Das billigste Auto der Welt ist auf dem Weg nach Europa. Von Timo Völker
Einen zweiten VW Käfer wollte er bauen, ein Auto für die Geschichtsbücher – vor allem aber eines für die Massen in den Entwicklungsländern wie seiner indischen Heimat, die ihre Wege bislang auf dem Moped erledigen. Der Kleinstwagen Nano von Indiens größtem Industriekonglomerat, Tata, ist das persönliche Prestigeprojekt von Konzernchef Ratan Tata.
Ein viersitziges, vollwertiges Auto (soweit sich das auf zwei Komma drei Meter Länge ausgehen kann) um unter 2000 Dollar – allein mit der Ankündigung versetzte Tata die Branche vor eineinhalb Jahren in Aufruhr.
Krawalle und Finanzkrise. Doch die „revolutionäre“ Unternehmung geriet ins Schleudern: Wegen schwerer Krawalle rund um enteignete Bauern musste Ratan Tata eine halbfertige Fabrik in Westbengalen aufgeben, zur Verzögerung bei der Fertigung kam die Finanzkrise, die den Konzern bis heute hart trifft.
So gelangt der Winzling kommenden April mit einiger Verspätung auf den indischen Markt – und lediglich in einer Auflage von 50.000 Stück. Wenn alle Fließbänder laufen, soll allerdings jedes Jahr eine Viertelmillion Nano entstehen – fürs Erste.
Und es wird nicht bei Indien und anderen Schwellen- und Entwicklungsländern bleiben: Schon wurde der Tata Nano „Europa“ vorgestellt, der auf dem Alten Kontinent „definitiv“ angeboten werden wird, so der Konzernherr – offen ist noch, wann und zu welchem Preis.
Langversion. Unterschied des „Europa“ zum Indien-Nano: Der Radstand wurde etwas gestreckt, die Liliputrädchen durch größere ersetzt und der Innenraum hochwertiger gestaltet. Es gibt sogar den Luxus einer Servolenkung. Schwieriger wird es schon, das Auto den Erfordernissen europäischer Crashtestnormen anzupassen.
Bald beginnt die Suche nach Vertriebspartnern. Das Auto aus dem Supermarkt? Durch die Gänge einer „Hofer“-Filiale kommt man mit dem Nano jedenfalls problemlos.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2009)