Bremsspur: Die Zukunft der Formel 1

(c) AP (Alberto Saiz)
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Die Wirtschaftskrise zwingt der Formel 1 einen Sparkurs auf. Der Automobil-Weltverband FIA drängt die Teams, eine Milliarde einzusparen.


Die Formel 1 wird nicht umsonst als „Königsklasse des Motorsports“ bezeichnet. Geld spielte jahrzehntelang in der von Bernie Ecclestone vermarkteten PS-Liga keine Rolle. TV-Anstalten zahlten jeden Betrag, den der 78-jährige Brite für Übertragungsrechte verlangte, und Sponsoren standen Schlange. Fahrern und Teamchefs wurde ein Kultstatus verpasst, vor jedem Rennen spazierten Hollywood-Stars durch die Boxen. Und während Wirtschaftsbosse für 1500 Euro im Paddock-Club speisten, drängte sich der wahre Fan auf überfüllten, unbequemen Tribünen.


Ecclestones Spiel mit Macht und Geld ging auf, und seine Formel segnet seit jeher alle Mitspieler mit Geld. 2007 betrug der Umsatz stolze 3,05 Milliarden Euro, 2008 gab es nur eine geringe Steigerung auf 3,07 Milliarden, aber das beunruhigte keinen seiner Weggefährten.


Doch dann kam die Wirtschaftskrise, und sie machte auch vor der als unantastbar geglaubten Formel 1 nicht halt. Sponsoren wie ING-Diba oder RBS lösten ihre Verträge, Honda (Nachfolgeteam „Brawn Racing“) stieg aus, und Rennstrecken wie Hockenheim oder Magny Cours flogen aus dem Kalender. Zu gering waren die Gewinne, zu hoch den Veranstaltern der von Ecclestone verlangte „Mitgliedsbeitrag“ von 25 Millionen Euro.


Schlagartig überdachten auch die fünf verbliebenen Automobilhersteller BMW, Ferrari, Mercedes, Renault und Toyota ihre Investments. 920 Millionen Euro sollen es pro Saison sein, die für Weiterentwicklung, Tests und PR-Events verpulvert werden. Dazu kommen Fahrergagen, Gehälter der Rennställe (viele haben bis zu 700 Angestellte), Transportkosten etc., die Gesamtkosten belaufen sich auf 2,58 Milliarden Euro.


Diese Summe bestätigte FIA-Präsident Max Mosley zuletzt auf dem Genfer Autosalon. Obgleich bereits im Dezember 2008 mit allen Teams Einsparungen von einer Milliarde Euro beschlossen wurden, drängt Mosley darauf, dass vor dem Saisonstart am 29. März in Melbourne erneut der Rotstift angesetzt wird. „Die Kosten müssen eingedämmt werden, indem wir technische Möglichkeiten einschränken. Vielleicht müssen wir die Budgets begrenzen“, sagte Mosley jüngst dem „Spiegel“. Langsam begreife auch der Letzte, „wie unsinnig dieses Wettrüsten ist. Es herrscht eine Kultur der Verschwendung. Das Streben nach Erfolg hat über jegliche finanzielle Disziplin gesiegt. Die Formel?1 macht sich lächerlich“, sieht Mosley das Flaggschiff des Motorsports bedroht.


Über seine Person hat sich Max Mosley (68) übrigens keine Gedanken gemacht. Ob er sich nach dem Sexskandal – im April 2008 wurden Fotos von ihm während einer Orgie mit Prostituierten veröffentlicht – im Oktober dieses Jahres der Wiederwahl stellt, will er erst im Juni entscheiden.


Die ab 2010 geplante „freiwillige Budgetgrenze“ ist jedoch sehr umstritten. Teams, die mit maximal 33 Millionen Euro Jahresetat auskommen, sollen mit „technischen Vorteilen“ belohnt werden. Ferrari und McLaren-Mercedes laufen noch dagegen Sturm.
Die Teamvereinigung FOTA reagierte auf den geforderten Sparkurs und präsentierte erste Vorschläge. Die Maßnahmen sollen garantieren, dass die F1 „wirtschaftlich, umweltfreundlich und preislich attraktiv wird“, versprühte Luca di Montezemolo, der dieser Vereinigung und Ferrari als Präsident vorsteht, Optimismus. Dass dadurch aber die Kluft zwischen armen und reichen Teams kleiner wird, ist ein Trugschluss. Privatteams wie Williams trifft die Krise härter, weil hinter ihnen keine Industrie steht. Und es ist zweifelhaft, ob ihnen Einsparungen bei Motoren (acht pro Saison und Fahrer), der Wegfall von Testfahrten oder Windkanaltests sportliche Vorteile verschaffen.

Motorsport wird niemals vollkommen

umweltfreundlich sein, dessen sind sich die hohen Herren trotz PR-tauglich geäußerter Wünsche bewusst. Immerhin akzeptierten sie, dass 2009 dem handelsüblichen Superbenzin, das Formel-1-Boliden tanken, 5,75 Prozent Bioethanol beigemischt werden. Das ändert aber nichts an dem Verbrauch (ca. 100 Liter auf 100 Kilometer) oder den beträchtlichen Abgaswerten (1500 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer).


Für heuer stellt es die FIA allen Teams noch frei, ob sie das Energierückgewinnungssystem KERS einsetzen. McLaren-Mercedes und BMW probieren es; Vorteilen durch Mehrleistung (per Knopfdruck 82 zusätzliche PS für 6,7 Sekunden) stehen aber Nachteile gegenüber, wie Gewicht und dessen schlechtere Verteilung im Auto. Deshalb entbrannte übrigens die Diskussion, dass Fahrer abnehmen müssten. Österreichs Testfahrer Alexander Wurz meint dazu: „Es ist nicht lustig, wenn in der Formel 1 halb verhungerte Piloten herumrennen, die aussehen wie Skispringer – gerade in Zeiten der Bulimie.“ Doch ab 2010 soll es das einheitliche System für alle Teams geben.


Auf 2010 verschoben wurde auch die Revolution des Punktesystems. Die FIA hatte angekündigt, dass nicht mehr der Fahrer mit den meisten Punkten Weltmeister wird, sondern jener mit den meisten Saisonsiegen. Hätte diese Regelung vergangene Saison gegolten, wäre nicht der Engländer Lewis Hamilton, sondern der Brasilianer Felipe Massa Weltmeister geworden. Daraufhin entbrannte ein Streit, alle Teams lehnten diesen Eingriff so knapp vor dem Saisonstart ab. „Es ist absurd“, polterte di Montezemolo, „ernst und gefährlich. Die Formel 1 verliert so ihre Glaubwürdigkeit!“ Mit einem schlichten Schreiben an alle Teams „korrigierte“ die FIA am Freitag ihren unkoordinierten Vorstoß.
Damit der F1-Show doch schon im Verlauf dieser Saison neues Gewicht verliehen wird, sollen vor dem Start die Tankladungen jedes Autos bekannt gegeben werden. Ob das die Taktik diverser Teamstrategen über den Haufen wirft, ist zweifelhaft. Mit neuen Reifen, profillosen Slicks, sollen zudem die in Vergessenheit geratenen Überholmanöver ihre Wiederauferstehung feiern.
Ecclestones „PS-Zirkus“ wird sich ungeachtet der Krise bis 2012 genauso schnell weiterdrehen. So lange versicherten ihm alle engagierten Teams jedenfalls ihre Treue. Zurück bleibt vor diesem Saisonstart somit nur eine etwas längere Bremsspur.

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