Das Rock-Musical „Frühlings Erwachen“ nach Wedekind ist historisierend, dennoch hervorragend gemacht. Das witternde Genre rettet es nicht.
Bei der laufenden Schuldebatte wird häufig vergessen, was die Schule einst prägte: Der Wunsch nach willigen Soldaten fürs Militär. Kadaver-und Kadetten-Gehorsam waren gefragt, wie Musical-Intendantin Kathrin Zechner in ihrer Einleitung für „Frühlings Erwachen“, seit Samstag im Ronacher zu sehen, anmerkt. Rohrstab, Ohrfeigen, Eckenstehen sorgten für Zucht bei der Aufzucht. Die also Gezüchtigten marschierten hernach in zwei Weltkriege. Wie es damals war, können Jugendliche in Frank Wedekinds „Kindertragödie“ von 1890/91 sehen, die einen Skandal auslöste. Die Broadway-Produktion bleibt im wesentlichen beim Dichter – und ist handwerklich exzellent gemacht. Auf einer Ziegelwand finden sich Requisiten des 19. Jahrhunderts, alte Porträts, Gemälde, ein toter Schmetterling. Die Geschichte, kurz gefasst: Klassen-Primus Melchior erläutert seinem Freund, dem schlechtesten Schüler Moritz mit dem sprechenden Nachnamen Stiefel die Kunst des Beischlafs, unvorsichtigerweise schriftlich. Moritz fällt durch. Melchior schwängert das Mädchen Wendla, die an der Abtreibung des Kindes stirbt...
Lyrische Musik, Standing Ovations
Die Besetzung ist, um in alter Diktion zu bleiben, vorzüglich: lauter engagierte vielseitig talentierte junge Leute: Der von sexuellem Notstand gepeinigte Moritz (Wolfgang Türks) will nicht einmal vor seinem Freitod die Liebe mit Ilse (Jennifer Kothe) probieren. Sie hat sich vor dem Missbrauch ihres Vaters in eine Künstlerkolonie geflüchtet, wo ihr neue Schändung droht. Rasmus Borkowskis Melchior ist ein Intellektueller mit poetischen Anwandlungen und tief vergrabenen seelischen Abgründen.
Diese werden von der schönen Wendla (Hanna Kastner) aufgerührt, die sie ahnungslos entfesselt, indem sie ihm die Rute in die Hand drückt. Martha (Sonja Dengler) ist ebenfalls ein Opfer väterlichen Missbrauchs. Hänschen (Johannes Huth) und Georg (Dominik Hees) kanalisieren ihre Leidenschaften ineinander. Julia Stemberger und Daniel Berger spielen überzeugend sämtliche Erwachsene, die bösen wie die besseren. Duncan Sheiks Musik bringt mehr zum Träumen als harte Akzente zu setzen. Die deutschen Texte können zwar neuerlich nicht mit den englischen mithalten („The Word of Your Body“ klingt einfach besser als „Mehr als nur Worte“). Das Publikum im Ronacher belohnte die perfekte Aufführung jedoch mit Jubel und Standing Ovations.
Es bleiben Fragen: Seltsam, dass ein über 100 Jahre altes deutsches Stück aus Amerika importiert werden muss, um deutlich zu machen, das es als Musical taugt. Wurde hier nach den verunglückten „Producers“ Entertainment für die ganze Familie geschaffen? Eher nein. Opa und Oma werden nicht begeistert sein von den Onanisten auf der Bühne. Und die junge Generation könnte eine moderne Aufmachung à la „Highschool Musical“ vermissen. Zechners Kurs muss wohl von der Stadt Wien geschätzt werden, sonst hätte man nicht jüngst ihren Vertrag verlängert. Warum das mit reichlich Geld ausgestattete Wiener Musical derart auf einer Retro-Schiene segeln muss, bleibt unbegreiflich, speziell im Vergleich mit der Oper im Theater an der Wien, wo inhaltlich und ästhetisch deutlich mehr riskiert wird.
MACHER & TERMINE
■„Frühlings Erwachen“ von Steven Sater (Buch, Lyrics) und Duncan Sheik (Musik) in der Regie von Michael Mayer hatte in Wien seine deutschsprachige Erstaufführung. Bühne: Christine Jones, Choreografie: Bill T. Jones.
■Die nächsten Vorstellungen: 23., 24., 26. März, ? 58885 (mit Kreditkarte 9–20h).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2009)