Österreichische Literatur schildert oft Unterirdisches. Kulturgeschichte, Psychologie, Esoterik wissen einiges über den Schutz- und Horror-Raum zu sagen.
Da wir die Treppe hinunter stiegen...“, schreibt Stifter in seiner Erzählung „Turmalin“ aus der Sammlung „Bunte Steine“: Ein Rentier wird von seiner lebenslustigen Frau betrogen. Darauf verschwindet er aus seiner bisherigen Umgebung und verdingt sich als Pförtner in einem halb verfallenen Haus. In dessen Keller verschleppt er seine Tochter. Als der Mann bei einem Sturz von der Leiter stirbt, wird das Mädchen entdeckt.
Der schottische Germanist Ritchie Robertson widmete sich bereits letztes Jahr in der „Times“ den Verbindungen des Falls F. mit der österreichischen Literatur: „Josef F.s fiktive Ahnen“ hieß der Artikel. Der Untertitel lautete: „Österreichische Politiker wollen ihr Land von dem Fall F. distanzieren. Literaturhistoriker finden das schwierig.“
Robertson nennt u. a. „Das Grab des Lebendigen“ von Franz Nabl (1883-1974), besser bekannt unter dem Titel „Die Ortliebschen Frauen“, von Luc Bondy verfilmt. Eine szenische Fassung des Romans wurde jüngst im NÖ Landestheater St. Pölten gezeigt: Nach dem Tod des Vaters, Inspektor Anton Ortlieb, kapselt sich dessen Familie von der Außenwelt zunehmend ab. Als der Sohn Walter gegen die Isolation aufbegehrt, wird er von der ältesten Schwester, Josefine, in den Keller gesperrt. Den Geist und das Tierische des Menschen konfrontiert Nobelpreisträger Elias Canetti (1905–1994) in seinem Erstlingswerk „Die Blendung“. Der Sinologe Kien heiratet seine Haushälterin, die ein Verhältnis mit dem sadistischen Hausbesorger beginnt, der seine Frau und Tochter versklavt, prügelt und in den Tod treibt.
„Der Keller“ heißt ein Teil der Autobiografie von Thomas Bernhard. Er beschreibt darin seine Zeit als Lehrling bei einem Lebensmittelhändler, wo er vorwiegend im Keller arbeitete. Auch der „Herr Karl“ von Carl Merz und Helmut Qualtinger werkt in einer Lebensmittelhandlung – und erzählt seine Geschichte über Opportunismus in allen Lebenslagen, speziell im Dritten Reich, im Lager des Geschäfts. Von dort ruft er immer wieder hinauf, er komme gleich.
Typisch österreichisch ist der Keller-Topos allerdings nicht. „Der Sammler“ („The Collector“) vom Briten John Fowles (1926–2005) handelt von einem Büroangestellten, der einer Kunststudentin nachstellt. Schließlich verschleppt er sie in ein Verlies auf dem Land. Er macht der Frau kostspielige Geschenke. Sie aber lässt sich nicht gewinnen und stirbt, während er glaubt, sie simuliert. Aus den Aufzeichnungen der Toten erfährt der Mann, dass sie ihn nie geliebt hat. Zuerst überlegt er Selbstmord, dann beschließt er sich ein neues Opfer zu suchen.
Auf ein französisches Märchen aus dem 17. Jahrhundert geht der vielfach verarbeitete „Blaubart“ zurück, der auch in Grimms Märchen vorkam. Die schöne Frau des Königs Blaubart findet die Kammern mit den Leichen ihrer Vorgängerinnen. Der Blaubart geht auf den alten Drachen-Mythos zurück: Der Drache fordert eine Jungfrau. Reales Vorbild des Blaubart war ein Marschall, der mit Jeanne d'Arc kämpfte und ein berüchtigter Sadist und Knaben-Mörder war. H. C. Artmann hat in seinem Gedicht vom „Ringelspielbesitzer“, der sieben Frauen erschlug, den Blaubart variiert.
Faust steigt hinab zu den Müttern
Stilistisch ist die Bandbreite der Keller-Geschichten im weiteren oder engeren Sinne groß: Dostojewski schrieb „Aufzeichnungen aus einem Kellerloch“, ein verarmter Kanzlei-Angestellter beichtet seine Wut gegen den technisch-wissenschaftlichen Fortschritt. In seinem Buch „Im Keller“ schildert der Tabak-Erbe, Mäzen und Sozialforscher Jan Philipp Reemtsma, was er während seiner Entführung 1996 erlebte. In Dea Lohers unheimlichem Einakter „Berliner Geschichte“ versteckt sich eine große Familie illegaler afrikanischer Emigranten im Keller, belauert von einem Psychopathen, der sich von sämtlichen Parteien im Kreuzberger Mietshaus gestört fühlt. Unterirdische Räume sind ein Lieblingsschauplatz von Fantasy-Autoren. Auch das „Phantom der Oper“ im gleichnamigen Musical haust im Keller.
Keller sind Teil unserer archetypischen Prägungen. Höhlen gehören zu unseren frühesten Erfahrungen: In sie kann man sich flüchten, dort aber auch verschüttet, eingeschlossen werden. Früher sperrte man schlimme Kinder in den Keller, für manche ein Trauma fürs Leben. Der Keller findet sich auch im Volksmund: Man hat eine Leiche im Keller oder geht in den Keller lachen. „Im tiefen Keller sitz ich hier“. Depression.
Der Keller bzw. die Höhle ist auch ein Symbol für das Matriarchat, das vom Patriarchat abgelöst wurde. Die Höhle steht für die Gebärmutter. Goethes „Faust“ steigt hinab zu den Müttern. Die in der Höhle eingesperrte Frau steht für die Verdrängung des Weiblichen. Im Entsetzen über den Fall F. sollte man nicht vergessen, dass Missbrauch, Brutalität gegen Frauen und Kinder einst (und mancherorts noch heute) zum Familien-Alltag gehören. So einmalig, entsetzlich und monströs der Fall F. im Moment erscheinen mag, er verweist durchaus auf klassische männliche Verhaltensmuster.
ABGETAUCHT, BÜCHER
■Franz Nabl, „Das Grab des Lebendigen“ oder „Die Orliebschen Frauen“. Ferdinand von Saar, „Die Troglodytin“ (1887). Elias Canetti, „Die Blendung“. Wolfgang Koeppen, „Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch“. Thomas Bernhard, „Der Keller“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2009)