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Schneiders Grundregeln

Er ist Kunstberater des ukrainischen Oligarchen Viktor Pinchuk: Eckhard Schneider plant für ihn, Kiew zur Kunstmetropole zu machen. „Irgendwann muss ja begonnen werden“, sagt der ehemalige Direktor des Kunsthaus Bregenz. von Eduard Steiner

Wahrscheinlich ist ihm das Wort Herausforderung zu flapsig. Würde Eckhard Schneider seine neue Tätigkeit mit einem Wort umreißen, was er nicht tut, würde er wohl Glücksfall sagen. Und weil das Kunsthaus Bregenz, dessen Direktor er war, dem Glück, bei einem reichen Mäzen unter besten Bedingungen zu arbeiten, nicht im Weg stehen wollte, ließ es den 65-jährigen deutschen Kulturmanager im Oktober ziehen, lange vor Vertragsende.

Wenige Monate später empfängt Schneider im Herzen der ukrainischen Hauptstadt am Ende der Flaniermeile Chreschtschatik. Hier unterhält Viktor Pinchuk das „PinchukArtCentre“, das Schneider zu einem weltweit führenden Zentrum für zeitgenössische Kunst etablieren und später in einen noch zu konzipierenden Museumsneubau übersiedeln sollte. Der 48-jährige Pinchuk selbst, Schwiegersohn von Expräsident Leonid Kutschma, hatte sich in Zeiten der halbautoritären Oligarchie im Stahl- und Finanzsektor etabliert und gilt als zweitreichster Ukrainer. Ein Gespräch über die Stadt am Dnjepr, den Hunger nach Kunst und den Durst nach Individualität.

Ein Spiritus Rector beim reichen Oligarchen hat unbegrenzt Budget, reist durch die Welt und kauft teuer Big Names. Stimmt die landläufige Vorstellung?

Eckhard Schneider: Ich habe nicht die kulturelle Arroganz, über andere sogenannte Oligarchen zu reden. Aber bezogen auf Pinchuk ist es ein Klischee. Wir vertreten nicht das Modell, dass Geld beliebig zur Verfügung steht. Pinchuk hat mit großer Passion und scharfem Auge seine Sammlung auf hohem Niveau entwickelt. Und durch die Einbettung in seine Stiftung versteht er sein philanthropisches Engagement nicht als Investment in sein Ego, sondern als kulturellen Auftrag gegenüber der Gesellschaft.

Vor Ausstellungen des PinchukArtCentre stehen die Leute Schlange. Woher dieser Hunger nach Kultur, nach bildender Kunst?

Das erklärt sich wohl damit, dass besonders die bildende Kunst, die wir hier zeigen, den starken Wunsch nach Individualität fördert. Dieser Wunsch nämlich ist neben der Frage der ökonomischen Bedürfnisse, der Absicherung und des Anschlusses an den Westen eine zentrale Motivation, vor allem für die nachwachsende Generation in der postsowjetischen Gesellschaft.

Die Identitäten in der Ukraine sind sehr unterschiedlich. Der russischsprachige Osten wurde historisch völlig anders geprägt als der Westen. Das Land ist in vielen Fragen zerrissen. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Ich muss gerade in diesem Zusammenhang auf die Fähigkeit der bildenden Kunst zurückkommen, über Sprache hinweg Individualität aufzubauen und weltweit zu kommunizieren. Was man erreichen kann, zeigt ein Beispiel: Wir haben aktuell einen Preis – ähnlich dem Turner Prize – für den künstlerischen Nachwuchs ausgeschrieben. Nicht nur die hohe Zahl der Bewerber und die hohe Qualität haben überrascht. Es hat auch keiner erwartet, dass alle Regionen stark vertreten waren. Es wäre naiv zu glauben, dass die bildende Kunst Grenzen einfach abbaut. Aber sie öffnet offensichtlich Kanäle. Im Unterschied zu manch anderem Oligarchen fördert Pinchuk mit seiner philanthropischen Haltung die kulturelle Identität des Landes.

Aber auch Pinchuk hat sein Geld in privilegierter Position im halbautoritären Kutschma-System gemacht, das auch durch Zensur der Medien und Behinderung des Pluralismus gekennzeichnet war. Der Umgang mit den Oligarchen und ihre einstige und jetzige Rolle ist einer der großen Fragenblöcke auf postsowjetischem Raum. Kommt das mit Pinchuk zur Sprache?

Ich halte mich an zwei Grundregeln: keine kulturelle Arroganz und nicht spekulieren. Für mich zählt, was an täglicher Arbeit an Fakten existiert und welche Vision reale Gestalt werden kann. Unsere Geschichte ist die Zukunft. Nehmen Sie das als Antwort.

Aber die Länder tragen die Vergangenheit unaufgearbeitet mit im Gepäck.

Die Geschichte selber aufgearbeitet zu haben, ohne von anderen angewiesen worden zu sein, halte ich für eine bemerkenswerte kulturelle Leistung in Deutschland. Niemand kann die Geschichte für einen anderen aufarbeiten. Anstöße sind notwendig, gewiss, und sie können auch indirekt erfolgen.

Wie sieht Ihr Zeitplan aus, Kiew als internationales Zentrum für zeitgenössische Kunst zu etablieren, sofern die Stadt überhaupt das Potenzial dazu hat?

Mit dem PinchukArtCentre gibt es dieses Potenzial. Die nationale und internationale Resonanz ist groß, obwohl das Center erst 2006 eröffnet worden ist. Die 4000 Quadratmeter Nettoausstellungsfläche im Stadtzentrum sind ein erster Schritt. Neben meiner Beratertätigkeit für Pinchuk entwickle ich die mittelfristige Strategie mit und bereite den Museumsbau vor. In einigen Jahren könnte das Museum fertig sein.

Ihr Budget ist von der Krise nicht betroffen?

Wer behauptet, von der Krise nicht betroffen zu sein, verschließt die Augen vor der Realität. Für das PinchukArtCentre gibt es das Bekenntnis, die Arbeit auf hohem Niveau fortzusetzen.

Was wird die Krise für den Kunstmarkt bedeuten?

Das Verhalten der neuen Käufer aus dem Osten, die den Kunstmarkt stark beeinflusst haben, kann ich nicht beurteilten. Aber die Auktionen haben schon gezeigt, dass die Wirtschaftskrise den Markt komplett verändern wird. Sicher wird auch sein, dass wirkliche Qualität ihren Rang und Preis halten wird. Das Käuferverhalten wird sich in Richtung klassischer Werte bewegen. Es wird weniger Ausstellungen geben, vieles wird schrumpfen und verdichtet werden. Was aus meiner Sicht vielleicht ganz gut ist, weil der Markt zu aufgebläht und der Produktionsdruck für die Künstler so hoch war, dass sie mit der Produktion qualitativ gar nicht Schritt halten konnte. Der Künstler braucht auch Ruhephasen, um Dinge völlig neu zu brechen. Nun wird die Frage der Inhaltlichkeit wichtiger werden, der Diskurs nimmt wieder zu.

Die Zahl der Kunstzentren auch. Will das PinchukArtCentre Darija Schukowa, die ja mit ihrem Freund und Oligarchen Roman Abramowitsch ein Kunstzentrum in Moskau hochzieht, das Wasser abgraben?

Nein, die Terminologie ist mir fremd. Positive Konkurrenz ist immer gut.

Also kein Überangebot auf kleinem Raum?

Es könnte weit mehr Zentren geben. Das wirkt sich positiv aus, wie man am Beispiel von Westeuropa sieht.

Ja, die Zentren sind dort aber über Jahrhunderte gewachsen.

Gut, aber irgendwann muss ja auch begonnen werden. Irgendwann muss man ja einen Anfang machen. Und das PinchukArtCentre ist mittlerweile einen wichtigen Schritt weiter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2009)