Das Wayne Shorter Quartet im Konzerthaus: Jazz, der milde auf seine wilde Geschichte zurückblickt.
„Die Sprache der Musik ist wirklich universal“, ließen jüngst deutsche Kognitionswissenschaftler verlautbaren. Die Empirie hinter dieser pathetischen Aussage ist nicht so überwältigend: Gezeigt wurde nur, dass „westliche Musik“, die darauf hinkomponiert worden ist, Trauer, Freude oder Angst auszudrücken, auch von Menschen, die nie davor „westliche Musik“ gehört haben, als traurig, freudig oder ängstlich empfunden wird.
Musik als Transportmittel für eindeutig erkennbare Gefühle: Wie naiv diese Vorstellung ist, hört man bei vielen Großen des Jazz. Auch bei Wayne Shorter, mit 75 Jahren noch gut in Form. Wenn er spielt, vor allem auf dem Sopransaxofon, dann liegt Trauer in der Freude und Freude in der Trauer. Es sind nicht nur die „blue notes“, die diese Ambivalenz ausmachen, nicht nur die Melodik, es ist auch der unverwechselbare Sound Wayne Shorters. Miles Davis hatte ihn 1964 anstelle des großen John Coltrane in sein Quintett genommen, gewiss weil er ihm den Free Jazz freundlich nahebrachte, aber wohl auch wegen dieses Sounds, der seinem eigenen nicht unähnlich war: gelassen in der größten Aufregung, cool in der größten Hitze.
Aufbruch. Das Quartett, das Wayne Shorter seit 2001 unter seinem Namen leitet, hat hörbar– etwa in der Auflösung der Stücke hin zu einer Art von Suitenform – eine andere legendäre Formation als Vorbild: das John Coltrane Quartet der Jahre 1960 bis 1965, der letzten großen Aufbruchszeit des Jazz, als der Jazz sich von den tonalen und rhythmischen Fesseln befreite, so empfand man das damals. Heute ist die Ästhetik dieses Aufbruchs „business as usual“, wird auf den Konservatorien gelernt. „Sich freispielen“, das geht nicht mehr.
So hörte man im gut gefüllten Konzerthaus eine gut geführte musikalische Höhenwanderung (ohne Pause), die nur an manchen Stellen an frühere Gipfelstürme erinnerte, etwa wenn Shorter sein Instrument furios überblies. Brian Blake am Schlagzeug spielte wilde „Rolls“ wie einst Elvin Jones, gab sich aber schnell wieder konziliant. John Patitucci spielte einen redseligen, aber doch nicht geschwätzigen Bass; Pianist Danilo Pérez, schon durch sein Instrument der Tonalität verpflichtet, vertrat diese mit Milde oder Nachdruck, ganz wie's passte.
So hörte man Trauer und Freude zugleich, viel Gelassenheit sowieso. Und stellenweise doch etwas zu viel Routine.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2009)