Ödnis des Plattenbaus im Schauspielhaus

(c) Clemens Fabry

"Noch ein Lied vom Tod" von Juliane Stadelmann in der Regie von Daniela Kranz trifft daneben.

Eine flache, große, schwarze Kiste mit zwei Schlitzen drin, aus denen Schauspieler wie Marionetten auftauchen – so sieht das Zentrum des Bühnenbilds im Stück „Noch ein Lied vom Tod“ aus, das am Freitag im Wiener Schauspielhaus uraufgeführt wurde. Diese Blackbox stellt Plattenbauten in der Ex-DDR dar, in denen bis heute Menschen eher schlecht als recht wohnen. Auf einer Leinwand hinten treiben im Video Wolken vorbei, es heult der Wind, dann und wann hört man Melodien aus dem Spaghetti-Western „Spiel mir das Lied vom Tod“. Ein Steppenläufer, weht hinten herum, der lose Strauch raunt öfters lyrische Zwischenspiele. Das wilde Ossiland wird Pseudo-Amerika.

Diese Ebene bleibt wie so vieles ein Geheimnis. In eineinhalb Stunden werden Tiefsinn und Absurdität signalisiert, doch der Abend enttäuscht. Die junge Dramatikerin Juliane Stadelmann mag für ihr sprachlich recht gekonntes Stück das Hans-Gratzer-Stipendium erhalten haben, Daniela Kranz ist an sich eine einfallsreiche Regisseurin. Diesmal aber klappt es nicht, weder mit Tragik noch mit Coolness, die sieben Darsteller mögen sich noch so sehr um Originalität bemühen.

Der Stoff hat einen realen Hintergrund. 1999 ist es in der Grenzstadt Frankfurt/Oder zu fahrlässigen Kindstötungen gekommen. Eine Mutter versackte 14 Tage bei einem Freund, während bei ihr zu Hause die Söhne (zwei und drei Jahre alt) verdursteten. In „Noch ein Lied vom Tod“ ermittelt ein dubioser Kommissar Udo (Florian von Manteuffel) im Plattenbau-Milieu noch einmal auf eigene Faust. Wie ein Sheriff den Saloon betritt er eine Kneipe und findet dort gleichgültige Kälte, hohle Gespräche. Steffen Höld spielt einen versifften Wirt, Johanna Tomek eine trunksüchtige Bestatterin. Und dann gibt es auch noch einen seltsamen Spaßmacher mit Melone: Tom (Simon Zagermann) ist nur von der Statur ein Kind. Dieser Verlorene, die interessanteste Figur der Aufführung, sucht die Nähe anderer Kinder, tauscht mit ihnen Stickerbilder auf dem Spielplatz. Martin Vischer und Gideon Maoz stellen die verwahrlosten kleinen Buben dar. Das wirkt komisch. Sie fürchten sich vor dem Kommissar. Seltsam unreif scheint auch eine von Barbara Horvath gespielte junge Frau zu sein, die sich lächelnd an Udo heranmacht.

 

Mannshoher Kaktus als Phallusersatz

Und was geschieht? Gar nicht viel. Krause Geschichten werden erzählt, man trinkt, die Jungs prahlen mit Fäkalsprache, schleichen zum Ort, an dem die Kinder starben, schlagen einander mit bunten Schaumstoffstöcken und sind bald selbst eingesperrt. Warten auf Einfälle. Spannung kommt kaum noch auf, auch nicht Betroffenheit, wie sie das Thema eigentlich zwingend verlangt. Die Aufführung trifft nicht, sie macht nicht betroffen. Stattdessen werden all die Verweise auf den Western langsam läppisch. Ein Tiefpunkt: Udo greift sich einen mannshohen Kaktus und rennt mit ihm wie mit einem überdimensionierten Phallus panisch über die Bühne. Am Schluss, als nach noch mehr Leichen die Bestatterin lakonisch ihre Arbeit verrichtet, spielt der Kommissar Luft-Mundharmonika, als ob er sich in einen Film von Sergio Leone verirrt hat. Die Öde aber ist hier viel bescheidener, als man sie sich wünschte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2015)