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Zeit der Krisen und der Muskelspiele

Ein paar aufmunternde Worte an die Kollegen aus Wissenschaft und Forschung für das schwierige neue Jahr.

Aus einem Jahresrück- und Ausblick für Mitarbeiter, Kollegen und Studierende eines kleinen Forschungsinstituts, das sich als Gravitationszentrum für freie Forscher in einer heute nur bedingt wissenschaftsfördernden gesellschaftlichen Umwelt versteht:

Man gestatte mir einige persönlich gefärbte Bemerkungen: In Österreich und der übrigen Welt sieht es 100 Jahre nach 1914 und in einem Klima neuer militärischer und wirtschaftspolitischer Muskelspiele und Krisen wenig erfreulich aus: Wiederkehr bzw. Permanenz von wirtschaftlichen Miseren (mit steigender Arbeitslosigkeit). Beginnender Kalter Krieg mit Russland um die Ukraine, vorbereitet durch Osterweiterungstendenzen der Nato und der EU, ausgelöst durch den populistisch-expansionistischen „völkischen“ Autokraten Wladimir Putin, angeheizt durch ukrainischen Nationalismus und von kopflosen Sanktionen der EU, verschärft noch von den USA.

Die lebendige Erinnerung an ein gutes Dutzend Freunde in den USA hilft mir, ein Abrutschen in billigen Antiamerikanismus zu vermeiden. Doch wir müssen jetzt erleben, wie das Ansehen dieses interessanten und in vielem sympathischen Landes und seines charismatischen Präsidenten durch grenzenlose Spionage, menschenrechtswidrige Folter, Erscheinungen andauernder Rassendiskriminierung und auch das „befreundete“ Europa nicht aussparende Hegemonialpolitik dauerhaft beschädigt wird; abgesehen von den völkerrechtswidrigen Kriegen der Bush-Ära und den heutigen Drohnenflügen.

 

Ein neuer Terrorismus

Als hätte es nicht genügt, dass ein ganz neuer und unerhört grausamer islamistischer Terrorismus (IS) auftritt und dass sich im Nahen und Mittleren Osten und in Nordafrika die dortigen (Bürger)Kriege zu kaum mehr lösbaren Flüchtlingskatastrophen ausgeweitet haben, die unsere volle Hilfsbereitschaft (und die der EU) verlangen würden. Im Inland kommen auch noch die Fremdenfeindlichkeit der einheimischen Nationalpopulisten anfachende Kräfte dazu.

 

Viele saure Suppen

Daneben gibt es als lokalen Dauerbrenner das erst jetzt voll erkennbare (intern jedoch schon bekannt gewesene) Milliardendebakel der Hypo Alpe Adria, das uns der blaue Führer vererbt und das drei Vorgänger des jetzigen Finanzministers vollends vermasselt haben. Diese und andere saure Suppen (im Pensionssystem, in den Unis etc.) werden kommende Generationen auszulöffeln haben.

Dazu sind eine gewisse Arroganz mancher Bankdirektoren und die sich öffnende Schere zwischen den Super- und den Schuldenreichen zu beobachten, und uns allen sitzt im Nacken, was man mit Thomas Piketty den internationalen Finanz- und Vermögenskapitalismus nennen kann. Gäbe es all das nicht, könnten wir ungetrübt froh sein, in EU-Österreich zu leben, eine zwar Neues scheuende, aber mit Knirschen funktionierende Regierung von zwei Mittelparteien, eine grüne Reserve, gutes Wasser, die Noch-Existenz eines Sozial- und Rechtsstaates und funktionierende Bürokratien zu haben.

Hoffen wir, dass das neue Jahr gesellschaftlich-politisch nichts Ärgeres als die atypischen Temperaturen der Großwetterlagen und der Erderwärmung beschert und uns weiterhin fruchtbare Forschungs- und Publikationsarbeit ermöglicht! Ich will nicht die 1945er materiell und finanziell ernste Weihnachtsrede Leopold Figls paraphrasieren, aber doch ermuntern: Glaubt an unsere wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Aufgaben und die eigene Leistungsfähigkeit und Kreativität!

Gerhard Botz (73) ist emeritierter Professor für Zeitgeschichte der Universität Wien und Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Historische Sozialwissenschaft.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2015)