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Rumänien: Die illegale Entwaldung der Karpaten schreitet voran

Waldarbeit
Die Abholzung schreitet voran(c) www.bilderbox.com (BilderBox.com)

Umweltschützer warnen vor der Abholzung, die ohne Kontrolle immer größere Ausmaße annimmt. Das Geschäft ist lukrativ – auch für mitteleuropäische Unternehmen.

Radauţi/Siret. Die marode Landstraße, die quer durch die Karpaten in die Bukowina führt, schlängelt sich zwischen die prächtigen Abhänge, an denen der beginnende Winter seine ersten Spuren hinterlassen hat. Kleine malerische Dörfer mit orthodoxen Kirchen liegen weit verstreut entlang des Wegs. Der Sommer war regnerisch wie nur selten in Rumänien, und die ganze Gegend riecht nach nassem Wald.

Einer nach dem anderen fahren Lastwagen ab dem Spätnachmittag in Richtung Osten bergab. Alle sind vollbeladen mit Baumstämmen. Seit einigen Jahren gehört das zum Alltag in der Bukowina, erst gegen Mitternacht beruhigt sich der Schwerverkehr, stellt man in den Dorfkneipen fest. Das sei auch der Grund, warum immer tiefere Schlaglöcher die Straße plagten. Der Unmut der Einwohner hat neulich auch in Bukarest die Runde in den Medien gemacht, denn mit ihren Berglandschaften und alten Klöstern verfügt die Region über ein erhebliches touristisches Potential.

Unweit des Dorfs Pojorâta wurden die Tannen großflächig gefällt. Erst von einem höheren Punkt aus lässt sich das Ausmaß der Abholzung erkennen: Damit niemand anfängt, Fragen zu stellen, vermeiden die Holzfäller mittlerweile die Stellen, die direkt von der Straße sichtbar sind. Doch dieses dünn besiedelte Berggebiet bietet auch abseits der getretenen Pfade zahlreiche Möglichkeiten für den Kahlschlag im kleinen und im großen Stil. Am Waldrand wird das Geräusch der Sägen und Äxte hörbar. Noch höher stehen zwei Pferde. Sie warten auf die nächste Ladung, die zurück zur Landstraße heruntergezogen werden muss. Dort warten in der Regel bereits die LKW. Die beiden Männer, die einige Meter hinter den Pferden Tannen fällen, sind wortkarg. Sie seien Tagelöhner und arbeiteten im Auftrag eines Kleinunternehmens aus dem Dorf, erzählen sie. Ob die erforderliche Genehmigung vom Forstamt vorliege, sei Chefsache.

Die zahlreichen Unternehmen aus der Region, die sich mit Forstarbeiten beschäftigen, behaupten stets, sie verfügten über alle Genehmigungen. Damit haben die meisten auch Recht: Nur in den seltensten Fällen wird ganz illegal, ohne das Wissen der Behörden abgeholzt. Beim Forstamt hingegen heißt es typischerweise, die Tannen seien von Schädlingen oder Krankheiten befallen. Oder es habe einen Sturm gegeben und eine Hygienisierung des Waldes sei fällig.

Dass in der Abholzungsfrage eher bei den zuständigen Ämtern eine Hygienisierung fällig und die Bekämpfung der grassierenden Korruption nötig ist, gilt in Rumänien als offenes Geheimnis. Allein in den ersten sechs Monaten im letzten Jahr haben Inspektionen aus der Kreisstadt Suceava in Dutzenden Fällen Anzeige gegen Forstbeamte und andere Angestellte erstattet. Doch die Missstände bei der Erteilung von Genehmigungen und bei der Markierung befallener Bäume bleiben systematisch.

 

Hilferuf an Regierung

Rumänische und internationale Umweltschutzorganisationen haben in den vergangenen Monaten angesichts der Hochwasserkatastrophen in den Nachbarländern immer häufiger Alarm geschlagen: Die Entwaldung der Karpaten schreite immer weiter voran und könne auch in Rumänien zu solchen Desastern führen. Deshalb müsse die Bukarester Regierung das Phänomen so bald wie möglich wieder in Griff bekommen, argumentiert Magor Csibi vom World Wildlife Fund (WWF). Jede Stunde verschwinden in Rumänien durchschnittlich drei Hektar Wald, zeigt auch eine Studie von Greenpeace. Die illegal abgeholzten Parzellen betrugen laut einem Bericht des rumänischen Rechnungshofs seit der Wende fast 400.000 Hektar, das sind rund sechs Prozent der gesamten Waldfläche des Landes.

Den dadurch entstandenen Schaden schätzte die Behörde im konservativsten Szenario auf mehr als fünf Milliarden Euro. Und nirgendwo sei die Situation gravierender in Suceava, berichteten die Beamten Ende letzten Jahres. Grund dafür ist vor allem das Geschäft mit dem Holz, einer Ware, die sich lukrativ exportieren lässt.

 

Österreichische Firmen

Rund 75 Kilometer nordöstlich von Pojorâta, in der Kleinstadt Radauţi befinden sich zwei große Holzverarbeitungswerke: Holzindustrie Schweighofer und Egger. Beide gehören österreichischen Unternehmern, die in den letzten Jahren zu erfolgreichen Marktführern der rumänischen Holzbranche geworden sind, Wirtschaftskrise hin oder her.

Für die meisten LKW aus den Karpaten endet die holprige Fahrt hier: Die Baumstämme werden auf dem riesigen Schweighofer-Fabrikgelände entladen, automatisch nach Kaliber und Qualität sortiert, Maschinen entfernen dann die Rinde und legen das Material wieder auf das Fließband, das sie zur Fabrikhalle führt. Dort werden die besten Tannen zu Schnittholz in unterschiedlichen Maßen verarbeitet, den Rest und die Abfälle zerkleinern die Maschinen zu Pellets, zu Hackschnitzel für die österreichische Papierindustrie oder zu Biomasse für die Energieerzeugung. Das Endprodukt wird anschließend verpackt und auf Waggons geladen: Täglich verlassen mehrere Güterzüge das Werk in Richtung Mitteleuropa oder Constanţa. Im Schwarzmeerhafen wird die Ladung schließlich in Container umgeladen und für den Export fertig gemacht. Rund 80 Prozent der Produktion von Schweighofer landet einige Wochen später in Westeuropa, USA, Japan oder Saudiarabien.

Inhaber und Geschäftsführer Gerald Schweighofer kommt immer wieder nach Radauţi, um sein Werk zu besuchen und mit den Mitarbeitern die aktuelle Produktions- und Vertriebslage zu besprechen. Rund 2500 Beschäftigte arbeiten in den vier Fabriken, die das Unternehmen in Rumänien betreibt und die jährlich fast drei Millionen Kubikmeter Baumstämme verarbeiten. Der Umsatz der rumänischen Tochterfirma beträgt in diesem Jahr 550 Millionen Euro, ein neues Werk in dem ostsiebenbürgischen Ort Reci befindet sich gerade im Bau.

Natürlich gebe es ein Problem mit der pseudolegalen Abholzung in Rumänien, gibt Schweighofer zu: Es wird eigentlich mehr gefällt, als gesetzlich vorgeschrieben ist. „Das Problem ist die Kontrolle und die Durchsetzung der Bestimmungen. Wir können nicht den Staat spielen und die ganze Lieferantenkette bis ins letzte Detail kontrollieren“, sagt der Unternehmer. „Wir waren immer für die Stärkung der Forstbehörden und dafür, dass die korrupten Beamten ins Gefängnis gehen.“ Mit diesem letzten Punkt wären auch die Umweltschutzorganisationen einverstanden.

AUF EINEN BLICK

Karpaten. Schätzungen zufolge wurden seit der Wende in Rumänien fast 400.000 Hektar Wald illegal abgeholzt – das sind rund sechs Prozent der gesamten Waldfläche des Landes. Der dadurch entstandene Schaden dürfte mehr als fünf Milliarden Euro betragen. Die Genehmigungen für die Abholzung werden zwar erteilt, allerdings grassiert in den zuständigen Behörden auch die Korruption. Vergangenes Jahr wurden in wenigen Monaten in der Region Suceava Anzeigen gegen Dutzende Beamte erstattet. Umweltschutzorganisationen warnen vor fatalen Folgen der Abholzung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2015)