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Ersatz für ein eigenes Auto: Konzepte mit Schwächen

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Car2GoDie Presse
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So manch gute Idee wird begraben, bevor sie sich wirklich durchsetzt. Carsharing in Österreich scheint so ein Fall zu sein.

Fast schon unbemerkt hat Zipcar, einer von Österreichs größten Carsharing-Anbietern, seine Tarife geändert. Von einem Stunden-All-Inklusive-Tarif in einen Stunden-und-Kilometergeld-Tarif. Anstatt acht Euro die Stunde und 300 Kilometer am Tag (inklusive Benzin) zu bezahlen, kostet jetzt die Stunde zwar nur mehr sechs Euro, dafür sind aber nur mehr 80 Kilometer enthalten. Ab Kilometer 81 zahlt jeder Nutzer nun zusätzlich 0,2 Euro Kilometergeld.

Damit hat auch der letzte große Carsharing-Anbieter die Gründungs-Carsharing-Idee aufgegeben: ein Ersatz für ein eigenes Auto zu sein, wenn man es für Fahrten außerhalb der Stadt braucht.

Wir erinnern uns: Ursprünglich sind Carsharing-Firmen angetreten, um das Leben in der Stadt zu verbessern. Kein Anbieter, der sich nicht Umweltfreundlichkeit und Kostenersparnis auf die Banner geschrieben hätte: Mehrere Personen teilen sich ein Auto, zahlen aber nur, wenn sie es brauchen. Das spart Geld, und die Umwelt wird auch weniger belastet, weil man nur mit dem Auto fährt, wenn man es wirklich braucht. Und dadurch stehen auch weniger Autos in der Stadt herum.

Verkehrsmix lautet infolgedessen ein viel zitiertes Schlagwort: Das Auto wird genutzt, wenn es sonst keine Alternativen im Öffentlichen Verkehr gibt. Man fährt etwa mit dem Auto zum Bahnhof, wenn man am Land lebt, und nutzt dann die Öffentlichen Verkehrsmittel in Regionen, wo diese gut ausgebaut sind. Soll also heißen, Carsharing reduziert den Autoverkehr in der Stadt um ein Vielfaches.

Nur: So funktioniert das nicht. Zumindest nicht in Österreich. In einer groß angelegten Studie haben die beiden Deutschen Stefan Weigele und Friedemann Brockmeyer nachgewiesen, dass Carsharing den Verkehr innerhalb der Stadt eher ankurbelt als reduziert. Das hat vor allem mit dem Freeloating-System zu tun, das bis auf Zipcar de facto alle großen Carsharing-Anbieter wie etwa Car2Go verfolgen: Darin haben die Autos keinen Fixplatz, sondern können in der ganzen Stadt abgestellt werden. Via App sucht man sich das nächste verfügbare Auto.

Für Kurzstrecken interessant. Mit einem Preis von 0,31 Euro pro Minute (Car2Go) ist das Auto damit aber nur für kurze Strecken interessant. Auch ein Tagestarif von 69 Euro lässt einen wohl kaum länger fahren. Immerhin ist ein Smart auf der Autobahn ein nicht gerade optimales Gefährt.

Folglich werden Carsharing-Autos von Städtern verwendet, die zu faul sind, Bus, Bim und U-Bahn zu benutzen. Oder vielleicht etwas tragen müssen. Viel geht in den schmalen Kofferraum aber nicht hinein. „Ein Großteil der Fahrten findet auf Distanzen unter fünf Kilometern, in und zwischen den Szenevierteln der Großstädte statt“, heißt es auch in der deutschen Carsharing-Studie. „Motorisierte Bequemlichkeitsmobilität im Nahbereich“ nennt es Studien-Autor Friedemann Brockmeyer. Das Verhalten lässt sich auch mit Zahlen belegen. In Wien etwa wird Carsharing vor allem in den inneren Bezirken verwendet. Dort, wo das öffentliche Verkehrssystem am besten von der ganzen Stadt ausgebaut ist. In den Stadtrandbezirken gibt es hingegen wenige Car2Go-Autos, das Abstellgebiet umfasst nicht einmal ganz Wien.

Der viel zitierte Verkehrsmix ist damit nicht existent. Auch Zipcar wechselt mit seiner Tarifänderung nun das Konzept: „Statistiken haben gezeigt, dass die meisten Reservierungen unserer Mitglieder unter 80 Kilometern liegen“, heißt es auf Anfrage der „Presse“ aus dem Unternehmen. Damit sei das neue Tarifmodel „vor allem für Mitglieder, die kurze Strecken fahren, eine kostengünstige Möglichkeit voll mobil zu sein.“

Dabei geht es auch anders. In Deutschland gibt es seit Jahren ein besser funktionierendes Carsharing-System. Das Land hat nicht nur mehr Anbieter, diese lassen mit ihren Tarifen auch längeres Fahren zu – und das für mehrere Tage. Dies hat mit der unterschiedlichen Abrechnung zu tun. In Deutschland setzen viele Anbieter auf einen (geringen) Stundentarif von zirka zwei Euro, Tagessätze werden auch schon einmal mit 20 Euro gedeckelt – und verrechnen dann Kilometergeld. So kostet etwa ein Ausflug von 300 Kilometern an einem Wochenende beim deutschen Teilauto nur 100 Euro und bei Drive Carsharing 126. In Österreich bei Zipcar 156 Euro.

Private teilen sich ein Auto. Überhaupt sind Elektroauto-Anbieter weiter verbreitet, ebenso die Zahl der privaten Carsharing-Anbieter, wo sich Privatpersonen ein Auto teilen.

Privates Carsharing gibt es in Österreich auch. Allerdings ist es fast noch unbekannt, auch wenn die Community durchaus im Wachsen begriffen ist. Im Gegensatz dazu drängen große Firmen auf den Markt. Erst unlängst ist Drive Now mit einem Freefloating-System in den Wiener Markt eingestiegen. Das Ergebnis: 400 Autos mehr für Wiens Straßen.

Bleibt noch das (kleine) Flinkster übrig. Der Carsharing-Ableger der Deutschen Bahn bietet auch 52 Autos in Wien an. Und die kosten im Stunden-All-Inklusive-Tarif das, was Zipcar vorher gekostet hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2015)