Nato-Angriffe auf Serbien: „Sie wollten Zivilisten töten“

(c) Thomas Roser

Zehn Jahre danach. Das Dorf Vavarin wurde 1999 zum Ziel der Nato-Angriffe auf Serbien. Bis heute hat die Bevölkerung den Angriff nicht überwunden.

Die Geschichte vom Tod seiner Tochter hat der Mann mit dem Vollbart oft erzählt. Mit unbewegter Miene, bedächtig und die Worte sorgfältig abwägend lässt Zoran Milenkovic in seiner Amtsstube im Rathaus von Vavarin die fatalen Ereignisse von vor einem Jahrzehnt noch einmal Revue passieren. Als Mitglied einer Oppositionspartei hatte sich der damalige Mathematiklehrer in den 90er-Jahren im Widerstand gegen Serbiens Autokraten Slobodan Milosevic engagiert. „Doch die Nato bestrafte die Serben kollektiv, behandelte uns alle als Teil des Regimes“, erinnert sich der Bürgermeister kopfschüttelnd an den Beginn der Luftangriffe vor zehn Jahren: „Wir werden das nie vergessen können. Sie töteten hier völlig ohne Grund.“

„Weit weg“ schien für das 2000-Seelen-Dorf am Ufer der Morava zunächst der am 24.März 1999 begonnene Luftkrieg, mit dem die Nato Milosevic zum Abzug aus dem Kosovo zwingen wollte. Auf dem Weg zu ihren Einsatzzielen überflogen die Nato-Bomber das Dorf in weiter Höhe: Belgrad ist von Vavarin 180 Kilometer, der Kosovo rund 200 Kilometer entfernt. In der Umgebung habe es „weder Truppen noch militärische Ziele gegeben“, versichert Milenkovic. Mit Angriffen auf das Dorf rechnete er damals nicht. Trotzdem war der Familienvater bei Kriegsausbruch beunruhigt. Denn seine 15-jährige Tochter Sanja hatte er zum Besuch des renommierten Mathematik-Gymnasiums in Belgrad in einem Schülerinternat in der Hauptstadt untergebracht. Zwar erwartete er, dass die Luftangriffe auf Belgrad „nur wenige Tage“ dauern würden. Aber dennoch holte er seine Tochter sofort nach Hause zurück: „Hier schien die Lage sicherer als dort.“

Milenkovic sollte sich täuschen. Statt wenige Tage sollte die Bombardierung des Landes über sieben Wochen währen. Am 30. Mai 1999 rückte schließlich das verschlafene Vavarin völlig unerwartet ins Zentrum des Kriegsgeschehen: Gegen 13.00 flogen zwei Kampfflugzeuge der Nato die altersschwache Brücke des Dorfes an.

 

„Es war ein schöner Tag“

Vavarin feierte damals das Fest der Heiligen Dreifaltigkeit, gleichzeitig hatte der sonntägliche Wochenmarkt Hunderte von Menschen aus dem Umland in das Dorf gelockt. Mehr als 3000 Menschen bevölkerten zum Zeitpunkt der Attacke das ufernahe Zentrum der Landgemeinde. „Es war ein schöner Tag, die Sicht war klar“, sagt Milenkovic. Die Piloten hätten sehen müssen, dass sich auf und nahe der Brücke hunderte Menschen befanden: „Doch sie feuerten ihre Raketen wie im Computerspiel ab. An die Opfer verschwendeten sie keine Gedanken. Sie führten ihren Auftrag aus.“

Seine Tochter überquerte mit zwei Freundinnen die Brücke, als die ersten beiden Raketen in die Stahlkonstruktion krachten. Zwei Insassen eines in die Tiefe fallenden Autos starben sofort. Die schwer verletzte Sanja versuchte sich auf einem ins Wasser gestürzten Träger des zerstörten Mittelteils der Brücke nach oben zu ziehen. Da kehrten die Flugzeuge für einen zweiten Angriff zurück. Er habe helfen wollen, erklärt der damalige Landarbeiter Miroslav Darkic, der nach den ersten beiden Einschlägen aus der Stadt Richtung Fluss eilte. Wenige Meter vor der Brücke riss eine gewaltige Detonation den heute Schwerbehinderten von den Beinen: „Ich war von irgendwelchen Splittern getroffen worden. Mir schoss das Blut aus Schulter, Leib und Bein. Ich dachte, das war's, das ist das Ende.“

Zehn Tote und 30 Verletzte blieben nach dem Angriff in Vavarin zurück: Sanja starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Jeder habe jeden gesucht, berichtet die Gemeinde-Beamtin Verica Ciric von der „unglaublichen Panik“. Ihren 66-jährigen Vater, der nach dem ersten Angriff aus der Kirche zur Brücke geeilt war, fand die dunkelhaarige Frau schließlich zwischen den aufgebahrten, grausam verstümmelten Leichen in der Kapelle. Das ganze Dorf lebe immer noch „im Trauma des Krieges“, erzählt sie seufzend: „Für die Nato waren wir nur Nebenschäden. Wir sind kleine machtlose Leute, was können wir gegen einen Pakt machen, der tun und lassen kann, was er will?“

Ihr auf der Brücke getöteter Vater, Tola Apostilovic, habe gerade das selbst gebackene Festtagsbrot in die Kirche bringen wollen, erinnert sich die Krankenschwester Jasmina Zivkovic an den Tag, der das Leben ihrer Familie aus den Bahnen warf. Nach dem Verlust ihres Mannes habe ihre Mutter bis zu ihrem Tode fünf Jahre lang ohne Unterlass geweint: „Sie konnte ihres Lebens nicht mehr glücklich werden.“ Das Dorf sei nicht mehr so, wie es war: „Die Leute treffen sich weniger, feiern kaum mehr, das Leben ist einfach trauriger geworden.“ Über die Hälfte der Patienten in ihrer Ambulanz weisen starke „Stress- und Depressionssymptome“ auf, erzählt die 57-Jährige: „Die Leute sind seit dem Angriff häufiger krank. Der Krieg bleibt einfach im Kopf zurück.“

 

Ein „legitimer“ Angriff

Eine strategische Bedeutung habe die kleine Brücke nie gehabt, für Militärfahrzeuge sei sie ohnehin viel zu schwach gewesen, sagt der Bürgermeister. Doch nach über drei Monaten Dauerbombardement habe die Nato offenbar „die Geduld verloren“, so seine Vermutung: „Der Angriff sollte Zivilisten töten und Opfer verursachen – um den Druck auf Milosevic zur Unterzeichnung des Waffenstillstands zu erhöhen.“

Nato-Sprecher James Shea hatte 1999 den blutigen Luftangriff als „legitim“ gerechtfertigt: Wer die Piloten waren und aus welchem Land sie stammen, hält die Nato bis heute geheim. Mit Hilfe eines deutschen Anwalts suchten die Angehörigen der Opfer die deutsche Bundesregierung wegen ihrer Mitverantwortung für den ihrer Ansicht nach völkerrechtswidrigen Angriff zu klagen. In drei Instanzen wurde die Schadenersatzforderungen abgelehnt, inzwischen liegt der Fall dem Bundesverfassungsgericht vor. Es gehe den Opfern nicht um Geld, sondern um das Recht, so Milenkovic: „Wir wollen, dass der Westen den Fall unseres Dorfes nicht vergisst. Es gab hier keinerlei Grund, Zivilisten zu töten.“