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Zu wenig Unterstützung für gehörlose Kinder

(c) Die Presse (Bruckberger)
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An Österreichs Pflichtschulen lernen nur sieben Prozent der Hörbehinderten Gebärdensprache. Im Burgenland sind es zehnmal so viele wie im Westen.

Es gibt einen deutlichen Mangel an Dolmetschern für Gebärdensprache (ÖGS) - und das spüren vor allem auch die Schulen. Das zeigt eine Bedarfserhebung des Instituts für Höhere Studien (IHS). Ob gehörlose Kinder und Jugendliche eine höhere Bildung erreichen, hängt demnach in erster Linie von persönlichem Engagement ab. Also der Frage, wie sehr sich die Eltern und einzelne Lehrer engagieren. Dabei spielt auch der Zufall eine Rolle.

Wie viele Personen in Österreich insgesamt gehörlos oder schwerhörig sind und ÖGS als Erstsprache nutzen, ist mangels Daten nicht klar. Schätzungen gehen von 2000 bis 8500 Betroffenen aus, die Gebärdensprache wirklich beherrschen - dem gegenüber stehen allerdings nur rund 100 ÖGS-Dolmetscher. Dieser Mangel an Dolmetschern vor allem mit Kenntnissen des spezifischeren Vokabulars im mittleren und höheren Bildungsbereich wird in Interviews von den Betroffenen in der Studie als massives Problem genannt.

Mehr Personal für höhere Schulbildung

Allein um gehörlosen Schülern dieselben Chancen auf den Besuch der AHS-Oberstufe oder einer berufsbildenden mittleren oder höheren Schule (BMHS) zu geben wie Schülern ohne Behinderung, bräuchte es laut der IHS-Untersuchung (je nach Intensität der Betreuung) zwischen 27 und 86 zusätzliche Dolmetscher. Die Politik sei daher gefordert, deren Ausbildung zu fördern und auch entsprechende Stellen zu schaffen, so das Institut in seinen Empfehlungen.

Förderbedarf je nach Land unterschiedlich

Im Pflichtschulbereich werden nach den unterschiedlichen Definitionen der Landesschulräte rund 1400 Kinder und Jugendliche (ca. zwei Promille) als gehörlos oder hörbehindert eingestuft. Ob Schülern wegen schlechtem oder fehlendem Hörvermögen sonderpädagogischer Förderbedarf zuerkannt wird und ob sie an einer Sonderschule bzw. eigenen Schulen für Hörbeeinträchtigte (mit manchmal langem Anfahrtsweg oder Internat) oder integrativ unterrichtet werden, ist je nach Bundesland unterschiedlich. Insgesamt wird je die Hälfte an einer Sonderschule unterrichtet bzw. unterstützt von Gebärdensprachpädagogen in einer Klasse mit Kindern ohne Einschränkung beschult.

Kaum Gebärdensprache in Vorarlberg und Tirol

Internationalen Schätzungen zufolge beherrscht jeder zehnte Gehörlose die Gebärdensprache. An Österreichs Pflichtschulen werden hingegen nur sieben Prozent der Betroffenen gebärdensprachlich orientiert unterrichtet, dabei gibt es eine Bandbreite zwischen drei Prozent in Vorarlberg und Tirol und 29 Prozent im Burgenland.

Der insgesamt gesehen geringe Einsatz von ÖGS an Schulen könnte laut der Studie neben technischen Neuerungen (Cochlea Implantat etc.) auch daran liegen, dass nicht alle gebärdensprachlich orientierten Kinder entsprechend unterrichtet werden, wie zuletzt auch ein Fall aus Kärnten zeigte.

Gebärdensprach bei Prüfung verwehrt

Dort wollten Eltern einer gehörlosen HAK-Schülerin erwirken, dass für diese die Gebärdensprache als Unterrichtssprache gilt und sie damit etwa das Recht erhält, Prüfungen per Dolmetsch in ÖGS abzuhalten. Obwohl die ÖGS seit 2005 als eigenständige Sprache anerkannt ist, wurde der Schülerin dies allerdings verwehrt. Landesschulratspräsident Rudolf Altersberger (SPÖ) begründete die Ablehnung in einem Bericht des "Standard" mit dem "gesetzlichen Korsett", das ÖGS nicht als Muttersprache anerkenne und damit einen Sprachentausch nicht ermögliche. Die Schule könne daher nur mit Stützlehrern aushelfen.

Nur wenige schaffen es an die Uni

Mangels ausreichender Unterstützung ist der Bildungserfolg gehörloser Menschen der IHS-Studie zufolge derzeit stark von Eigeninitiative abhängig: So berichtet im Interview ein Betroffener, dass er nur dank eines zufällig stattfindenden Pilotprojekts einen Lehrplatz in einem "normalen" Betrieb erhalten hat. Ein anderer verließ extra sein Heimatbundesland, um in Wien eine weiterführende Schule mit speziellem Angebot für gehörlose Schüler zu besuchen. Bis an die Hochschulen schaffen es unter den derzeitigen Bedingungen nur wenige: So gibt es derzeit an den Unis rund 30 Studenten, die ÖGS verwenden - zumindest in Wien werden sie über die Initiative "GESTU. gehörlos erfolgreich studieren" seit 2010 durch (Schrift-)Dolmetscher und Tutoren unterstützt, allerdings gibt es auch hier laut der Erhebung zu wenig Unterstützungspersonal.

Die ÖGS sei insgesamt, wie in der Studie kritisiert wird, "in einem Defizitdiskurs gefangen, der an die 'Ausländerpädagogik' der 1960er bis frühen 1980er Jahre erinnert": Da ihr Einsatz im Gegensatz zu Minderheitensprachen nicht gefördert werde, könne sie nicht jene Universalität (z.B. mit für mittlere und höhere Bildung notwendigen Fachausdrücken etc.) entwickeln, dass sie als tatsächliche Erstsprache genutzt werden kann. Außerdem werde, wie bei Migrantensprachen auch, der Einsatz vom ÖGS teils mit dem Argument abgelehnt, dass er "desintegrativ" wirke.

(APA)