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Ein Sieg der Spekulanten gegen die Schweiz

Euro und Franken M�nzen
Euro und Franken M�nzen(c) APA/dpa/Oliver Berg (Oliver Berg)
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Analyse Die Schweizer Notenbank musste vor den Märkten bedingungslos kapitulieren. Das ist für uns "Euro-Zonis" nicht nur wegen der vielen Franken-Kredite keine gute Nachricht.

Ganz überraschend kam die Aufgabe der Franken-Bindung an den Euro, die gestern massive Reaktionen auf den Aktien- und Devisenmärkten auslöste, nicht: In der Schweiz wird seit Wochen darüber diskutiert, ob sich das Land den Luxus einer massiven Wechselkursstützung noch leisten kann. Das immer größere Ausmaß der Stützungskäufe (dabei werden massiv Franken gegen Euro getauscht) hat die Fremdwährungsreserven zuletzt auf über 500 Mrd. Schweizer Franken steigen lassen. Zwei Drittel davon werden in Euro gehalten – und da überwiegend in Form von Staatsanleihen der Euro-Kernländer Deutschland, Frankreich, Niederlande und Österreich. Die Schweiz gehört damit absolut zu den größten Haltern von Euro-Staatsanleihen.

Wie das Ende der Kursstützung gestern gehandhabt wurde, sieht allerdings nicht nach einem sehr gründlich überlegten Schritt aus: Eine Notenbank, die Mitte des Vormittags ohne die geringste Vorwarnung so in die Märkte hineinfährt, dass der Kurs der Heimwährung vorübergehend um 30 Prozent hochschnalzt und die Heimbörse in einen veritablen Crash mit in der Spitze mehr als 14 Prozent Kursverlust hineinstürzt, handelt entweder extrem patschert (was wir von der SNB eher nicht annehmen) – oder sie kann nicht anders.

Es sieht ganz nach Letzterem aus: Die Schweizer Finanzagentur AWP zitierte gestern einen Züricher Devisenhändler mit den Worten, es sei „das eingetreten, was nicht passieren durfte – die Spekulanten haben gegen die Nationalbank gewonnen“. Was, nebenbei, die bisher hohe Glaubwürdigkeit der Notenbank massiv erschüttere.
Tatsächlich hatte sich in den vergangenen Monaten gewaltiger Spekulationsdruck aufgebaut. Unter anderem durch sogenannte Carry-Trades: Dabei nehmen Großspekulanten Kredite in einer niedrig verzinsten Währung auf und investieren diese sehr profitabel in hoch verzinste Anlagen. Wenn auf einer Seite noch dazu eine Notenbank mit dem Einsatz von vielen Milliarden einen fixen Währungskurs garantiert und damit das Währungsrisiko de facto ausschaltet, dann ist das ein richtiger Spekulantentraum.

Frankenspekulationen haben jedenfalls zu einem enormen Aufwertungsdruck geführt – dem die Notenbank nun wohl früher als geplant nachgegeben hat. Durch die gestrige Maßnahme der Schweizer Notenbank haben Spekulanten allerdings hohe Summen verloren. Ein bisschen erinnert das Ganze an den berühmten Angriff des Großspekulanten George Soros auf das britische Pfund im Jahr 1992, durch den die Bank of England einknickte.

Natürlich hat die Schweizer Notenbank auch Argumente für den drastischen Schritt. Das wichtigste: Sie hat damit die währungspolitische Hoheit über den Franken wieder zurück nach Zürich geholt. Der fixe Wechselkurs zum Euro bedeutete ja, dass die Schweizer jeden Schwenk der EZB und des Euro (beispielsweise auch die Abwertung gegenüber dem Dollar) mitmachen mussten.

De facto hat die Schweiz, deren Wirtschaftsentwicklung derzeit viel mehr jener der USA als jener der Eurozone ähnelt, den Euro nun fallen gelassen. Man versucht nicht mehr, die offenbar noch stärker gewordene Flucht aus dem Euro in den Franken per Wechselkursmanipulation aufzuhalten, sondern setzt auf massive „Strafzinsen“ für diejenigen, die ihr Geld unbedingt in der Schweiz anlegen wollen.

Aus der Sicht der Eidgenossen ist dieser Schritt mit ziemlicher Sicherheit der richtige, obwohl er sehr teuer ist: Die Exportindustrie, die 60?Prozent ihrer Produkte in den Euroraum liefert, wird unter einer schlagartigen Verteuerung ihrer Produkte um 15 Prozent wohl sehr leiden. Und die Devisenreserven der Schweiz werden ebenso schlagartig um mindestens 50 Milliarden Franken abgewertet.

Dass den Schweizern dieser Umstieg so viel wert ist, zeigt, dass die eidgenössische Nationalbank die Lage in der Eurozone deutlich schlechter einschätzt, als dies die Euroländer selbst tun. Auch wenn die gestern von Analysten geäußerte Ansicht, dass die hektisch aussehende SNB-Aktion auf „etwas Größeres“ im Finanzsystem hindeute, wohl überzogen ist.
Ein bisschen beunruhigend ist freilich, dass sich auch im Fall Schweiz (wie schon in den Neunzigern in England) gezeigt hat: Einzelstaaten können sich, auch wenn sie große finanzielle Potenz aufweisen, gegen große Spekulationsattacken nur sehr bedingt wehren.

E-Mails an: josef.urschitz@diepresse.com