72 Kilometer Leiden

Bevor er sich auf die Reise durch sechs Staaten machte, studierte der Publizist Uwe Rada eingehend die historischen und kulturellen Zusammenhänge des Küstenraums. „Die Adria“ ist deshalb weniger Reportage als reichhaltige Kulturgeschichte.

Kaum dass die Fahrt im Volkswagen, Ford Taunus oder Opel Kadett begonnen hatte, fingen die Kinder zu quengeln an, ob hinter der nächsten Kurve nicht endlich das Meer liege. Für Millionen Österreicher und Deutsche war nach dem Zweiten Weltkrieg die Adria das erste Meer, das sie zu sehen bekamen, und für viele von ihnen, die es später als Urlauber ans Schwarze Meer, an die Costa Brava oder den Pazifik brachten, ist deren Küste mit ihren wie aufgefädelten Städtchen die sentimentale Urform des Maritimen geblieben.

Das trifft auch auf den 1963 geborenen, in Baden-Württemberg aufgewachsenen Publizisten Uwe Rada zu, der mit zwei Büchern über die Elbe und die Memel bekannt geworden ist, die man am besten vielleicht als politische Biografien dieser Flüsse charakterisieren könnte. 45 Jahre, nachdem er mit seinem jüngeren Bruder und den Eltern in einem mit Campinggerät voll gestopften Auto nach Caorle fuhr, hat er sich wieder auf den Weg zur Adria gemacht; und um diese herum, ab Grado über Rimini, Ravenna, Bari hinunter bis nach Otranto, von wo die albanische Küste nur mehr 72 Kilometer entfernt ist, aber gleichwohl in Zeiten der europäischen Integration die alten Fährverbindungen dorthin eingestellt wurden.

Auf der gegenüberliegenden Küste ist Rada vom albanischen Vlora und den montenegrinischen Buchten über den winzigen herzegowinischen Flecken an der Adria und ganz Kroatien bis herauf nach Istrien gefahren. Obwohl er auch eine Begabung dafür hat, sinnliche Eindrücke prägnant zu fassen, hat er sich klugerweise, ehe er auf die Reise durch sechs Staaten ging, in Bibliotheken über die historischen und kulturellen Zusammenhänge des Küstenraumes kundig gemacht. Seine „Wiederentdeckung eines Sehnsuchtsortes“, wie das Buch im Untertitel heißt, ist weniger eine große Reportage als eine mit erzählenden Passagen und subjektiven Erlebnissen angereicherte Kulturgeschichte.

Rada geht es dabei nicht enzyklopädisch an wie der französische Historiker Fernand Braudel in seiner legendären Studie über „Das Mittelmeer“; aber er leistet sich auch keine kolportagehaften Schmissigkeiten wie der US-amerikanische Reiseautor Paul Theroux (geboren 1941), an dessen Weltbestseller „An den Gestaden des Mittelmeers“ man schaudernd ermessen kann, was herauskommt, wenn sich ein literarischer Kraftlackel über eine ihm fremde Welt hermacht: Da gelten die Serben für Protestanten, die ewig mit den katholischen Kroaten streiten müssen, Split mit seinem Palast des Kaisers Diokletian wird zur auffallend hässlichen sozialistischen Stadt erklärt, und dauernd muss sich der Mann von Welt darüber ärgern, dass an der Adria alle paar Hundert Kilometer ein anderer unverständlicher wie misstönender Dialekt gesprochen werde.

Wohl informiert über historische Verwerfungen und aktuelle Konflikte, entdeckt Rada an der Adria hingegen etwas ganz anderes: dass sich entlang ihrer Küsten nämlich viele, auch viele unerwartete Gemeinsamkeiten ausgeprägt haben. Der Adriaraumzerfällt für ihn nicht in einen westlichen und östlichen Teil, sondern in eine Region des Nordens und eine des Südens. In Apulien etwa fällt ihm auf, dass das Land in Architektur und Lebensgefühl stärker an die italienisch und orientalisch geprägten Küstenstädte Albaniens gemahnt als an den Norden Italiens. Jahrhunderte lang hat es diesen Austausch über das Meer hinweg ja tatsächlich gegeben. In Bari erinnert noch heute am zentralen Corso Vittorio Emanuele eine Gedenktafel an Luigj Gurakuqi, der an dieser Stelle im März 1925 ermordet wurde, ein Dichter, der seine Verse abwechselnd auf Albanisch und Italienisch schrieb, und albanischer Patriot, dessen Ermordung im faschistischen Italien nicht verfolgt wurde.

Man darf die alten Verbindungen freilich nicht verklären, bedeuteten sie doch nicht nur friedlichen Austausch. Auf grausamen Raubzügen versuchten die Sarazenen Süditalien und Albanien ihrem muslimischen Weltreich einzugliedern, mit faschistischer Effizienz wurde Albanien von den italienischen Truppen ausgeplündert und unterdrückt. Das hinderte 50 Jahre später zahllose Albaner nicht, übers Meer aufzubrechen, als gelte es in Italien das gelobte Land zu erreichen. Als der bizarre albanische Nationalkommunismus zusammenbrach, stürmten in Durrës zehntausend, ja 10.000, ausgemergelte Menschen den Frachter Vlora, der irgendwie über das Meer nach Bari schaukelte. Der christenfromme Mafia-Ministerpräsident Giulio Andreotti verfügte höchstpersönlich, dass das Schiff in Italien nicht anlegen dürfe und die Flüchtlinge in den sicheren Tod zurückgeschickt werden müssten. Der Kapitän ankerte trotzdem, und die aus dem Schiff gekippte menschliche Fracht wurde von italienischem Militär zusammengeklaubt und in das nahe Fußballstadion von Bari transportiert. Weil unter den zu Häftlingen gewordenen Flüchtlingen Hungerkämpfe ausgebrochen waren, mussten die Nahrungspakete aus Helikoptern über dem Stadion abgeworfen werden. Hunderte Albaner sind in den nächsten Jahren auf dem Seeweg nach Italien ertrunken, die Meeresstraße von Otranto wird seither in Albanien „Kanal der Tränen“ genannt.

Uwe Rada spannt den Bogen von der Antike zur Gegenwart. Wir erfahren, dass das Meer seinen Namen einer heute unbedeutenden Ansiedelung verdankt, die einst ein wichtiger Hafen der Römer war, inzwischen aber, weil der Po der Mündung entgegen immer mehr Sedimente ablagert, 25 Kilometer im Landesinneren liegt. Wir staunen über die kühnen Pläne des Staufers Friedrich II., dem ein adriatisches Reich der Christen, Juden, Muslime vorschwebte. Wir werden an die vergeblichen Unternehmungen erinnert, aus der Adria im 19. Jahrhundert ein österreichisches Meer zu machen.

Und Rada legt minuziös dar, wie die Faschisten stupide und wider das historische Gedächtnis der Regionen daran gingen, die Küstenländer von Triest über Dalmatien bis Albanien zu nationalisieren. Bitter wird er auch, wenn er von den Verhängnissen der neuesten Zeit berichtet: Etwa dass die saudiarabischen Söldner, die noch heute Bosnien-Herzegowina einiges Ungemach bereiten, einst mitsamt ihren Waffen über den Adriahafen Ploce ins Land und in den jugoslawischen Zerfallskrieg geschleust wurden; oder dass britische Immobilienkonsortien gerade dabei sind, die montenegrinische Küste zu zerstören, indem sie im Landschaftsschutzgebiet militärisch überwachte Betonburgen für russische Milliardäre hochziehen.

Als Gegenbild zu all den desaströsen Entwicklungen an und um die Adria rühmt Uwe Rada Istrien, die kleine, an Verschiedenartigem so reiche Halbinsel, in die er sich innig verliebt hat, weil auf ihr heute praktiziert wird, was die längste Zeit kein schönes Ideal, sondern alltägliche Realität von Millionen Menschen war: der „adriatische Kosmopolitismus“. ■

Uwe Rada

Die Adria

Die Wiederentdeckung eines Sehnsuchtsortes. 336 S., geb., € 15,50
(Pantheon Verlag, München)