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Mehr Rechtschreibung lehren

Schüler im Unterricht
Schüler im Unterricht(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Nach einer Untersuchung der Akademie der Wissenschaften finden Lehrer in berufsbildenden Schulen mehrheitlich, dass die Rechtschreibung im Deutschlehrplan zu kurz kommt.

Wien. Lernen junge Menschen heute zu wenig Rechtschreibung? Der Eindruck, der sich bei der Lektüre mancher Stellenbewerbung von Schulabsolventen aufdrängt, wird nun durch eine Untersuchung in den Schulen gestärkt: 55,5 Prozent der Lehrer an berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS) finden, dass der Stellenwert der Rechtschreibung im Deutschlehrplan zu gering oder sogar viel zu gering ist. Das geht aus einer Studie hervor, die Jutta Ransmayr vom Institut für Corpuslinguistik und Texttechnologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften durchgeführt hat.

4160 Lehrende aller Schultypen und Fächer wurden im Frühjahr 2014 zum Thema „Rechtschreibung an Österreichs Schulen“ befragt. Dabei zeigte sich, dass auch an anderen Schultypen als den BMHS viele Lehrer gern mehr Orthografie im Deutschlehrplan verankert sähen: An Berufs- oder Polytechnischen Schulen halten immerhin 44,6 Prozent den Stellenwert der Rechtschreibung für zu gering oder viel zu gering, an den Gymnasien sind es 43,5 Prozent. Deutlich zufriedener zeigten sich bloß die Volksschullehrerinnen und -lehrer: 61,9 Prozent von ihnen empfinden laut der Umfrage die Rechtschreibung als genau richtig gewichtet.

 

Schulbücher noch ausbaufähig

Auch mit dem Stellenwert der Rechtschreibung in den Deutschlehrbüchern sind viele Lehrer nicht ganz zufrieden: So halten knapp 40 Prozent der Lehrer an den BMHS diesen für zu gering, an den Berufs- und Polytechnischen Schulen ist gut ein Drittel der Lehrer dieser Meinung. Auch hier zeigt sich: Die Volksschullehrer sind am zufriedensten.

Warum das so ist, darüber kann Ransmayr auf Anfrage der „Presse“ nur Vermutungen anstellen: Knifflige Rechtschreibfragen würden in der Volksschule noch eine untergeordnete Rolle spielen; die Kinder müssten zunächst einmal überhaupt Schreiben und Lesen lernen. „Für den Feinschliff wären dann wahrscheinlich die darauf folgenden Schulen zuständig“, sagt Ransmayr. Und: Das Rechtschreibgewissen wäre nach Erkenntnissen der Forschung erst mit zwölf Jahren voll ausgebildet, sodass Volksschulkinder „noch Zeit“ haben, es zu entwickeln.

 

Ältere nehmen es genauer

Quer durch alle Schultypen zeigt sich, dass älteren Lehrenden mehr als jüngeren am korrekten Schreiben gelegen ist. Ein ähnliches Bild zeigen auch die Einschätzungen zu der Frage, ob jeder Schulunterricht und nicht bloß jener im Fach Deutsch auch ein Rechtschreib- und Sprachunterricht sein soll.

„Je älter die Befragten, umso stärker sind sie der Ansicht, dass Rechtschreibunterricht Sache aller Fächer und nicht nur des Deutschunterrichts ist“, schreibt Ransmayr in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift „Wissenplus“ (Manz-Verlag Schulbuch). Insgesamt bekennt sich eine klare Mehrheit zum integrativen Konzept von Sprachunterricht: 62,2Prozent stimmen voll und 29,4 Prozent eher der Aussage zu, dass auf Rechtschreibung auch in anderen Fächern als Deutsch Wert gelegt werden sollte.

Bei alldem ist den Lehrenden bewusst, dass die Heranwachsenden in Umkehrung eines Zitats des römischen Philosophen Seneca, nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen: Rechtschreibkompetenz werde im Berufsleben sogar noch höhere Wichtigkeit beigemessen als in der Schule, schreibt Ransmayr. Äußerst wichtig würden die Lehrenden die Fähigkeit, richtig zu schreiben, nämlich vor allem für Bewerbungen halten, gefolgt vom Studium.

 

Schreiben als Grundkompetenz

„Generell ist der Grundtenor erkennbar, dass sich die befragten Lehrer/innen eine stärkere Gewichtung der Grundkompetenz Rechtschreibung in allen schulischen Belangen wünschen, insbesondere bei der Leistungsbeurteilung, im Lehrplan und in den Bildungsstandards sowie in den Lehrwerken“, so Ransmayrs Resümee.

Die Expertin hat die Studie in Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium und mit dem Rat für deutsche Rechtschreibung durchgeführt, dessen Mitglied Ransmayr ist. Dieser Rat mit Sitz in Mannheim hat in einer Grundsatzerklärung an die Bedeutung des Rechtschreibens als Grundkompetenz in Schule und Gesellschaft erinnert: „Dem Rechtschreiben als Grundkompetenz in einer Schriftgesellschaft sind in den Lehr- und Bildungsplänen als Rahmen und in den Schulcurricula vor Ort ein angemessener Umfang und eine angemessene Zeit zuzugestehen, um Schülerinnen und Schülern zu ermöglichen, orthografische Fertigkeiten auszubilden“, forderte der Rechtschreibrat.

Die von Ransmayr befragten Lehrenden räumten indessen ein, dass auch sie selbst in Rechtschreibfragen nicht immer ganz firm sind: Knapp ein Drittel gab an, „manchmal“ in Rechtschreibfragen unsicher zu sein (rund 60 Prozent nur „selten“). Die Zahl derer, die „nie“ Schwierigkeiten haben (circa fünf Prozent), wird nur von der Antwort „häufig“ unterboten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2015)