Tadeusz Konwicki: Ein großer Europäer ist verstummt

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Tadeusz Konwicki war einer der hervorragendsten polnischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts.

Warschau, Volksrepublik Polen, irgendwann in den 1970er-Jahren: Am Morgen vor Weihnachten steht eine Menschenschlange fröstelnd vor einem staatlichen Juwelengeschäft mit dem inspirierten Namen „Der Juwelier“ und wartet auf Einlass in ein Geschäft, dessen wegen eines Stromausfalls finstere Vitrinen außer sowjetischen Elektro-Samowaren und billigen Weckern nichts darbieten. Diese Eröffnungsszene von Tadeusz Konwickis Roman „Der polnische Komplex“ (1977) birgt allein schon so viel satirisches Potenzial, dass man damit eine halbe Bibliothek mitteleuropäischer Dissidenten füllen könnte. Konwicki, der am Mittwoch im 89. Lebensjahr in Warschau verstorben ist, entführt seinen Leser jedoch auf eine fantastische Reise aus der erstickenden Tristesse des Kommunismus ins Jahr 1863, als sich die Polen gegen ihre zaristischen Unterdrücker erhoben. Auf 200 eleganten Seiten spielt Konwicki in „Kompleks Polski“ mit der einen Hand auf der Klaviatur der Satire, während er mit der anderen eine Traumnovelle über Polens langes und, zum damaligen Zeitpunkt, vergebliches Ringen um Freiheit entwirft. Der nationale Gedanke ließ ihn zeitlebens zweifeln: „Wer hat mich, einen Europäer, nein, einen Bürger der Welt, einen Esperantisten, einen Kosmopoliten, einen Agenten des Universalismus, wer hat mich, wie in einem bösen Märchen, in einen sturen, ignoranten, zornigen Polen verwandelt?“

Solche Sätze hatten keine Chance auf Billigung durch die staatliche Zensur. „Kompleks Polski“ erschien, wie fast alles, was Konwicki bis zum Ende des real existierenden Sozialismus schrieb, in der polnischen Untergrundpresse. Als Farrar, Straus and Giroux fünf Jahre später in New York die englische Fassung veröffentlichte, kannte das Lob kaum Grenzen. „Konwicki ist mühelos geistreich“, jubelte John Updike. „Er schreibt wie ein Mann, der nichts zu verlieren hat“, resümierte die „New York Times Book Review“.

In der Tat hatte Konwicki eine Menge verloren: seine Heimat Litauen, aus welcher der 1926 in einem Vorort des damals polnischen Wilno Geborene nach der Gründung der Sowjetrepublik ausgebürgert worden war, viele Freunde, mit denen er sich 1944 als 18-Jähriger der polnischen Untergrundarmee anschloss, um gegen die deutschen Besatzer zu kämpfen, die Illusion, als Literat im sozialistischen Realismus seine Freiheit und Würde bewahren zu können. Konwicki wandte sich in den 1950er-Jahren angeekelt vom stalinistischen Regime Władysław Gomułkas ab. Dem System zuwider schuf er mit einfachsten Mitteln filmische Meisterwerke, allen voran sein 1958 in Venedig ausgezeichnetes Debüt „Letzter Sommertag“ („Ostatni dzień lata“). Der habe die französische Nouvelle Vague vorweggenommen, lobte Andrzej Wajda.

„Ich bin der Letzte, der sich noch an den Beginn des 20. Jahrhunderts erinnern kann“, sagte dieser große Europäer aus der Generation von Czesław Miłosz und Sławomir Mrożek, der sich schon 1995 aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte. Sein Werk ist heute, da die Freiheit von Peking über Moskau bis in Pariser Redaktionsbüros gefährdet ist, ebenso zeitgemäß wie vor 40 Jahren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2015)

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