Schnellauswahl

Pariser Terrorist lernte bei der gefährlichsten Filiale al-Qaidas

FRANCE MONTROUGE ATTACK
(c) APA/EPA/FRENCH POLICE / HANDOUT (FRENCH POLICE / HANDOUT)
  • Drucken

Zunächst schien es, als handle es sich um Taten, die nichts miteinander zu tun haben.

Paris/Kairo. Zunächst schien es, als handle es sich um Taten, die nichts miteinander zu tun haben. Doch am Freitag wurde klar, dass ein Zusammenhang besteht zwischen den Todesschüssen auf eine Polizistin am Donnerstag und dem Anschlag auf das französische Satire-Magazin „Charlie Hebdo“: Die Täter kamen aus derselben französischen Extremistengruppe – dem sogenannten Buttes-Chaumont-Netzwerk, über das Jihadisten unter anderem nach Syrien und in den Irak geschleust worden waren. Wegen des Angriffs auf die Polizistin wurden der 32-jährige Amedy Coulibaly und die 26-jährige Hayat Boumeddiene zur Fahndung ausgeschrieben. Am Freitagnachmittag wurde Coulibaly dann von der Polizei erschossen. Zuvor hatte er einen jüdischen Supermarkt in Paris gestürmt und Geiseln genommen.

Coulibaly und die Brüder Chérif und Saïd Kouachi haben sich in denselben Kreisen im Pariser Quartier Buttes-Chaumont radikalisiert. Dort wiegelte der selbst ernannte Prediger Farid Benyettou die Jugendlichen auf. Mindestens 50 Personen aus dem Buttes-Chaumont-Netzwerk sollen als Jihadisten rekrutiert und in den Krieg geschickt worden sein.

Saïd Kouachi lernte das Töten im Jemen. 2011 hielt sich der „Charlie Hebdo“-Attentäter offenbar für mehrere Monate bei al-Qaida auf der Südspitze der Arabischen Halbinsel auf. Deren Kämpfer gelten heute als die gefährlichste Filiale des von Osama bin Laden gegründeten Terrornetzwerks. Durch sie ist das bitterarme, zerklüftete Land nun schon über ein Jahrzehnt lang Schauplatz schwerer Anschläge und spektakulärer internationaler Terrorpläne.

"Gesucht für Verbrechen gegen Islam"

Hier lebte auch der in den USA geborene Scheich Anwar al-Awlaki, der bis zu seinem Tod bei einem US-Drohneneinsatz mehrfach zum Mord an Mohammed-Karikaturisten aufrief. Die Extremisten im Jemen standen auch hinter dem Online-Magazine „Inspire“. „Gesucht, tot oder lebendig, für Verbrechen gegen den Islam“, hieß es Anfang 2013 in dem Mordaufruf gegen Stéphane Charbonnier, den am Mittwoch erschossenen Chefredakteur von „Charlie Hebdo“.

Blutiger Auftakt für al-Qaida im Jemen war im Oktober 2000 eine Motorbootattacke auf den amerikanischen Zerstörer USS Cole im Hafen von Aden. 200 Kilogramm Sprengstoff rissen ein zehn mal zehn Meter großes Loch in den Schiffsrumpf. 17 Seeleute starben. Im Februar 2006 gelang es 23 Terroristen, sich aus dem Hochsicherheitsgefängnis von Sanaa zu befreien. Unter Führung des charismatischen Nasir al-Wuhayshi, der ebenfalls zu den Geflohenen gehörte, begann sich al-Qaida neu zu organisieren. Stellvertreter wurde der Saudi Said al-Shihri, der sechs Jahre in Guantánamo gesessen hatte und 2013 von einer Drohne getötet wurde. Ihr neues Bündnis für Jemen und Saudiarabien nannten sie al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP).

Drohnenangriffe der USA

2009 versuchte ein Attentäter, den heutigen saudischen Innenminister, Prinz Mohammed bin Nayef, zu ermorden. Vier Monate später folgte ein Attentatsversuch auf einen US-Airbus, der sich im Anflug auf Detroit befand. Im Oktober 2010 verschickten Bombenbastler aus dem Jemen zwei mit Dynamit präparierte Druckerpatronen per Luftfracht an jüdische Gemeinden in den USA. Die Sprengsätze sollten offenbar die Flugzeuge über dem Atlantik zum Absturz bringen, doch der Terrorplan wurde rechtzeitig entdeckt. Ein Jahr später eroberten die Extremisten erstmals mehrere Landstriche entlang der Küste zum Golf von Aden, aus denen sie Jemens Armee erst unter hohen Verlusten wieder vertreiben konnte. Zurück blieben zerstörte Städte und Dörfer, verwüstete und verminte Felder sowie zehntausende Obdachlose.

Die Zahl der US-Drohnenangriffe im Jemen liegt nach Angaben des „Long War Journal“ mittlerweile seit drei Jahren gleichauf mit den Einsätzen in Pakistan. Dennoch steigt die Zahl der Terrorattentate weiter, allein im ersten Halbjahr vergangenen Jahres verloren Jemens Armee und Polizei 374 Männer. Im Dezember versuchte ein Kommando der US Navy Seals erfolglos, einen amerikanischen Fotografen und seinen südafrikanischen Schicksalsgenossen aus den Fängen von al-Qaida im Jemen zu befreien. Beide wurden von ihren Geiselnehmern erschossen, bevor diese im Schutz der Nacht in die Berge entkamen. (ag, mg, red.)

>> Was tun gegen Radikalisierung? Diskutieren Sie mit im Themenforum

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2015)