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„Hobbit“-Begeisterung als globales Phänomen

Der Hobbit - Eine unerwartete Reise
(c) ORF
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In einem internationalen Forschungsprojekt untersuchen Wissenschaftler aus 46 Ländern, was die Fans der „Hobbit“-Trilogie in verschiedenen Weltgegenden bewegt und wie Film und Literatur ihre Einstellungen prägen.

Es war eine der wichtigsten Premieren des Hollywood-Kinos: Pünktlich vor Weihnachten lief der letzte Teil der Verfilmung des Fantasyromans „Der Hobbit“ von J.R.R. Tolkien an. Die Fans stürmten „Der Hobbit 3: Die Schlacht der fünf Heere“. Für viele ist der Film mehr als das Eintauchen in eine spannende Geschichte, die mit einer riesigen Schlacht zwischen den guten und bösen Mächten ins Finale geht. Sie verkleiden sich wie ihre Helden und spielen die Geschichten nach.

Was die Fans bewegt, wollen Wissenschaftler mit dem „World Hobbit Projekt“ herausfinden. Unter britischer Leitung haben sich Forscher aus 46 Ländern zusammengetan und einen Fragebogen für „Hobbit“-Fans erarbeitet (www.worldhobbitproject.org).

Seit der dritte „Hobbit“-Film in den Kinos läuft, werden zwischen den USA und Japan, zwischen Israel und Neuseeland die Fans eingeladen, sich an der Umfrage zu beteiligen. In Österreich sind die Fachbereiche Kommunikationswissenschaft der Universitäten Salzburg und Klagenfurt mit an Bord.

„Uns interessieren die internationalen Unterschiede in der Wahrnehmung dieser Geschichte“, sagt Sascha Trültzsch-Wijnen vom Fachbereich Kommunikationswissenschaft in Salzburg im Gespräch mit der „Presse“: „Wir wollen wissen, ob die Menschen mit dem Film auch eine Werteorientierung verbinden. Was ziehen die Fans für ihren Alltag an Orientierung aus dem Film?“ Im deutschsprachigen Raum stehe etwa der Kampf der schwachen Guten gegen das übermächtige Böse sehr stark im Vordergrund der Wahrnehmung. Auch die Vormoderne, eine Welt ohne Technik, in der die Menschen in Höhlen leben, fasziniere bei uns die Fans. Die urtümliche Gemeinschaft, die der Film zeige, werde mystifiziert.

 

Christlich geprägter Mythos

In anderen Ländern würden die Geschichten aber möglicherweise ganz anders wahrgenommen, erklärte Trültzsch-Wijnen: „Bei uns wird mit ,Hobbit‘ ein Mittelalterbild bedient. Aber wie ist das in Afrika, dort ist vielen Menschen die Vorstellung des europäischen Mittelalters völlig fremd?“ Oder wie werde der stark christlich geprägte Hobbit-Mythos in Israel von den Fans interpretiert? Auch auf die Antworten aus Neuseeland ist er gespannt. Schließlich seien die „Hobbit“-Filme dort gedreht worden, die Landschaften, die Menschen in aller Welt faszinieren, seien den Neuseeländern vertraute Heimat.

Bis März dieses Jahres soll die Befragung abgeschlossen werden. Trültzsch-Wijnen hofft, dass allein in Österreich 1500 bis 2000 Menschen teilnehmen. Danach werden die Antworten ausgewertet, was besonders bei den vielen offenen Fragen recht aufwendig ist. Bei den britischen Kollegen laufen die Ergebnisse der einzelnen Länder zusammen und werden verglichen. „Entweder, es gibt so etwas wie globalisierte Werte, die durch ,Hobbit‘ vermittelt werden, oder es gibt für die Länder unterschiedliche Lesarten, die zur jeweiligen Kultur passen“, sagt Trültzsch-Wijnen zu den möglichen Ergebnissen. Er persönlich glaubt eher, dass die Untersuchung verschiedene Interpretationen zeigen wird: „Ich glaube nicht, dass es ein Phänomen mit einheitlichen Werten ist.“

Trültzsch-Wijnen hat den dritten Film übrigens noch nicht gesehen. Auch wenn er sich wissenschaftlich mit dem Phänomen befasst, gehört er nicht zu den ausgeprägten Fans der aufwendig gestalteten Fantasywelt.

LEXIKON

Der Roman „Der Hobbit“ stammt aus dem Jahr 1937. J.R.R. Tolkien, auch Autor von „Herr der Ringe“, erzählt darin die Geschichte von Bilbo Beutlin. Dieser soll das verlorene Zwergenkönigreich vom Einsamen Berg, das vom Drachen Smaug erobert worden ist, zurück- gewinnen. „Der Hobbit“ wurde in drei Teilen von Peter Jackson verfilmt. Ein internationales Forschungsprojekt will nun ergründen, wie die Fans in unterschiedlichen Ländern den Film interpretieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2015)