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Die Flucht der „Terrorwitwe“ nach Syrien

FILE TURKEY SYRIA CONFLICT IS KOBANE
(c) APA/EPA/SEDAT SUNA (SEDAT SUNA)
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Nach den Pariser Anschlägen. Hayat Boumedienne, die Witwe eines der islamistischen Attentäter, konnte von Frankreich über Spanien und die Türkei ins IS-Kalifat in Syrien gelangen. Ankara dürfte dabei einfach zugesehen haben.

Trotz einer halben Million Einwohner war Şanliurfa eigentlich eine beschauliche, ruhige Stadt mit antiker Medina, Zitadelle und Jahrhunderte alten Moscheen. Der Prophet Abraham soll hier nach islamischer Tradition geboren sein. Ein Teich, in dem „heilige“ Fische schwimmen, trägt seinen Namen und ist eine Hauptattraktion für Touristen.

Mit der Beschaulichkeit ist es in Urfa, wie der Volksmund die Grenzstadt in der Osttürkei nennt, längst vorbei. Mit Beginn des syrischen Bürgerkriegs im März 2011 begann eine Fluchtwelle, die bisher 350.000 Menschen in die Stadt brachte. Das ist ein Drittel aller syrischen Flüchtlinge, die sich in die Türkei absetzten. Doch Urfa ist nicht nur ein Synonym für Flüchtlingslager: Die Stadt ist beliebte Durchgangsstation für Jihadisten aus aller Welt. Hier treffen sich Islamisten aus Saudiarabien, Algerien, Libyen, Frankreich oder Deutschland, bevor sie in den „Heiligen Krieg“ in Syrien ziehen. Die Grenze ist 53 Kilometer entfernt.

Am 4. Jänner landet auch Hayat Boumedienne aus Istanbul kommend in Urfa. Die 26-jährige Witwe des getöteten Pariser Terroristen Amedy Coulibaly bleibt vier Tage in der Stadt. Am 8. Jänner wird ihr Handy zum letzten Mal in der Nähe von Akçakale geortet, dem türkischen Grenzübergang nach Syrien. Dann ist das Signal tot und Boumedienne weg. Sie scheint auf die andere Seite des Grenzstreifens nach Tel Abiad gekommen zu sein, auf einem der vielen Schmugglerpfade, die durch Stacheldrahtzaun und Minenfelder mitten ins Herz des Territoriums der Terrormiliz des Islamischen Staats (IS) führen.

 

Kobane hat standgehalten

Von Tel Abiad sind es nur 100 Kilometer nach Rakka, Hauptstadt des IS-Kalifats. Seit einem Jahr regieren die Extremisten das Grenzgebiet – mit Ausnahme der syrischen Stadt Kobane, die sie im September erobern wollten, aber am harten Widerstand syrischer Kurdenmilizen (YPG und PKK) und an Bombenangriffen der internationalen Koalition scheiterten. Weit über 1000 IS-Kämpfer sollen allein in Kobane gefallen sein.

Boumedienne, die Gefährtin des Pariser Terroristen, ist einer altbewährten Route gefolgt. Auf ihr kamen seit 2011 tausende Jihadisten nach Syrien. „Vor einem Jahr sind noch alle frei in der Stadt herumgelaufen“, sagt Mehmed Killic, Journalist aus Urfa, der die Bewegungen der sunnitischen Kämpfer von Beginn an beobachtet. Gerade al-Qaida-Leute hätten in der Öffentlichkeit keinerlei Rücksicht auf ihr Erscheinen genommen. „Erst mit dem Presserummel um ausländische Jihadisten wurde man zurückhaltender.“ Heute würden die zukünftigen Kämpfer nur mehr selten ihre Unterkünfte verlassen. Sie sind in „safe houses“ untergebracht. „Die werden von Posten bewacht, damit niemand zu nahe kommt“, sagt der 45-Jährige. „Es gibt zurzeit acht dieser Häuser, mit je bis zu 120 Insassen.“

Im Gegensatz zu al-Qaida habe die Terrorgruppe IS noch besondere Sicherheitsvorkehrungen und würde unter größter Geheimhaltung operieren. Das sei von Anfang an so gewesen, versichert Killic. Es könne einige Wochen dauern, bis die Kämpfer losgeschickt würden: Die Neuen müssten dahingehend überprüft werden, ob sie nicht Spione seien. Zudem erhielten sie religiöses Training und Waffenunterricht. „Es sind immer etwa 50 Leute, die über die Grenze gebracht werden“, so Killic. „Sollten sie in Syrien verwundet werden, kann es sein, dass sie wieder in Urfa landen.“ Im staatlichen Krankenhaus würden stets zwischen zehn und 15 ihrer Verwundeten behandelt. Bei drei der „safe houses“ konnte Killic als Besitzer islamische Stiftungen ausmachen. Beim Rest seien die Eigentümer unbekannt.

 

Jeder weiß von den Kämpfern

Eine besonders große Einrichtung soll es außerhalb von Urfa nahe des Dorfs Germusch geben. „Wir wissen, dass dorthin 2000 Stück Brot geliefert werden“, erzählt Killic. Genaue Informationen habe er aber noch nicht. „Es ist sehr schwierig, dorthin unbemerkt zu gelangen.“ Es gebe Straßensperren und Kontrollen, die von Männern in Zivil durchgeführt würden. Killic meint, die Behörden würden die Jihadisten decken: „Ohne Hilfe der Türkei könnte der Zustrom von Islamisten nach Syrien nicht in dieser Größenordnung funktionieren.“ Es gebe auch Lkw-Transporte über die Grenze Richtung IS-Land. Darunter sei eine Hilfslieferung der Internationalen Humanitären Hilfe (IHH) gewesen. Die Organisation kam in die Schlagzeilen, als sie 2010 mit dem Boot Mavi Marmara die israelische Blockade des Gazastreifens brechen wollte, dieses aber von Israelis gekapert wurde. In Deutschland ist die IHH verboten. „Einer meiner Verwandten saß am Steuer des IHH-Lastwagens“, erklärt Killic. „Deshalb weiß ich das.“

 

Behörden als Kollaborateure?

Es ist nicht das erste Mal, dass die Türkei verdächtigt wird, Extremisten zu helfen. Auch im Fall der Pariser „Terrorwitwe“ Boumedienne kann man sich nur wundern: Sie wurde vom türkischen Geheimdienst beobachtet und abgehört. Trotzdem ließ man sie nach Syrien. Sie musste in Urfa zuvor vier Tage warten. Leicht hätten die Behörden zugreifen können. Zudem ist das Procedere des Menschenschmuggels bekannt. In diesem prominenten Fall dürften es nicht x-beliebige Schleuser gewesen sein, sondern Männer, die direkt in Kontakt mit der IS-Miliz stehen.

Die meisten Syrer gehen am Tag über den Grenzstreifen, der mancherorts einen Kilometer, anderswo 50 Meter breit sein kann. Der Stacheldraht ist heruntergetreten oder es klaffen Löcher im Zaun. Am Tag besteht die Gefahr, vom türkischen Militär erwischt zu werden. Syrer schmieren die Soldaten und es genügt dafür ein „Taschengeld“. Als Ausländerin mit französischem Pass wäre Boumedienne das aber eher nicht gelungen: Man hätte sie wohl sicher verhaftet, auch ohne zu wissen, wer sie ist.

Wer etwas zu verbergen hat, den bringt man nachts über die Grenze. Vor Einbruch der Dunkelheit dürfte man Boumedienne an der Bushaltestelle oder einem anderen Platz abgeholt haben. Ihr Fahrer hatte wohl holprige Pisten abseits der Hauptstraßen benutzt, für Ortsunkundige ist es ein undurchsichtiges Labyrinth von Feldwegen im Grenzgebiet.

Das erste Ziel war ein Versteck unweit des Grenzzaunes: Das kann ein verlassenes Bauernhaus oder ein Stall sein in einem der vielen Weiler. In einem dieser muffigen, meist unmöblierten und mit Stroh ausgelegten Gebäude musste sie dann wohl warten, bis es Nacht wurde, ohne Licht zu machen.

 

Vorbei an den Minen

Gewöhnlich tröpfeln weitere Personen ein, die mit über die Grenze genommen werden. Im Fall der meistgesuchten Frau Frankreichs wird man aus Sicherheitsgründen darauf verzichtet haben. Man will die Witwe des nach IS-Meinung „heldenhaften Jihadisten“ Coulibaly aus Prestigegründen sicher ins Gebiet der Terrorgruppe bringen. Irgendwann im Laufe der Nacht kommt das Signal des Schleusers, der vorher einige Male die Patrouillen der Türken ausspioniert hat. Im Gänsemarsch geht es gebückt durch die Dunkelheit. Bei verdächtigen Geräuschen müssen sich alle hinlegen. Wieder lange Minuten des Wartens.

Dann ist der Grenzzaun in Sicht. Der Schleuser geht voran und an den Minen vorbei. Er öffnet ein vorher ausgeschnittenes Loch im Maschendraht. Nur mehr wenige Schritte und ein Sprung über Stacheldrahtrollen: Boumedienne ist die Flucht vor der Verantwortung für den Terror in Paris gelungen. Sie ist im Land des IS-Terrors.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2015)