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Cowboy mit Kamera

Das Alltägliche und die Ränder der Gesellschaft haben Nikolaus Walter immer mehr interessiert als das vordergründig Spektakuläre. Bregenz widmet dem österreichischen Fotografen zum bevorstehenden 70er zwei Ausstellungen.

Im Türrahmen steht Herr Walter, schlohweißes Haar, um die Schulter trägt er eine Tasche mit Büchern, Bildern, Unterlagen. Er ist von Feldkirch in Vorarlberg, wo er lebt, nach Wien gereist. Wir hatten vereinbart, über seine Arbeit, sein Leben zu reden. Herr Walter ist keiner, der von sich aus in ein plätscherndes Erzählen gerät, ganz im Gegenteil: Er ist zurückhaltend, höflich, scheu, oft geradezu wortkarg. Dabei hat er viel zu erzählen. Ich frage nach, er holt Bilder aus seiner Tasche. Wir schweifen ab, Vergangenheit und Gegenwart mischen sich. Und irgendwann gehen wir in ein nahegelegenes Gasthaus.

Nikolaus Walter ist Fotograf, seit 50 Jahren. Dieses Jahr wird er 70. Es ist merkwürdig: Er ist einer der großen österreichischen Fotografen, Anerkennung hat er jedoch nur halbherzig und erst spät gefunden – eher im Westen als im Osten des Landes. Dabei hat er viel in Wien fotografiert, während seiner Ausbildung an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in den 1960er-Jahren, und auch später immer wieder. Nun ist Nikolaus Walter im Vorarlberg Museum und in der Vorarlberger Landesbibliothek, die vor Kurzem sein gesamtes Fotoarchiv übernommen hat, eine große Retrospektive gewidmet.

Nikolaus Walter hat in jungen Jahren etwas gemacht, was nur wenige Fotografen seiner Generation taten: Er ging 1967, nach seiner fotografischen Ausbildung, ins Ausland, nach England zuerst, später in die USA und nach Kanada. „Wien war damals ziemlich grau“, erinnert er sich. 1968 fand Nikolaus Walter eine Anstellung als technischer Prüfer in der Reparatur- und Serviceabteilung des Fotohändlers Wallace Heaton in London. Im Jahr darauf arbeitete er im Auftrag der Firma Francis Frith & Co. als Ansichtskartenfotograf in Reigate, Surrey. Mit einem umgebauten PKW, auf dessen Dach eine Kameraausrüstung montiert war, fuhr er monatelang englische Orte und Städte ab. Seine Aufgabe war es, Auftragsbücher abzuarbeiten und Postkartenmotive zu liefern. Die Aufnahmen wurden retuschiert und oft koloriert, denn nicht nur Wien, sondern auch die englischen Städte waren damals grau, oder vielmehr, so Walter, geradezu schwarz, wegen der Kohleheizungen.

Die Brotjobs in England waren anstrengend, dennoch fand Nikolaus Walter immer wieder Zeit, eigene Bilder zu machen. Und diese Aufnahmen waren ganz anders als die „schönen“ Ansichtskartenmotive, die er beruflich einsammelte. In der in der Nähe von Manchester gelegenen Stadt Salford etwa dokumentierte er 1968 die kurz zuvor abgerissenen Slumsiedlungen. Dieses „Slum clearence“-Projekt hinterließ inmitten verarmter Arbeiterbezirke desolate Leerflächen, die von spielenden Kindern in Besitz genommen wurden, bevor Immobilienfirmen die Grundstücke „verwerteten“ und Neubauten errichteten. In Dublin fing er mit seiner Kamera 1969 ein kleines Mädchen namens Betty ein, das die Stufen zu einem Hoteleingang hinaufsteigt, um den Blick in eine andere Welt zu werfen. Es wird weggejagt und geht davon. Ebenfalls in Dublin entstand das Porträt eines lachenden Zeitungsjungen. Nikolaus Walter hat immer wieder Kinder und Jugendliche auf der Straße fotografiert. Sie suchen sich, inmitten der rauen städtischen Umgebung, Spielmöglichkeiten und Freiräume. Sehr oft sehen wir sie allein, ohne Eltern. An den Rändern der Stadt franst das bürgerliche Ideal der behüteten Familie aus. Und diese Randzonen des Urbanen faszinierten Nikolaus Walter in den 1960er- und 1970er-Jahren. „Ich hatte“, so stellt er rückblickend fest, „immer ein Faible für die schlechten Seiten der Städte.“


Autostopp mit den Langhaarigen

Nikolaus Walter war zwar nach England gekommen, um Arbeit zu suchen. Aber er fand auch Anschluss an die britische Fotoszene, 1969 erschienen seine Bilder im „British Journal of Photography“ und im traditionsreichen Wochenmagazin „Amateur Photographer“. Mit George Hughes, einem der Redakteure dieser Zeitschrift, fuhr er 1970 nach Paris, um Brassaï, einen Star der internationalen Fotografie, zu besuchen. In dessen Wohnung entstand ein Porträt des Fotografen. Wir sehen ihn in weißem Hemd und mit Krawatte an seinem Schreibtisch sitzen und in seinen Unterlagen blättern.

Als Nikolaus Walter nach Österreich zurückkehrte, hielt es ihn nicht lange dort. Wieder ließ er sich auf Zufälle ein – und brach erneut auf in die Welt, diesmal nach Amerika. „Es war eine schöne Zeit“, erinnert sich Walter heute. Er sei in New York East Harlem untergekommen, bei einem jungen Mann, den er im Flughafenbus kennengelernt hatte, und der ihn eingeladen hatte, bei ihm zu wohnen. Er ging auf Partys und erhielt ein paar kleinere Fotoaufträge, etwa für die Zeitschrift „Publishers Weekly“. Alles schien sich von selbst zu ergeben. Die USA, erinnert sich Nikolaus Walter, waren in diesen Jahren des Vietnamkriegs eine zutiefst gespaltene Gesellschaft. Patriotismus, Nationalismus auf der einen Seite, das Aufbegehren gegen Krieg und überkommene Normen auf der anderen Seite. Man konnte, so Walter, diese Spaltung auf den Punkt bringen: „Es gab die Langhaarigen und die Kurzhaarigen.“ Auf Erstere war beispielsweise Verlass, wenn es darum ging, per Anhalter mitgenommen zu werden. Und Walter reiste fast immer per Autostopp. Nach Washington, D. C., wo er einen beeindruckenden Marsch verzweifelter und verkrüppelter Vietnam-Veteranen zum Arlington National Cemetery begleitete. Später nach St. Louis, San Antonio, Indiana, Nebraska.

Walter erinnert sich, dass er gerade in einem Autobus in Toronto saß, als er angesprochen wurde. „Ein alter Mann, der in der Reihe vor mir saß, drehte sich um und fragte mich, indem er auf meine Kamera zeigte: ,Sind Sie Fotograf, ich meine Berufsfotograf? Ich habe selbst ein paar Fotoapparate zu Hause. Wären Sie vielleicht interessiert, einenzu kaufen?‘“ Walter begleitete den Mann nach Hause. „Ich hatte Zeit. Es schneite leicht, als wir in die Straßenbahn an der Ecke Yonge Street und Queen Street einstiegen.“ Aus der zufälligen Begegnung mit einem Mann namens Arthur Wigley entstand langsam eine gemeinsame Geschichte. Nikolaus Walter besuchte Wigley und dessen Frau Diana in den folgenden Monaten, er zeichnete ihre Lebensgeschichte auf und fotografierte. Damals, im Oktober 1972, konnte der Fotograf noch nicht ahnen, dass aus dieser Begegnung wenige Jahre später sein erstes, international anerkanntes Fotobuch „Toronto Cowboy“ werden sollte. Die Fotogeschichte aus Toronto erschien 1975 zunächst in der Schweizer Kulturzeitschrift „Du“. 1977 wurde daraus ein Buch im Kölner Verlag Glasherz/Palmenpresse. Die berührende Fotogeschichte, die Nikolaus Walter in „Toronto Cowboy“ erzählt, hat in all ihrer Unaufgeregtheit einen Nerv der Zeit getroffen. 1977 wurde „Toronto Cowboy“ mit dem renommierten Kodak-Fotobuchpreis ausgezeichnet.

Anfang der 1970er-Jahre, als NikolausWalter nach Österreich zurückkam, war in der österreichischen Fotoszene ein frischer Wind zu spüren. 1974 lernte er Otto Breicha kennen, eine Leitfigur in der österreichischen Kunst- und Kulturszene dieser Jahre. Breicha lud Walter ein, bei der 1974 stattfindenden Ausstellung „Kreative Fotografie aus Österreich“ teilzunehmen. Die Schau bildete einen Meilenstein der österreichischen Nachkriegsfotografie und offenbarte zugleich ein neues Selbstverständnis künstlerisch arbeitender Fotografen. Ausgestellt wurden Arbeiten von Herbert Bayer, Walter Bernhard, Friedl Bondy (später Kubelka), Branko Lenart, Manfred Willmann und Kurt W. Erben. Die Schau wurde in Graz, Wien und Bregenz, später auch im Ausland gezeigt. Nikolaus Walter galt nun als eine Art Geheimtipp in der österreichischen Fotoszene. Er war zwar auf allen großen Überblicksausstellungen der 1970er- und 1980er-Jahre, etwa „Reportage Fotografie“ (1978), „Photographie als Kunst – Kunst alsPhotographie“ (1979), „Geschichte der Photographie in Österreich“ (1983) vertreten, aber der berufliche Weg als freischaffender Fotograf war damit keineswegs geebnet. Erst in den 1980er-Jahren häuften sich die Fotoaufträge, von denen Walter leben konnte. Er fotografierte unter anderem für die Schubertiade in Hohenems und Schwarzenberg, für die Bregenzer Festspiele und zunehmend für Hilfsorganisationen, die im Ausland tätig waren. In ihrem Auftrag wurde er wieder zum Reisenden in die ganze Welt.

Im Jahr 1977, als der „Toronto Cowboy“ als Buch erschien, begann Nikolaus Walter ein Fotoprojekt, das ihn 25 Jahre lang beschäftigen sollte. Er begann eine Dokumentation in einem entlegenen Vorarlberger Seitental, im Großen Walsertal. Die Gegend habe ihn deshalb interessiert, weil sie ziemlich untouristisch war. Walter interessierte sich für das Alltägliche, nicht das Außergewöhnliche. „Mir ist es um die Leute gegangen“, erinnert sich Nikolaus Walter.


Schleichende Veränderungen

Tatsächlich kommt die Langzeitdokumentation über das Walsertal ohne spektakuläre Landschaftsaufnahmen aus, die es durchaus gegeben hätte. Walter faszinierte, wie vielschichtig und komplex der bäuerliche Arbeitsalltag war, was Bauern als Allroundhandwerker alles können (mussten). Und er zeichnete im Laufe der vielen Jahre, die er im Walsertal unterwegs war, die kleinen, schleichenden Veränderungen auf, die sich im Tal bemerkbar machten. Er hielt fest, wie Berufe, etwa jener des Hirten, allmählich verschwanden, wie die männliche Bevölkerung des Tales von Haupterwerbsbauern zu Pendlern (und zu Autofahrern) wurde, die ihr berufliches Fortkommen in den Industriebetrieben außerhalb des engen Tales suchte. Der Fotograf dokumentierte, wie die Jeans und später die Baseballmütze im Tal Einzug hielt, wie der kleine Lebensmittelhändler von der Supermarktfiliale ersetzt wurde und wie aus Fremden irgendwann Touristen wurden.

Als Nikolaus Walter 2002 sein Langzeitprojekt Großes Walsertal beendete, war die bäuerliche Welt fast verschwunden. Das Tal, in das die „neue Zeit“ zögerlich und langsam eingesickert war, hatte die Moden und Lebensstile der großen weiten Welt längst aufgesogen. Nikolaus Walter wollte in seinen Bildern keine heile Welt konservieren. Er hielt fest, was er sah. Dass der sogenannte Fortschritt auch vor dem hintersten Winkel des Tales nicht haltmacht, wusste er. Als er sein Fotoprojekt im Großen Walsertal beendete, habe er, meint er nachdenklich, noch keine Jugendlichen mit großflächigen Tattoos gesehen. Und wenn sie auftauchen, wäre er, so ist zu vermuten, wohl der Letzte, der sie verdammte. Tattoos sind, so wie Inschriften an den Häuserwänden, Zeichen der Zeit. Und diese hat Walter, ein wenig im Stil eines Ethnologen, jahrzehntelang aufmerksam dokumentiert. ■


Die von Petra Zudrell kuratierte Ausstellung „Nikolaus Walter: Begegnungen“ wird am 16. Jänner im Vorarlberg Museum Bregenz eröffnet. Zeitgleich zeigt die Vorarlberger Landesbibliothek Walters Fotografien aus dem Großen Walsertal. Der Katalog zur Ausstellung, herausgegeben von Petra Zudrell, erscheint im Kehrer Verlag, Heidelberg.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2015)