Viele Anlagen der einst geheimen Alpenfestung Schweiz werden heute höchst zivil genutzt.
Hilterfingen. Nicht nur der Schweizer Käse hat Löcher, sondern auch die Bergwelt der Alpenrepublik. Vermeintliche Chalets, Holzschuppen oder mittelalterliche Burgen verbergen die Eingänge zu unterirdischen Tunnelsystemen und militärischen Befestigungen, die tief in den Fels gebohrt wurden. Die Geheimhaltung wurde erst vor wenigen Jahren aufgehoben. Seitdem kann man einige der Festungen und Sperrwerke besichtigen.
Beat lebt im Berner Oberland nahe dem Thuner See, kennt hier jedes Haus und seine Bewohner. Bis auf einige Ausnahmen, natürlich. Aber nicht, weil dort kontaktscheue Menschen wohnen, sondern weil dort niemand lebt. Das Chalet hoch am Hang bei Hilterfingen bietet beste Aussicht auf den See in der Tiefe und freien Blick auf die schneebedeckten Gipfel von Eiger, Jungfrau und Mönch weiter im Osten. Das vermeintliche Idyll mit überhängendem Dach und Holzverkleidung im Obergeschoß, mit grün gestrichenen Fensterläden und weißen, gerafften Gardinen erweist sich als grobe Täuschung. Alles ist aufgemalt, aus der Nähe natürlich bestens zu erkennen.
Die Bewohner der Umgebung wussten natürlich auch, dass hier ein geheimes militärisches Objekt der „Heimatverteidigung“ stand und sich hinter den Fenstern der imitierten Alpenarchitektur keine Bewohner an dem Panoramablick erfreuten. Die massiven Betonwände des Bunkers schützen heute weder Soldaten noch Munition, sondern das Weinlager des privaten Besitzers vor Temperaturschwankungen. Der frühere Schacht zu einer armierten Straßensperre am Seeufer ist nicht mehr in Betrieb.
Einfallsreiche Täuschung
Wer die massiven Betonklötze der Bunkerarchitektur aus deutschen Großstädten kennt, ist über den Einfalls- und Variationsreichtum der Schweizer Bunkerlandschaft erstaunt. Die nicht gerade dekorative Scheune, die den Rand eines Bauernhofs beim Schweizer Ort Füllingsdorf markiert, ist von vorn bis hinten Täuschung. Ziegelsteine, Holzverkleidung und Fenster – alles Malerarbeiten und nicht von Zimmerleuten und Maurern. Die Zugangstür ist echt, doch das massive Türblatt aus Metall erweckt durch geschickte Pinselstriche den Eindruck einer baufälligen Holztür. Um den großen Holzschuppen bei Heiligenschwendi realistischer aussehen zu lassen, sind an seiner Außenwand sogar echte Holzscheite aufgeschichtet, liegen einige zerteilte Baumstämme auf der Wiese davor, als sollten sie in Kürze zu Kaminholz verarbeitet werden.
Festungen im Hochgebirge
Viele tausend kleine, große und sich auch mehrere Kilometer in den Berg verzweigende riesige Bunkersysteme wurden in wenigen Jahren nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gebaut. Der geheime „Reduitplan“ des Schweizer Militärs sah vor, das Gros der Streitkräfte in leichter zu verteidigende Gebiete in den Schweizer Hochalpen zurückzuziehen und durch ein System von Verteidigungsanlagen und Forts, von Luftschutzbunkern und Straßensperren zu schützen.
Nach dem Ende des Weltkriegs blieben die Militäranlagen erhalten, erst nach dem Ende der Sowjetunion wurden viele aufwendig zu unterhaltenden Anlagen aufgegeben und an Private zur zivilen Nutzung verkauft.
Heute pflegen Traditionsvereine einige der Bunker zur Erinnerung an ein wenig bekanntes Kapitel Schweizer Geschichte und ermöglichen Interessierten gelegentlich die Besichtigung. „Bunkerwanderführer“ führen wie in Zürich zu halb verfallenen Betonanlagen, Websiten listen viele der Militäranlagen auf, Bücher, wie „Falsche Chalets“ des Schweizers Christian Schwager zeigen Bunkerwahn und erstaunliche Beispiele vom architektonischen Tarnen und Täuschen. Andere Anlagen genießen als Weinlager oder für die Champignonzucht ein zweites ziviles Dasein.
Selbst mittelalterliche Burgen waren vor einschlägigen Anbauten nicht gefeit. Das Schloss Angenstein bei Duggingen erscheint von außen als ein harmonisches Bauensemble, doch wer genauer hinschaut, sieht unter zwei Ziegeldächern nicht nur den rankenden echten Efeu, sondern auch aufgemalte Bögen und Butzenscheiben, hinter denen sich keine Weinfässer, sondern eine gut bewaffnete Infanteriestellung verborgen haben. Das restaurierte Schloss am Flüsschen Birs ist heute im Besitz der Stadt Basel und kann für festliche Anlässe gemietet werden.
Feste feiern in Alpenbunkern
Anreise per Bahn mit dem IC/ICE nach Interlaken (http://fahrplan.sbb.ch), von dort weiter mit dem Postbus (www.postauto.ch).
Per Flug: u. a. mit Skywork Airlines Wien–Bern–Wien ab 298 Euro direkt. flyskywork.com Von Bern weiter mit dem Mietwagen oder der Bahn und dem Postbus.
Schlafen: Hotel Beausite: kleines Schweizer Chalet-Hotel in prachtvoller, ruhiger Lage auf der Sonnenterrasse des Berner Oberlandes, Ü im DZ ab 61 €/75 SFr. Mauren 555, CH-3803, Beatenberg, Tel.: +41/(0)33/841 19 41, www.hotel-beausite.ch.
Bed & Breakfast Alphorn: komfortable Zimmer in ruhiger Seitenstraße, Gratis-WLAN, Ü/F im DZ ab 90 €/110 SFr, kleine Bar. Rugenaustraße 8, Interlaken CH-3800, Tel.: +41/(0)33/822 30 51, hotel-alphorn.ch.
Essen und Trinken: Gourmetstübli, Oberdorfstraße 3, Interlaken, Tel.: +41/(0)33/828 35 50. Exzellente Schweizer Küche mit mediterranen Anleihen.
Restaurant Buffet Beatenbucht: Seestraße 370, 3658 Merligen, +41/(0)33/251 13 18, leichte Küche mit herrlichem Blick direkt auf den Thuner See.
Attraktionen: Bern mit seiner Unesco-Weltkulturerbe-Altstadt ist nur 40 Kilometer vom Thuner See entfernt. Auch Grindelwald mit der Panoramaaussicht auf Eiger, Jungfrau und Mönch ist über Interlaken nach 30 Kilometern erreicht. Immer und zu jeder Jahreszeit empfehlenswert ist außerdem eine Fahrt mit dem Glacier Express von St. Moritz nach Zermatt. glacierexpress.ch
Informationen: Schweiz Tourismus, Tel.: +41/00800 100 200 30 (kostenlos), www.myswitzerland.com. Zu dieser Recherchereise wurde von Schweiz Tourismus eingeladen.