Votava: In Narziss schlägt ein Schweineherz

Gerald Votava
Gerald VotavaMirjam Unger

Mit dem Künstler Gerald Votava spricht man entweder über seine Diät oder seine Hündin. Und über sein neues Soloprogramm.

Irgendwann zwischen Flickr und Instagram hat sich diese Ich-Schwäche entwickelt. Seitdem Handykameras die Welt nicht mehr körnig abpausen und das Internet so viele Bühnen hat, auf denen man sich in Pose werfen darf, spielen Selbstporträts in der gleichen Liga wie Zähneputzen und Sockenanziehen. Beliebt sind zum Beispiel Spiegelbild-Selfies, dann gibt es das Hippie-Selfie mit den Victory-Fingern, „Schau her, ich bin am Strand“-Selfies, gut verbinden lassen sich diese mit dem Belfie (da zeigt man viel B wie Body), außerdem gibt es Mutter-Kind-Selfies, Post-Fitness-Selfies (also Healthies) und natürlich die Mutter der telefonischanmutigen Bildsprache, das Duckface mit dem unschlüssigen Bussimund.

Bindemittel aller Sujets: eine Handvoll Narzissmus. Und das ist ein Thema, mit dem sich der humorverwöhnte Künstler Gerald Votava in letzter Zeit intensiver beschäftigt. „Wie sich Menschen im sozialen Web designen, ist auch ein Teil meines neuen Programms“, greift er der Premiere von „Narzissmus und Tiere“ voraus. „Wahnsinnig unerreichbare Menschen werden über Facebook erreichbar, auch politische Entscheidungsträger wie Putin. Narzissmus erlebt hier ein neues Level“. Darum – und weil er Pushnachrichten und  Gruppenkommunikation stressig findet – hat er sich selbst auch lang aus dem sozialen Netz herausgehalten. Seine eigene Facebookseite ist noch jung. Dort findet man ein paar Bilder seiner Auftritte und erfährt, dass Gerald Votava „Schauspieler, Musiker, Kabarettist“ ist. „Im Beruf ist es eben schon von Vorteil, wenn man das, was man tut, kommuniziert.“ Damit hat er wohl nicht unrecht. „Wenn man aber seine Existenz nur über Facebook spürt– nach dem Motto ,Ich poste, also lebe ich‘ –, kann das zu einem gefährlichen Missverständnis führen.“ 

So ein schöner Hund

Die Idee zu seinem ersten Solokabarett seit den frühen 1990ern kam ihm aber in keinem Newsfeed unter, sondern beim Gassigehen. „Ich habe seit Kurzem einen Hund, Isca, sie ist ein Husky. Und wann immer ich mit dem Hund unterwegs bin, komme ich mit Menschen ins Gespräch, wie

Gerald VotavaChristian Maricic

selten zuvor. Ich habe den Eindruck, dass der Mensch gern Tiere ansieht und gern über sie kommuniziert.“ Da Isca so hübsch sei, würden die Leute gern mit „Ma, ist der aber schön!“ reagieren. „Nachdem der Hund ein Weiberl ist, beziehe ich das dann einfach auf mich“, meint er ironisch. „Außerdem habe ich im Vorjahr (mit einer Diät und Sport) 30 Kilo verloren, und darüber sprechen die Menschen mindestens genauso gern mit mir wie über das Tier. Ich finde beide Themen sehr spannend.“

In dem Stück gehe es um einen Mann, der in ein Leben hineingeboren wird, in dem ihm an nichts fehlt. Irgendwann setzt aber sein Herz aus, eine Kammer hat ein Loch, und er bekommt ein Schweineherz eingesetzt. Daraus entspinnt sich die Geschichte. Entstanden ist das Programm mit Beistand von Andreas Fuderer, dem Leiter von Stadtsaal und Kabarett Niedermair. „Der Fu war schon bei ,Gerald und Chantal‘ 1994 dabei, meinem ersten Programm.“ Das allerdings von der ersten „Projekt X“-Tour abgewürgt wurde. „Es war ein uralter Plan, dass wir wieder zusammenarbeiten.“

Filmarbeit nährt die Eigenliebe

Künstlerische Leitung braucht Votava keine, das macht er selbst. Außerdem ist seine Frau, Mirjam Unger, Regisseurin, als solche wacht sie auch über den Grad seines Narzissmus – als erfolgreicher Künstler ist man ja gefährdet. „Egal, welche Rolle ich spiele, das geht nur aus der Betrachtung meiner selbst heraus.“ Die Filmarbeit, wenn man ständig betreut werde, nähre den eigenen Narzissmus, so Votava: „Es ist aber gesund, wenn man sich selbst um sein Zeug kümmert. Meine Frau ist ein gutes Regulativ, sie gibt mir Rückmeldungen.“ Und darum gehe es. Eigenliebe sei nicht schlecht, solange sie nicht zu lang wild wachse.

In der Sage bezahlt Narziss seine große Hingabe zu sich selbst mit dem Tod. Ein kleiner Trost für die Wirklichkeit: Auf Facebook und Instagram bezahlen wir sie höchstens mit unserer Privatsphäre.

ZUR PERSON

Gerald Votava wurde 1970 in Wien geboren, studierte Psychologie und arbeitet seit 1994 als Radiomoderator, Kabarettist und Schauspieler. Seitdem analysiert er neben Clemens Haipl und Herbert Knötzl als einer der drei Hauptprojektleiter des Projekts X die Beulen der Gesellschaft. Votava lebt seit 14 Jahren mit seiner Frau, der Regisseurin Mirjam Unger, zusammen, sie haben einen Sohn. Seit einem Jahr ist Gerald Votava 30 Kilo leichter und passionierter Huskybesitzer.

Termine

Gerald Votava spielt sein Programm "Narzissmus und Tiere" am 23.1., 6.2, 13.2. und 30.3. im stadtsaal.com.