In den Hinterzimmern legen Reservejäger die Armbrust an. In den Revieren legen Skitourengeher Fährten. Und ohne die Wildererthematik geht sowieso gar nichts: kein Schnitzel, kein Gstanzl, kein Gasthaus.
Ein Geräusch aus einem Wirtshaushinterzimmer im Ausseerland hört sich manchmal so an: „plopp“. Oder „klack“. Selten auch „wumm“. Diese Geräuschbreite erzeugt ein Pfeil aus einer Armbrust, wenn er die Schützenscheibe trifft.
Auch in der Schützenstube der gemütlichen Blaa-Alm in Altaussee gehen die Gäste symbolisch auf die Jagd, legen eine kiloschwere Armbrust an und visieren mit zittrigen Muskeln die Zielscheibe.
Vielleicht hat man vorher noch ein sämiges Gamsgulasch verdrückt, als eine Art Doping. Jetzt geht’s darum, wer aus der Gruppe die Zeche zahlt.
Zimmerschießen wird in so einem Fall zur Unterhaltungsvariante des Sports am Schießstand, von denen es im Salzkammergut bekanntlich viele gibt. Das Stahelschießen (Stahel: Armbrust) wird seit Ewigkeiten praktiziert, 1585 erwähnt eine Urkunde bereits die „Pursch, Püxen und Stahelschützen zu Aussee“.
Dem einfachen Volk im Salzkammergut war es verboten, Schusswaffen zu tragen, geschweige denn zu jagen. Die Versuchung, in habsburgischen Revieren zu wildern, unterband das ganz und gar nicht, im Gegenteil, mancher Schütz‘ machte sich eine Gaudi daraus, dem Kaiser den besten Bock wegzuschießen. Fast wie zur Tarnung wurden überall Schützenvereine gergündet, damit konnte man im Training bleiben.
Wildschützrevier
Ein Geräusch aus einer Wirtshausstube im Ausseerland klingt häufig nach Klatschen, Terzen und Akkorden. Fast immer sind Wildschütz und Jäger beim Musizieren, Paschen, Singen und Jodeln im Spiel: „A Gamserl hamma gschossn, drobn in der hohen Wand. Der Schuss, der ist verklungen, der Jäger hat nix gspannt. Mia packn unser Zeug, und schleichen stad davon. Jetzt brauch ma a Nachtquartier, i und mei Gspann“.
Dreimal darf man raten, wer ihnen Unterschlupf gewährte. „Die Sennerin hat beiden die Tür aufgemacht – dem Wildschütz und dem Jäger. Aber der Wildschütz war halt der attraktivere“, erklärt Ernst Kammerer die alpine Liebesarithmetik seiner Tourismusregion. Ohne das zentrale Thema kommt kein Auftritt aus: weder der der „Ziamwiam“ auf der urigen Knödl-Alm in Knoppenberg noch jener der profilierten Ausseer Bradlmusi. Nicht selten gerät der Gast auch in eine Spontanprobe begnadeter Sänger am Stammtisch, bei der es wieder und wieder um das Dreieck von Jäger, Wildschütz und Sennerin geht.
Glaubt man den Schilderungen von Einheimischen – Helden brauchen Publikum, deswegen teilen sie sich mit – wird heute noch in den Wäldern hoch überm Grundl-, Toplitz- und Kammersee gewildert. Freilich nicht mehr für die Kühlkammer, sondern als Selbstbeweis, als Sport oder als Mutprobe. Das Thema scheint so ergiebig und prototypisch, dass sich Wissenschaftler bis heute den Kopf darüber zerbrechen.
Momentan wird man in den Hängen zwischen Tauplitz und Loser (den beiden Skibergen der Region) nicht den Fußspuren von genagelten Goiserern begegnen, sondern jenen von Aufstiegsfellen: Tourengeher schleichen durch dieses einsame Gebiet, weil sie traumhafte Abfahrten im Visier haben. Auf der Lauer müssen aber auch sie sein, denn es gibt hier einige gefährliche Karstlöcher. Und das Lawinenrisiko. Über vier Meter hoch liegt der Schnee auf der Tauplitz, am Loser misst er einen Meter mehr. Die Saison könnte bis weit nach Ostern weitergehen.
Aber viele arbeiten schon an heißeren Themen: Zwei große Jubiläen stehen ins Haus. Das Narzissenfest wird heuer 50 Jahre alt, eine Million Blumen werden verarbeitet, 20.000 Besucher erwartet.
Anzunehmen, dass in dieses Ereignis auch das andere Jubiläum hereinspielt, der 150. Todestag von Erzherzog Johann. Der romantischste Part seiner Biografie spielt ja hier im Ausseerland: 1819 lernte der visionäre Reformer am Toplitzsee seine spätere Frau, Anna Plochl, kennen. Kein Zufall, wenn man bedenkt, wie viele Kilometer der naturverbundene Erzherzog durch das Tote Gebirge marschierte. Wer weiß, wer ihm da noch begegnete?
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2009)