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Lehm, Bambus, Stroh

Das gemeinsam mit Christoph Schlingensief geplante Operndorf Afrika machte ihn bekannt. Sein beim Studium in Europa erworbenes Wissen setzt Diébédo Francis Kéré in seiner Heimat, Burkina Faso, ein, um der Bevölkerung ein selbstständiges Weiterarbeiten mit lokalen Materialien zu ermöglichen.

Ein „Household Name“, das muss man sagen, ist Erich Schelling außerhalb Baden-Württembergs nicht gerade. Während des Zweiten Weltkriegs mit Planungen für das ins Reich heimgeholte Elsass befasst, wurde der entnazifizierte Architekt in den 1950er-Jahren zu einem der Protagonisten der Nachkriegsmoderne im deutschen Südwesten. Eine heute denkmalgeschützte Ikone ist seine 1953 realisierte Schwarzwaldhalle in Karlsruhe, mit ihrem parabolischen Spannbeton-Hängedach, die erste ihrer Art in Europa. Nicht weit von ihr baute Schelling für die Bundesgartenschau von 1967 die Nancyhalle, einen leichten Stahlbau aus quadratischen Modulen mit Schrägdächern und baumbestandenen Innenhöfen.

Dafür, dass Schelling nach seinem Tod nicht in Vergessenheit geriet, sorgte neben diesen Bauten vor allem auch seine Frau, die 2009 verstorbene Innenarchitektin Trude Schelling-Karrer. Die unter ihrer Federführung in den 1950er-Jahren im kapriziösen Farbakkord Schwarz-Weiß-Gold mit viel Kunst mondän ausgestattete Karlsruher Wohnung des Ehepaars ist heute Sitz der Schelling Architekturstiftung, die seit 1992den von Trude Schelling-Karrer gemeinsam mit dem Gründungsdirektor des Karlsruher ZKM, Heinrich Klotz, begründeten Schelling-Architekturpreis vergibt. Alle zwei Jahre wird die Wohnung so vom Arbeitsplatz der Stiftungsmitarbeiter zum Schauplatz eines Empfangs für Nominierte und Preisträger der Kategorien Theorie – Preisträger Juhani Pallasmaa – und Praxis.

Ehrte der mit 30.000 Euro dotierte Preis früher arrivierte Büros, so soll er nun innovative Konzepte jüngerer Planer fördern, die von der Jury in einer für das jeweilige Jahr festgesetzten Kategorie nominiert werden. Eine leicht Bachmann-Preis-mäßige Dynamik verleiht der Sache die endgültige Entscheidung der Jury unmittelbar nach öffentlichen Vorträgen der drei Nominierten.

Den diesmal für nachhaltige Architekturkonzepte ausgelobten Preis erhielt der aus Burkina Faso stammende Diébédo Francis Kéré. In Berlin ausgebildet, wurde Kéré vor allem mit dem Operndorf bekannt, das er mit Christoph Schlingensief in Burkina Faso plante. Das beim Studium in Europa erworbene Wissen setzt Kéré vor Ort ein, um der Bevölkerung ein selbstständiges Weiterarbeiten mit lokalen Materialien, vor allem vor Ort hergestellten Lehmziegeln, zu ermöglichen. Überzeugungsarbeit ist nötig, wo Stroh und Lehm für Armut stehen und Beton und Blechdächer für Komfort, auch wenn sie klimatisch unsinnig sind.

Kérés Schul- und Krankenhausbauten aus Lehm haben schattenspendende Dächer mit Abstand zu den Wänden, so dass warme Luft entweichen und indirektes Licht in die Räume fallen kann. Bei der derzeit im Bau befindlichen Schulbibliothek von Kérés Heimatort Gando spenden in das Dach integrierte Tontöpfe Licht und Feuchtigkeit für die Begrünung. Das Leben der Menschen in seinem Heimatdorf zu verbessern – und dabei die eigene Angst, zu enttäuschen, zu überwinden – nennt Kéré als seinen Ansatz. Lehm ist billig, nachhaltig und kann von bezahlten Arbeitern vermauert und von den Mitgliedern der Frauenkooperative bearbeitet werden. Die Bevölkerung erhält so die Möglichkeit, selbst weiterzubauen. Langfristig dient die Arbeit, indem sie Infrastruktur und Wissen produziert, der Schaffung eines kollektiven Gedächtnisses. Technik wie Ästhetik sollen replizierbar sein, die Bauten als Typen fungieren, die Pläne sind konsequenterweise als Open Source downloadbar. Kérés Ansätze tragen bereits Früchte auch in anderen Ländern – Mali, Niger, Togo besinnen sich auf ihre Lehmarchitektur und fördern das nötige Wissen und Können.

Lässt sich davon etwas auf Mitteleuropa, wo Arbeit der größte Kostenfaktor ist, übertragen? Auf die Frage, was Europa vom Bauenin Afrika lernen kann, nennt Kéré die Verbesserung des Gemeinschaftssinnes, inklusive öffentlicher Diskussionen und dem Aneignen von Freiräumen. Für eine seit Jahrzehnten leer stehende Kaserne in Mannheim, die in Parzellen aufgeteilt und verkauft werden sollte, projektiert Kéré ein System öffentlicher Freiräume, die den ganzen Komplex für die Allgemeinheit aufmachen. Mit dem Bewusstsein der Begrenztheit von Ressourcen und der Notwendigkeit, Dinge zu ändern, ist das Potenzial verbunden, mit Hilfe alternativer Materialien den High-Tech-Faktor von Gebäuden zu reduzieren und diese, so Kéré, „intelligenter“ zu machen.

Einen sehr ähnlichen Ansatz verfolgt die zweite für den aktuellen Schelling-Preis Nominierte, Anna Heringer. In Linz ausgebildet, engagiert sich die Architektin seit fast 20 Jahren in Bangladesch. Wie Kéré wurde sie für ihre aus Lehm, Stroh und Bambus gemeinsam mit der Ortsbevölkerung realisierten Schulbauten vor einigen Jahren mit dem Aga Khan Award ausgezeichnet. Angesichts des hier üblichen, aber nur für eine Minderheit der Menschheit leistbaren Konzepts von Nachhaltigkeit propagiert sie eine Low-Tech-Nachhaltigkeit, mit arbeitsintensivem Bauen dort, wo es sinnvoll ist, Arbeit zu schaffen. Dabei muss auch auf ehrenamtliche Gemeinschaftsarbeit gesetzt werden, etwa bei dem Lehmbau, der derzeit in Vorarlberg realisiert wird.

Offenheit für neues Denken nennt Heringer als wichtigen Ansatz und als Ziel, die Kontrolle im Laufe des Projektes abzugeben, so dass lokale Handwerker die Gebäude reparieren und auch verbessern können. Architektur, mit der sinnlichen Ästhetik nachhaltiger Materialien als Katalysator, sieht sie als Mittel, Entwicklungen in Gang zu setzen. Konsequenterweise hat sie mit Näherinnen aus Bangladesch jüngst ein anspruchsvolles Mode-Projekt auf der Basis fairer Arbeitsbedingungen und adäquater Bezahlung initiiert. Ihr ethischer Zugang fußt dabei auf dem kategorischen Imperativ in moralischer wie architektonischer Hinsicht: Jede Entscheidung, so Heringer, muss mit sieben Milliarden multiplizierbar sein. Dabei ist ihr, ähnlich wie man es in der frühen Moderne für die Funktion behauptete, Nachhaltigkeit gleich Schönheit.

Auch wenn man das nicht so radikal in eins setzen möchte, so hätten doch alle drei Nominierten den Preis verdient, auch die in Rio de Janeiro tätige Carla Juaçaba, deren Bauten in Formensprache und Material subtil auf ihre Umgebung eingehen und Pragmatik mit hoher sinnlicher Qualität vereinen. So sah das wohl auch der Preisträger – in seiner Dankesrede gab Diébédo Francis Kéré bekannt, das Preisgeld mit Anna Heringer und Carla Juaçaba zu teilen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.01.2015)