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Ende des Monopols: Die Sonne dreht sich nicht um Europa und die USA

(c) EPA (ANDREW GOMBERT)
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Europa muss auf Dinge reagieren, auf die es wenig Einfluss hat – und sollte öfters in Teheran, Ankara oder Riad nachfragen.

„Das ist mein Parkplatz“, blafft mich der Chinese in gebrochenem Englisch an. Um seinen Anspruch zu untermauern, hat er mein Auto am Straßenrand in Kairo einfach in der zweiten Reihe eingeparkt. So stellt er sicher, dass ich nicht mehr herauskomme, bis ich mich bei ihm entschuldigt habe. Ich bezeichne ihn als Esel, auf Arabisch, er wirft mir wahrscheinlich ein paar chinesische Schimpfwörter entgegen. Als der Dialog immer lauter wird, und es handgreiflich zu werden droht, intervenieren schließlich ein paar ägyptische Nachbarn und überzeugen den Chinesen mit Händen und Füßen, dass er mich herausfahren lassen soll, um dann den Parkplatz mit seinem eigenen Fahrzeug besetzen zu können.

Man streitet sich mit einem Chinesen um einen Parkplatz in Kairo. Die Welt ändert sich, denke ich mir. Früher lebten in diesem Vorort in Kairo viele amerikanische Ölarbeiter oder europäische Fachleute für allerlei. Nun sind es immer mehr chinesische Ingenieure, die in der ägyptischen Hauptstadt ein neues Zuhause gefunden haben.

Wenn man außerhalb der westlich politischen Hemisphäre lebt, merkt man schneller, was man in Österreich nur langsam zu Kenntnis nimmt. Die Sonne dreht sich nicht um Europa und die USA. Damit sieht die Welt weniger schwarz-weiß, sondern bunter und damit auch oft komplizierter aus.

 

Viele Lenker und Walter

Seit fast einem Vierteljahrhundert arbeite ich nun als Nahost-Korrespondent. Früher lautete die Lieblingsfrage der Redaktionen: Wie reagiert die arabische Welt auf . . . die Wiederwahl von George W. Bush oder einen homosexuellen deutschen Außenminister? Das waren die signifikanteren Beispiele. Heute hat sich das Ganze umgedreht. Heute heißt es: Wie reagiert Europa auf den Bürgerkrieg in Syrien? Wie verhält sich die USA zum IS im Irak? Was machen beide angesichts der größten Flüchtlingsbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg?

Europa und die USA müssen reagieren, auf Dinge, auf die sie nur wenig Einfluss haben. Es gibt inzwischen viel mehr Lenker und Walter dieser Welt. Wahrscheinlich wäre es sinnvoll, in der Frage der Lösung des syrischen Bürgerkrieges ein paarmal weniger ins Studio nach Washington zu schalten, und öfters in Teheran, Ankara und Riad nachzufragen. In der neuen Welt wächst der Einfluss der Regionalstaaten in dem Maße, in dem der Stern des Westens sinkt. Fast wirkt das Ganze wie die letzte Phase des Post-Kolonialismus.

Auch das moralische Monopol ist verloren. Abschminken sollte sich der Westen, für den Rest der Welt der große Lehrmeister für Demokratie und Menschenrechte sein zu wollen. Zu oft hat man weltweit Autokraten und repressive Regime im Namen der Stabilität unterstützt. Und tut das bis heute im Namen des Antiterrorkampfes. In Saudiarabien, einem der wichtigsten Bündnispartner im Antiterrorkampf, wurden gerade zwei Frauen vor ein Antiterrorgericht gestellt. Ihre „terroristischen Vergehen“: Sie hatten versucht, ein Auto zu fahren.

Spätestens nach den CIA-Folterberichten und dem Wegschauen, wenn Europa als Verladestation verschleppter Menschen diente, die ohne jegliche rechtsstaatliche Verfahren des Terrors bezichtigt wurden, ist klar: Der Westen sitzt nicht auf dem hohen moralischen Ross. Was für manchen in Europa oder in den USA eine neue Erkenntnis ist, ist in vielen anderen Teilen der Welt schon lange eine alltägliche, wenig überraschende Erfahrung.

 

Blick nach Asien

Der chinesische Ingenieur hatte mich übrigens interessanterweise mit einer deutschen Automarke eingeparkt, in Ägypten als „El-Brasili“ bekannt, weil der Wagen in Lateinamerika hergestellt wurde. Aber es sind chinesische Automarken, die auf den Straßen Kairos immer mehr die wesentlich teureren europäischen und amerikanischen Gefährte verdrängen. Frisch vermählte, gut betuchte ägyptische Paare verbringen ihre Flitterwochen eher in Indonesien, Malaysia oder Thailand als in Europa. Das ist billiger und weniger abgeschottet. Auch der Medizintourismus nach Europa, oft gefüttert aus kränkelnden gut bezahlenden Golfarabern, hat Konkurrenz bekommen. Bangkoks Bumrungrad International Hospital hat einen islamischen Gebetsraum, eine zertifizierte Halal-Küche und fast 100 arabische Dolmetscher.

 

Serien-Kunterbunt

Und dann sind da noch die „ausländischen“ Fernsehserien im ägyptischen Fernsehen. In den 1990er-Jahren glich es in Ägypten noch einer kulturellen Revolution, als die japanische Serie „Oshin“, der amerikanischen „Reich und Schön“-Serie den Rang abgelaufen hatte. Zuletzt waren die türkischen Serien in, verspürten die Ägypter hier doch eine kulturelle Nähe. Vollkommen nervenaufreibend für europäische Besucher sind indes die indischen DVDs mit arabischen Untertiteln, die der Busfahrer des Überlandbusses nach Sinai gerne mit voller Lautstärke einlegt, um seinen Passagieren die Fahrt zu versüßen und sich selbst ein wenig von der Fahrbahn abzulenken.

Die 18-jährige Tochter einer befreundeten Familie, die vor ein paar Jahren vom Bürgerkrieg aus Bagdad nach Kairo geflüchtet ist, fand es cool, ein Jahr lang im Satellitenfernsehen koreanische Serien anzusehen. Sie hatte sich sogar erkundigt, wo sie koreanisch lernen könnte. Inzwischen studiert sie an der German University in Kairo, mit Englisch als Unterrichtssprache. Ein wenig Deutschunterricht hat sie dort auch. „Ich heiße Samma und komme aus dem Irak“, begrüßte sie mich auf Deutsch bei meinem Besuch im Kairoer Domizil der Familie vor ein paar Tagen.

Vielleicht gibt es ja doch noch Hoffnung für Europa.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2015)