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Heidi hilft beim Sprachenlernen

Zeigen Avatare Gesten, merkt man sich Vokabeln leichter. Diese Erkenntnis wollen Linzer Wissenschaftler auch für die Rehabilitation von Schlaganfallpatienten nutzen.

Auftritte mit perfekter Sprache sind Manuela Macedonia nicht nur vertraut – sie sind das wichtigste Mittel, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. Die praktische Grundlage dafür hat die im Aostatal im Dreiländereck Frankreich-Italien-Schweiz Aufgewachsene gleichsam im Kinderalltag erworben: Sie wuchs viersprachig auf und lernte bei einem Urlaub en passant auch noch Niederländisch.

Kaum zu glauben, dass jemand, der so leicht Sprachen „sammelt“, ein Gefühl dafür entwickelt, sich mit den Problemen beim Sprachenlernen auseinanderzusetzen. Doch genau damit beschäftigt sich die Linguistin, die in Turin und Salzburg studiert und nach der Promotion am Max-Planck-Institut für Neurowissenschaften in Leipzig über „multisensorische Anreicherung von Sprache und ihre Effekte auf das Gedächtnis“ geforscht hat. Eine ihrer Fachpublikationen, „Body in Mind: How gestures empower foreign language learning“, sorgte für weltweite mediale Aufmerksamkeit.

Ihr Fachgebiet ist die sogenannte kognitive Neurowissenschaft, also jene, in der erforscht wird, „wie der Mensch denkt, lernt und fühlt“. Sprache und Körper, also Gestik, sind laut Macedonia miteinander verbunden. „Die Behaltensleistung ist viel größer, wenn prozedurales Lernen einbezogen wird“, sagte sie im „Science Talk“ des ORF. Der Kernspintomograf habe gezeigt: Die Leute lernten Vokabeln samt Gesten.

 

Je früher, desto besser

Und die Vielsprachige räumte auch gleich mit dem Vorurteil auf, dass die Gene die Sprachlernfähigkeit bestimmten. Das Problem bei vielen Migrantenkindern sei, dass sie zu spät die Landessprache lernen, und das meistens von der Mutter, die fehlerhaft spreche. Die beste Sprachlernleistung werde bis zum Alter von zehn Jahren erbracht, dann sei die Reifung der sogenannten weißen Substanz im Gehirn abgeschlossen. So gesehen überrascht nicht, dass sie für möglichst frühes Sprachenlernen plädiert: Im Kindergarten gelängen die schnellsten Lernerfolge.

Seit März 2012 forscht und lehrt Manuela Macedonia an der Uni Linz. Und geht dabei auch fremd: Auf der Website www.das-gehirn.com betreibt sie mit Gleichgesinnten „Neuroscience for you“, ein Online-„Institut für Wissenstransfer“ über Gehirnforschung. „In Vorträgen und Workshops erklären Experten aus unserem Team, wie das Gehirn funktioniert, und wie sich die Vorgänge im Kopf auf unser tägliches Leben auswirken“, schreibt sie.

Wie das Erlernen der eigenen Muttersprache – in ihrem Fall gleich mehrerer Sprachen – funktioniert, beschrieb Macedonia in einem Interview einmal so: „Das Kind sieht zum Beispiel eine Zitrone. Es geht hin, greift sie an, lässt sie fallen, riecht daran, steckt sie in den Mund und sammelt dabei eine Menge an Infos. Dann zeigt das Kind der Mutter die Zitrone, und diese sagt: ,Das ist eine Zitrone.‘ Im kindlichen Gehirn bildet sich durch die Erfahrung ein Netzwerk, das die gesammelte Information aus den Sinneskanälen und der Motorik verknüpft.“

Und Macedonia nennt auch noch ein anderes Beispiel: „Lerne ich chemische Formeln, ist es ähnlich, wenn ich die Substanzen selbst vermische und eine eventuelle Reaktion beobachten kann. Wird die Formel nur an die Tafel geschrieben, merke ich sie mir höchstwahrscheinlich nicht so gut.“ Konsequenz: „Das Lernen geht am besten mit allen Sinnen und mit Erfahrung. Dafür ist unser Gehirn gebaut, und so ist es in allen Bereichen des Lebens.“

 

Worte mit Gesten verbinden

Mit der Erfindung der virtuellen Figuren Heidi und John schuf sie gleichsam den Beweis für ihre Thesen: „Man lernt am leichtesten, wenn man Vokabeln nicht nur sieht oder hört, sondern auch mit Gesten verbindet. Dadurch werden entsprechende neuronale Netzwerke aufgebaut.“ Bei mehreren Experimenten, in denen die beiden Avatare Gesten ausführten und die Lernenden zum Nachmachen animierten, konnten sich diese signifikant mehr Vokabeln merken als auf herkömmliche Weise.

„Gerade Bewegung ist beim Lernen enorm wichtig. Je mehr Sinne beteiligt sind, desto größer sind die Netzwerke im Gehirn, und umso besser kann man Informationen abrufen“, sagt die Wissenschaftlerin, die regelmäßig fünf Kilometer läuft. Denn zyklische Bewegung rege den Hippocampus an und könne damit das Kurzzeitgedächtnis verbessern. Gegenüber „Gehirnjogging“ ist sie hingegen skeptisch: Es gebe „keinen Transfereffekt auf Alltagstätigkeiten, bei denen man Gedächtnis braucht“.

 

Portionsweise Aufgaben

Im Zusammenhang mit einer anderen Computerfigur, dem „Sociable Agent Billie“, verriet Macedonia: „Lernen ist anstrengend und bereitet nicht immer Freude. Wir brauchen jemanden, der die Aufgaben portionsweise vorlegt und uns zur Seite steht.“ So werde Billie mit Informationen über den Anwender gefüttert. „Die Maschine errechnet eine Lernkurve. Sie wird dann wieder angepasst und nimmt auf die eigenen Fähigkeiten Rücksicht.“ In zehn Jahren werde es solche Anwendungen für alle Menschen geben.

Mit den Avataren macht sich Macedonia schon heute einen verbrieften Vorteil zunutze: Virtuelle Helferlein haben immer Zeit und können sich jedem Lerntempo individuell anpassen. Heidi, ein Avatar im Dirndl, und vor allem ihr männliches Pendant John könnten schon bald in England reüssieren: Eine geplante Kooperation mit dem Londoner King's College und dem angesehenen Neurobiologen Marco Catani sieht den Einsatz für die Sprachrehabilitation nach Schlaganfällen vor.

Eine wichtige Chance für die Patienten, denn: „Logotherapien sind – besonders in Großbritannien – extrem teuer, und die Kapazitäten sind gering. Der ,normale‘ Patient bekommt eine Stunde Logotherapie pro Woche“, sagt Macedonia. Mit Heidi oder John könnten die Patienten so oft üben, wie sie wollten, ohne jedesmal einen teuren Therapeuten zu benötigen. [ Uni Linz]

LEXIKON

Avatare sind künstliche Personen in speziellen grafischen Formen, die in der virtuellen Welt – auf Websites, in Computerspielen oder auch in Lernprogrammen – einem Menschen zugeordnet werden. Das Wort Avatar leitet sich aus dem Sanskrit ab; Avatāra bedeutet „Abstieg“, nämlich einer Gottheit in irdische Sphären. Der Begriff wird im Hinduismus vor allem für die Inkarnationen Vishnus verwendet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2015)