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Hamdy, der Held im Volvo

(c) Die Presse (KARIM eL-GAWHARY)
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Wir verfolgen, wie sich sechs Familien auf der ganzen Welt durchs Leben schlagen. Heute: die Familie von Hamdy Oukel und seinen fünf Söhnen in Kairo.

Sein Job ist anderer Leute Albtraum: Hamdy Oukel verbringt den Tag damit, mein Auto sicher durch Kairos Verkehrshölle zu steuern und dabei Nerven zu bewahren. Er ist Meister seiner Zunft, lässig lenkt er das alternde Gefährt seit zwölf Jahren an allen Gefahren vorbei. Eilt es, kann er sich gekonnt in jede noch so kleine Verkehrslücke drücken und mit einem Lächeln dem Nebenmann den Weg abschneiden. Dabei fuhr Hamdy unfallfrei – von kleineren Blechschäden mal abgesehen. Hamdy ist jedenfalls mein Held am Steuer.

In Ägypten ist's nicht ungewöhnlich, einen Fahrer zu beschäftigen. Zehntausende verdienen sich ihr Brot, indem sie Kinder der Mittel- und Oberschicht zur Schule bringen, ihre Chefs zur Arbeit kutschieren oder deren Besorgungen erledigen – soweit der Versuch meiner bourgeoisen Selbstverteidigung.

Zurück zu Hamdy. Er ist auch der Typ Mensch, der irgendwo auftaucht und sofort bei allen beliebt ist. Das liegt an seinem ruhigen, doch einnehmenden Charakter. Das lässt sich etwa an den enttäuschten Gesichtern der anderen Fahrer vor der Schule ablesen, wenn ich meine Kinder ausnahmsweise selbst abhole: „Wo ist Hamdy?“, ist dann als vielfaches Echo zu hören. Auffällig auch, dass ihn in der 18-Millionen-City immer wieder Verkehrspolizisten wie einen alten Kumpel grüßen. Selbst in der Werkstatt kriegt er meist noch am selben Tag einen Termin.

Derzeit sieht er müde aus; nicht nur, weil gestern bei der Gangschaltung eine Dichtung gewechselt werden musste. Ägyptische Werkstätten arbeiten gern nach Mitternacht, auf ihre Arbeit sollte man stets ein Auge werfen: Sonst verlässt der Wagen die Box mit weniger Teilen als bei der Ankunft.

Das Licht ist aufgegangen.Hamdy hat noch einen Grund, müde zu sein: Voriges Wochenende wurde der 51-Jährige wieder Opa. „Nour“ (Licht) heißt das süße Baby, das er mit dem Handy fotografierte und seither stolz herumzeigt. Es ist nach Habiba (2) seine zweite Enkelin, und mit denen verbindet ihn was besonders: Hamdy hat zwar fünf Söhne, doch hat er sich sein ganzes Leben lang so sehr eine Tochter gewünscht.

Als sein fünfter Sohn Hatem vor 14 Jahren zur Welt kam, lief die Krankenschwester strahlend auf Hamdy zu: „Mabruk (Glückwunsch), Sie haben einen Sohn!“, rief sie. Sie erwartete die übliche arabische Freude auf die Nachricht der Geburt eines männlichen Statthalters. Doch Hamdy erzählt, wie er es nicht fassen konnte, und mit einem „Noch einen!“ auf den Lippen nach draußen ging, um Luft zu holen.

Heute sonnt er sich in der Präsenz seiner zweiten Enkelin, auch wenn die Wohnverhältnisse seit der Rückkehr von Sohn Sayyed (26) und dessen Frau Samar mit Nachwuchs beengt sind. Hamdy lebt mit seiner Frau Naima und den unverheirateten Söhnen Muhammad (24), Emad (22) und Hatem (14) in einer Zweizimmerwohnung im Kairoer Viertel Dar Al-Salam. Und sie könnte noch voller sein: Der 20-jährige Karim, gelernter Autoelektriker, leistet eben seinen Militärdienst im Sinai ab.

Und dann kommt auch noch Sohn Nr. 5 samt Familie ins Haus, abgesehen von Verwandten, die das Baby sehen wollen. Hamdy steckt das mit einem „Meine Wohnung ist ein riesiges Matratzenlager“ und einem Gähnen weg.

Der Schulweg, ein Kriegspfad. Ohnehin sind da die Sorgen des Alltags. Das Handy klingelt: Anruf von zu Hause. Hatem war nicht in der Schule. Üblich steigt er in einen der Mikrobusse, die als Sammeltaxis dienen. Heute waren alle voll; um die wenigen, die hielten, entbrannte ein Kampf, bei dem Hatem stets den Kürzeren zog. Nach einer Stunde gab er auf und ging heim. „Das ist nicht das erste Mal“, meint Hamdy gelassen. „Dar Al-Salam keda“ – „So ist nun mal unser Viertel“ – sagt er und lässt seine Finger zappeln, um eine wuselnde Menschenmenge anzudeuten.

Dar Al-Salam, ein schäbiges Viertel im Süden Kairos, ist mit mehr als einer Million Menschen eines der dichtest besiedelten. Bei der lokalen U-Bahn-Station Richtung Süden steigen neun von zehn Fahrgästen aus. Die meist unasphaltierten Gassen sind so eng, dass sich oft Nachbarn über den Balkon die Hände reichen können. Hamdys Gasse ist breiter. Dort wachsen sogar Bäume, obwohl ein Nachbar einige im Herbst abschnitt, weil sie, wie er glaubte, einer Hochzeit im Weg standen, die er für seine Tochter in der Gasse ausrichten ließ.

„Was kann man machen“, meinte Hamdy damals mit typisch resignierendem ägyptischen Unterton. In Kairo kann jeder in Eigeninitiative vermeintlich störende Bäume absägen, ohne aufgehalten zu werden. „Aber“, sagt Hamdy, „inzwischen sind sie dank Sonne und liebevoller Bewässerung nachgewachsen und prächtiger als zuvor.“

Auch das ist Kairo, wo trotz widriger Umstände weder Menschen noch Bäume einfach aufgeben wollen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2009)