Die starke industrielle und exportorientierte Ausrichtung der südafrikanischen Wirtschaft lässt schwierige Zeiten erahnen. Die Fußball-WM soll der Region trotz Krise Wachstum bescheren.
Johannesburg. Desolate oder gar nicht vorhandene Straßen, weit und breit nichts als Dschungel – mit diesem Bild, das wohl die Vorstellung vieler Europäer von „Afrika“ dominiert, hat Südafrika nichts zu tun. Das Land an der Südspitze des Kontinents hat sich in den vergangenen Jahren zu einem ökonomischen Musterschüler gemausert und gilt heute als wirtschaftlicher Gigant auf dem afrikanischen Kontinent. 23Prozent des gesamtafrikanischen Bruttoinlandsproduktes werden hier erwirtschaftet. Bereinigt um die Öleinnahmen einiger Staaten ist es sogar die Hälfte.
Eine besondere Rolle spielt dabei das im Landesinneren gelegene Johannesburg. „Joburg“ ist zwar nicht Hauptstadt, dafür aber politisches und wirtschaftliches Zentrum des Landes. 16Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes werden hier geschaffen, obwohl die Stadt nur fünf Prozent der Bevölkerung beheimatet.
Die Geschäftigkeit der in Johannesburg tätigen Unternehmen schlägt sich auch im Stadtbild nieder: Es gleicht einer einzigen riesengroßen Baustelle, und auch längs des Weges zur Hauptstadt Pretoria schießen die Gebäude nur so aus dem Boden. Johannesburg ist auch zu hohem Wachstum verpflichtet. „Damit das ganze Land um sechs Prozent wächst, muss Johannesburg um neun Prozent wachsen“, beschreibt Beatrice Abel, Mitarbeiterin der Stadt Johannesburg, die Bedeutung der Region für das restliche Land.
Darauf, dass das südliche Afrika nicht in einem Atemzug mit dem übrigen Kontinent genannt wird, legt man hierzulande großen Wert: „Wenn wir (Südafrikaner, Anm.)Urlaub auf dem Kontinent machen, sagen wir, wir fahren nach Afrika“, sagt Abel. Eine Ausnahme auf dem afrikanischen Kontinent bildet Südafrika mit seinen 47,9 Millionen Einwohnern aber nicht nur wirtschaftlich: Die Geschichte Südafrikas ist von dem Schandfleck namens Apartheid gezeichnet.
Seit dem Ende des Regimes im Jahre 1994 werden alle möglichen Bemühungen unternommen, die schwarze Bevölkerung der weißen Minderheit gleichzustellen. Ein Programm zur Förderung schwarzer Geschäftsgründungen (BEE) begünstigt etwa Firmen, die sich in diese Richtung anstrengen. Auch ausländische: So konnte die österreichische AME bei einer Ausschreibung zur Betreuung eines Spitals in Johannesburg damit punkten, dass in ihrem Konsortium von sechs Firmen zwei von schwarzen Managern geleitet werden.
Krise gefährdet Vorzeigeland
Doch auch das wirtschaftlich blühende Land, das in den vergangenen zehn Jahren mit einem konstanten Wachstum gesegnet war, entkommt den aktuellen Schwierigkeiten nicht. Zwar sprechen Experten von einem relativ stabilen Finanzsystem, die starke industrielle und exportorientierte Ausrichtung der südafrikanischen Wirtschaft lässt aber schwierige Zeiten erahnen. Schätzungen zufolge wird die südafrikanische Wirtschaft im laufenden Jahr um 1,2 Prozent wachsen. Vorerst keine Spur von Rekordraten wie im Jahr 2006, als das Wirtschaftswachstum noch bei 5,4Prozent lag.
Dennoch – der Pessimismus bleibt aus. So sieht etwa Brigitte Jank, Präsidentin der Wiener Wirtschaftskammer, gute Chancen für österreichische Unternehmen, auf dem südafrikanischen Markt Fuß zu fassen: „Gerade in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten in unseren Nachbarländern müssen wir verstärktes Augenmerk auf die Erschließung neuer Märkte legen“, sagte Jank im Zuge einer Wirtschaftsmission. Vorbilder gibt es bereits: Mehr als 30 österreichische Unternehmen sind laut Wirtschaftskammer erfolgreich in Südafrika vertreten. Potenzial bieten, so Jank, vor allem die Bereiche Straßen- und Kraftwerksbau sowie das Gesundheitswesen.
Bauboom zum WM-Auftakt
Auch in Südafrika glaubt man weiterhin an gute Zeiten. Grund für diesen Optimismus ist die Fußballweltmeisterschaft, die 2010 in Südafrika stattfinden wird – in zehn Stadien, die sich auf neun Städte aufteilen. Umgerechnet 13 Mrd. Euro werden investiert, ein großer Teil davon in Unterkünfte, öffentlichen Verkehr und Sicherheit. Auch Fußballstadien müssen aufgepeppt oder neu gebaut werden: Das größte, die „Soccer City“, hat seinen Platz in Johannesburg gefunden und wird Platz für 94.000 Zuschauer bieten. Mehrere Unternehmen, darunter auch die Salzburger Firma Rieder, rüsten die „Soccer City“, die mit ihrer mehrfarbigen, mosaikartigen Gestaltung an einen afrikanischen Kochtopf erinnern soll, für den Ansturm. Davon, dass solche Investitionen die südafrikanische Wirtschaft weiter beleben werden, ist man überzeugt: „So eine Weltmeisterschaft kann Großes hervorbringen“, sagt etwa WM-Berater Heinz Palme, der bereits im Zuge der Euro in Österreich als Koordinator tätig war.
Hohe Arbeitslosigkeit
Auslandsinvestitionen sind jedenfalls dringend nötig, denn mit einer bezifferten Arbeitslosigkeit von 23Prozent, die Experten real sogar auf bis zu 40Prozent schätzen, ist das Land noch weit davon entfernt, ein funktionierender Wohlfahrtsstaat zu sein.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.03.2009)