Die morphologische Vielfalt des frühen Homo sapiens war größer als die aller anderen Menschen. Forscher in Wien schließen daraus auf ihr Verhalten.
Wir alle stammen aus Afrika, so viel steht fest. Der Rest liegt im Dunkel der Geschichte, in das Genanalysen heutiger Menschen bisher wenig Licht haben bringen können, und Genanalysen früherer Menschen gibt es nicht – Ausnahme: Das Genom des Neandertalers wird gerade sequenziert – DNA hält nicht ewig, zudem gibt es nicht allzu viele Fossilien. Immerhin gibt es genug, dass man mit klassisch morphologischen Methoden zeigen konnte, dass zwei Wellen aus Afrika kamen. In „Out of Africa I“ machte sich vor etwa 1,8 Millionen Jahren Homo erectus auf den Weg, er kam rasch voran, war bald etwa in Dmanisi in Georgien.
Vor etwa 70.000 Jahren zog wieder einer los, Homo sapiens, der „moderne“ Mensch, vor 60.000 Jahren war er in Australien, vor 40.000 in Europa. Dort lebten Neandertaler – Nachkommen von „Out of Africa I“ –, sie verschwanden nach Eintreffen der neuen Menschen rasch, vielleicht wurden sie erschlagen, vielleicht genetisch eingemeindet, manche Anthropologen wollen anatomische Ähnlichkeiten erkennen.
„Wir sehen keine Verbindung zwischen Neandertalern und modernen Menschen“, widerspricht Gerhard Weber (Anthropologie, Uni Wien), der die klassische Morphologie mit Hightech kombiniert und eine Stufe höher hebt: Zum einen kann er aus Fragmenten ganze Schädel rekonstruieren („virtuelle Anthropologie“), zum anderen kann er diese Schädel in hunderte Details auflösen.
Breitschädel und Rundschädel
Und auf Ähnlichkeiten abklopfen: 203 Schädel, von ganz frühen bis heutigen, hat Weber in seine Computer eingespeist: Die Vielfalt („Variabilität“) der Formen war bei den frühen modernen Menschen – vor 160.000 bis 200.000 Jahre – am höchsten, dann folgen wir heutigen, weit abgeschlagen sind die früheren. Ihre Schädel haben auch wenig Ähnlichkeit mit denen der modernen Menschen, unsere sind eher rund und grazil, ihre waren eher flach und breit. Das zeigt, dass sich die modernen Menschen in Afrika offenbar in viele Gruppen teilten, die zeitweise voneinander isoliert lebten – dabei modifizierten sich die Schädel –, sich dann wieder mischten, in jedem Fall viel wanderten. Wie das möglich wurde und warum frühere Menschen es nicht taten, darüber kann man nur spekulieren, Weber vermutet eine „Umorganisation des Gehirns“.
Sicherer lässt sich wieder über die Folgen reden: Bei manchen Schädeln – die extreme Ähnlichkeiten zwischen frühen Modernen in Afrika und heutigen in Europa und Australien zeigen – sieht man noch, welche Gruppe wohin gewandert ist. Und alle zusammen deuten darauf, dass bei „Out of Africa II“ nicht eine Gruppe aufbrach und die Welt erwanderte, sondern dass immer neue „in vielen Wellen gewandert sind, manche vielleicht auch wieder von Eurasien nach Afrika zurück“, erklärt Weber: „Es war ein permanenter Fluss von Menschen.“ (Pnas, 23. 3.)