Cafés, altwienerisch und doch jung. Und Konditoreien, wie es sie eigentlich längst nicht mehr gibt. Ein Cityguide für das Siebenstern-Grätzel in Wien Neubau mit Autorin Anna Kim.
Wann immer es geht, geht Anna Kim. Zu Fuß. Auf die Hauptbücherei, ins Kaffeehaus zum Zeitunglesen, ins Literaturhaus. Auf die Mariahilfer Straße, obwohl sie die, wie die Autorin sagt, vor allem samstags lieber meidet.
Lieber ist sie in den kleinen Gassen im Grätzel rund um die Siebensterngasse in Neubau unterwegs. Zu Fuß braucht Kim, die 2005 am Bachmann-Wettbewerb teilgenommen hat und deren zweiter Roman, „Die gefrorene Zeit“, im Vorjahr viel beachtet wurde, kaum fünf Minuten ins „Café Europa“ (Zollerg.8). Nicht unbedingt ein Insidertipp, aber „ich mag die Atmosphäre. Die ist gut, entspannt. Und die meiste Zeit über ist auch die Musik gut“, sagt Kim und setzt sich auf einen Platz nahe den großen Fenstern, von denen aus es sich gut die Passanten auf der Zollergasse beobachten lässt. Als Fastvegetarierin schätzt die 31-jährige gebürtige Südkoreanerin auch die vielen fleischlosen Gerichte auf der Europa-Speisekarte. Überhaupt: Kaffeehäuser und gute Mehlspeisen – Klischee hin oder her –, das assoziiert Kim, die ihre Kindheit in Deutschland, ihre Studienzeit auch in England verbracht hat, mit Wien; sie mag die typischen Altwiener Cafés, in die es vor allem Wiener und weniger die Touristen zieht. Ähnlich schwärmerisch, wie Kim bei einem Pfefferminztee über das „Europa“ spricht, wird sie später vom „Café Nil“ erzählen, das gleich ums Eck (Siebensterng. 39) von ihrer Wohnung liegt.
Vielleicht, sagt Kim, vielleicht ist das noch der „Einzugsenthusiasmus“, aber: Das sei schon ein gutes Grätzel, in das sie vor einem halben Jahr gezogen ist. War auch kein Zufallstreffer. Ein Jahr, „vielleicht sogar zwei“, hat sie eine Wohnung in der Stadt gesucht. Gefunden hat sie den Adlerhof (Siebensterng. 46). Ein sehenswerter Ort, wie sie meint. Ein riesiger schönbrunngelb gestrichener Altbau, das wahrscheinlich größte Wohnhaus im ganzen Bezirk, das scheinbar nie aufhört. Stiege um Stiege, Torbogen um Torbogen, Hof um Hof. Tatsächlich ist der Adlerhof eine ganze Gasse lang, reicht von der Siebenstern- bis hinunter zur Burggasse. „Diese langen Gänge“, sagt Kim, als sie vor dem Haupteingang steht, „die haben mir extrem gut gefallen.“
Vis-à-vis gleich ein weiterer Lieblingsort der Autorin. Ein kleines Blumengeschäft, über dem in weißen Lettern schlicht „Blumen“ steht. Ein altmodisches Geschäft, und dank Narzissen, Tulpen und Hyazinthen, die hier vor und in den Auslagen stehen, der bunteste Fleck am Siebensternplatz. „Das Geschäft ist auch innen ganz toll“, sagt Kim und dreht eine Runde durch den kleinen Laden mit seinen weinrot gestrichenen Regalen, an weißen Orchideen, Tulpen, Narzissen vorbei. Wenn sie ihre Mutter besucht, erzählt Kim, dann nimmt sie ihr von hier gern einen Strauß mit.
„Diese Schokoladegeschäfte“. Auf ihren Spaziergängen kommt Kim auch oft an diesem „wunderbaren kleinen Schokoladegeschäft“ vorbei. Wie es heißt („Schokov“, Siebensterng. 20), weiß sie gar nicht. „Ganz toll“, versichert sie dem Besitzer im Ladeninneren, gefielen ihr das moderne Design und die Auswahl. „Wirklich entzückend“ sagt sie, als sie vor dem „Continis“ (Kircheng. 19) steht, einem Antiquariat mit dem schönen Beinamen „Altwiener Buch und Graphik Kabinett“. Vor ihr in der Auslage neben vielen Grafiken und alten medizinischen Büchern auch ein handgeschriebenes Kochbuch aus dem Jahr 1734 um 800 Euro. Die Öffnungszeiten, sagt Kim, seien schriftstellerfreundlich (12–21 Uhr).
„Wirklich am Herzen“ liegt ihr die „Konditorei Blocher“ an der Ecke Lindengasse/Stiftgasse, in deren Auslage dicht gedrängt Butterkipferln, Topfengolatschen und Krapfen liegen. Massenware, das sieht man gleich, ist das keine. Im Inneren hat sich seit den 50ern (oder 60ern?) kaum etwas verändert, nur die „Red Hot Chili Peppers“ als Musikbeschallung kann man als Stilbruch verstehen. Schreiben („Ich bin leider sehr lärmempfindlich“) kann sie im Café nicht. Kim tut hier (Blocher) wie dort (Europa) das, was man gerne mit Wiens Kaffeehauskultur verbindet: Zeitung lesen. Wenn sie da ist. Die Hälfte des Jahres ist sie unterwegs. In Pri?tina, dem Schauplatz ihres Romans „Die gefrorene Zeit“, der von der Suche nach Vermissten des Kosovo-Kriegs handelt. Oder auf Recherche in Grönland, wo ihr nächstes Buch spielen wird. Ist sie aber in Wien, dann bewegt sie sich vorzugsweise in „ihrem“ Grätzel im Siebenten. Zu Fuß. Wann immer es geht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2009)