube nicht an das reine Gute oder Böse. Es gab z. B. sehr menschliche KZ-Aufseher und sehr unmenschliche Häftlinge. Es sind eher Zufälle, die bestimmen, auf welcher Seite des politischen Spektrums sich jemand befindet. Aber wie er sich dann dort verhält, daran muss er sich messen lassen. Ich begreife den Menschen als vielschichtiges, inhomogenes Wesen, mit humanen und monströsen Zügen – das spiegelt sich auch in den Figuren wider.
Was ist für Sie der Scheitelpunkt des Stückes?
Franzobel: Milli Deutsch hat eineinhalb Jahre lang Widerstandskämpfer beherbergt und das, obwohl ihr geliebter Mann an der Front für die Nazis kämpfte, ihre Schwiegereltern begeisterte Hitleranhänger waren und sie damit sich selbst und ihr Kind in Lebensgefahr brachte. Als sie erfährt, dass ihr Mann gefallen ist, stürzt eine Welt zusammen, wird alles infrage gestellt, wird das Politische von dem Privaten ausgehebelt. Als dann auch noch ein versteckter Partisan einen Vorhang bewegt und Millis Schwiegermutter darin den Geist ihres Sohnes zu erkennen glaubt, ist es besonders absurd.
Welche österreichischen Dramen über Zeitgeschichte schätzen Sie?
Franzobel: Ich mag den Humor bei George Tabori, den sprachlichen Schleudergang bei Elfriede Jelinek und in Maßen auch die Betroffenheit bei Felix Mitterer. Aber eigentlich begreife ich mich als Nestroyaner.
Wie läuft es mit dem nächsten Drama für das Theater am Hausruck im Sommer?
Franzobel. Das Stück heißt: „A Hetz oder die letzten Tage der Menschlichkeit“ und zeigt in fünf Stationen Bilder der Immigration und Integration: Zwangsprostituierte, Boatpeople, geschmuggelte Menschen in Containern, usw. Es gibt auf die Frage der Integration keine Antwort, aber es gibt menschliche und unmenschliche Lösungen, und das Stück will den Blick schärfen für eines der größten Probleme unserer Zeit, wobei Menschen nie Probleme sein dürfen. Hier kann das Theater noch wirklich etwas leisten. Genauso wie es einer Milli Deutsch ein Denkmal setzen und so ein gesellschaftliches Versäumnis gutmachen kann.
BIOGRAFISCHES & TERMINE
■Franzobel wurde als Franz Stefan Griebl 1967 in Vöcklabruck geboren. 1995 gewann er den Bachmann-Preis.Dramen u. a.: „Mayerling“, „Mozarts Vision“.Georg Schmiedleitner inszeniert „Prinzessin Eisenherz“ im Schauspielhaus Graz(25., 26.3.).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2009)