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Euro: Niemand muss die Deflation fürchten

(c) BilderBox
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In Europa herrscht blanke Deflationspanik. Dabei sind die fallenden Preise bloß Teil eines Gesundungsprozesses. Außer in Österreich, wo die Regierung das Preisniveau nach oben treibt.

Wien. Jetzt ist sie also da, die Deflation. Um 0,2 Prozent sind im Dezember die Preise in der Eurozone laut Eurostat gesunken. Aber was bedeutet das? Warum scheinen Experten, Märkte und Politiker in Panik zu verfallen ob der Deflation? Sind fallende Preise nicht eigentlich ein Segen? Und wie ist Österreich betroffen? „Die Presse“ beantwortet die wichtigsten Fragen.

 

1 Warum ist die Inflationsrate in Europa so drastisch gesunken?

Vor allem wegen der stark fallenden Energiepreise. Der sinkende Ölpreis ist gleichzeitig auch ein Symptom für die schwache Entwicklung der Weltwirtschaft. Für Bürger und Wirtschaft kann das aber auch positiv sein. Tanken wird günstiger. Und für die Industrie können niedrige Energiepreise wie ein Konjunkturpaket wirken.

 

2 Wo ist dann das Problem? Warum ist die Angst vor Deflation so groß?

Das hat mehrere Gründe. Zum einen hat sich die Ökonomie darauf geeinigt, dass das verhaltene Gegensteuern der Zentralbanken während der großen Depression nach 1929 die damalige deflationäre Krise nur noch verstärkt hat. Dieser Fehler soll nun unbedingt verhindert werden, weshalb der Druck auf die EZB, mehr Geld zu drucken, in diesen Tagen wächst und wächst. Aber Deflation ist nicht gleich Deflation. Der Weltmarkt ist heute global und vernetzt, was den Preiswettbewerb anheizt und die Effizienz steigert. Bei Computern sehen wir deswegen seit Jahren sinkende Preise – ohne Beschwerden.

 

3 Also sind fallende Preise doch kein grässliches Monster?

Zumindest nicht immer. Der ehemalige EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark hat in einem Beitrag für die „NZZ“ kürzlich darauf hingewiesen, dass es sich bei den Preisentwicklungen in der Eurozone „keineswegs um ernst zu nehmende deflatorische Gefahren“ handle. Vielmehr sei diese Periode sinkender Inflationsraten (Disinflation) „unvermeidlich“, weil das Preisniveau in Krisenländern wie Griechenland sich anpassen muss. „Gute Deflation“, so Stark, sei ein „wirtschaftlicher Gesundungsprozess, in dem die Übertreibungen der Vergangenheit korrigiert werden“.

 

4 Aber es muss doch auch eine „schlechte“ Deflation geben?

Natürlich. Wenn die Preise kontinuierlich und stark fallen, kann das die „Inflationserwartungen“ der Firmen und Konsumenten durcheinanderbringen, und eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale beginnt sich zu drehen. Irgendwann müssen dann sogar die Löhne sinken, was den Konsum erst recht abwürgt und das BIP schrumpfen lässt. Es gibt aber absolut keinen Hinweis darauf, dass die Eurozone in einer solchen Spirale steckt. Die Panik basiert auf einem falschen Verständnis von „guter“ und „schlechter“ Deflation.

 

5 Was passiert, wenn man eine „gute“ Deflation zu bekämpfen versucht?

Das können wir gerade beobachten. Seit der Krise von 2008 sind die Zinsen so niedrig und die Geldschleusen der Notenbanken so weit offen wie noch nie, damit die Banken die Wirtschaft mit genügend frischem Geld versorgen können. Hier aber gibt es ein Problem: Die Übertreibungen waren vor der Krise derart extrem, dass netto immer noch mehr Kredite abgebaut werden als hinzukommen (Deleveraging). Das billige Geld fließt verstärkt in die Finanzmärkte – und nicht in die Realwirtschaft. Das hat zu einer neuerlichen kompletten Entkopplung der Börsen von der Realität geführt, was auch die steigenden Aktienkurse in Zeiten dramatisch fallender Energiepreise erklärt. Soll heißen: Die Zentralbanken heizen unter dem Vorwand der Krisenbekämpfung schon die nächste Blase an. Davor warnt inzwischen sogar die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), die „Zentralbank der Zentralbanken“.

 

6 Also ist nicht die Deflation das Problem, sondern die Angst davor?

Genau. Ex-EZB-Mann Jürgen Stark schreibt selbst, in Europa herrsche eine „Deflationsparanoia“. Staaten und Banken, die eine tatsächliche Deflation viel härter treffen würde als die „kleinen Leute“ und die Industrie, heizen diese Paranoia durch die Verbreitung immer neuer Horrorszenarien zusätzlich an. Vor allem die internationalen Großbanken und die südeuropäischen Staaten wollen die EZB unbedingt zum Aufkauf von Staatsanleihen treiben. Die Deflationsphobie ist derart groß, dass die Notenbanken zum Äußersten bereit scheinen. Selbst die Idee des „Helicopter-Money“, also der direkten Verteilung frischen Zentralbank-Geldes an die Bürger, gewinnt immer mehr Fans. Zuletzt trat die Citibank dafür ein.

 

7 Die Deflationsangst könnte also zu einer starken Inflation führen?

Im Grunde müsste die Inflation längst angezogen haben – Geld war noch nie so billig wie derzeit. Dass dies nicht geschehen ist, zeigt, wie schwer die Krise wirklich ist. Ausnahme ist freilich Österreich. Wir leben in der schlechtesten aller Welten. Während selbst in Deutschland die Inflationsrate zum Nullpunkt tendiert, steigen die Preise hierzulande weiter – als herrsche Hochkonjunktur. Schuld sind die stark steigenden Steuern und Gebühren – sowie die kalte Progression, die Lohnzuwächse wieder wegfrisst. Die Folge: Die Reallöhne sinken und mit ihnen die Kaufkraft. Das schwächt die Sparquote und den Konsum und sorgt für eine Abwärtsspirale, die nur durch eine sehr deutliche Steuerentlastung gestoppt werden könnte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.01.2015)