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Erster Weltkrieg: Kriegskaffee, Teesurrogat und Kartoffelbrot

Brotscheiben
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Wissenschaft im Ersten Weltkrieg: Mit der Produktion von Ersatzlebensmitteln wollte man die prekäre Ernährungssituation verbessern. Techniker forschten für die Kriegsmaschinerie.

Entbitterte Lupinien oder Karotten statt eines Bohnenkaffees, Brombeerblätter statt des importierten schwarzen Tees: Neu entdeckte bzw. getestete Ersatzlebensmittel verdrängten vor 100 Jahren während des Ersten Weltkriegs in zunehmendem Maß die herkömmliche Verpflegung der Soldaten und bestimmten die Ernährung der Zivilbevölkerung.

Wie der Lebensmitteltechniker Franz Vojir von der Bundesanstalt für Lebensmitteluntersuchung und -forschung in einer historischen Rückschau zeigt, beschritt die österreichische Verwaltung – ab 1916 dann das neu geschaffene „Amt für Volksernährung“ – unkonventionelle, nicht immer gesundheitsfördernde Maßnahmen zur Sicherstellung der Ernährung.

 

Ersatzstoffe per Gesetz

Schon drei Monate nach Kriegsbeginn wurde per Reichsgesetzblatt eine Reduktion von Weizen- und Roggenmehl im Brot angeordnet und eine Ersatzmittelmenge von Gersten-, Mais- oder Kartoffelmehl zugelassen. Im Mai 1915 wurden zwei, ab September 1916 drei fleischlose Tage angeordnet. Im vierten Kriegsjahr hat man sogar den Gaststätten eine Einschränkung ihrer Menüs vorgeschrieben. Die Ernährungswissenschaftler waren gefordert. Eine österreichische Erfindung erleichterte die Herstellung des Kriegskaffees, bei der, so Vojir, folgende Rezeptur entwickelt wurde: „Die Mischung bestand aus fünf Prozent Bohnenkaffee (zunächst zehn Prozent), fünfzehn Prozent Lupinienmehl und zehn Prozent Eichelmehl (von den zunächst ausschließlich zehn Prozent des gedarrten Zuckerrübenmehls war nicht genug aufzubringen) sowie 70 Prozent Karamell (zunächst 80 Prozent).“ Die Herstellung großer Karamellmengen wurde durch die Behandlung des Rohzuckers mit einer einprozentigen Salzsäure vor dem Karamellisieren möglich.

Ein bedeutendes Problem ergab sich ab 1914 bei der Versorgung mit Ölen, die ja auch in der maschinellen Kriegsindustrie benötigt wurden. In Österreich wurde – im Vergleich zur Produktion in anderen Ländern – ein vollkommen neues technisches Verfahren entwickelt.

Auch hier analysiert Vojir die neuartige Herstellung: Maiskorn wurde vorsichtig ausgeschrotet, dabei zerkleinerte man das Korn zu Gries und Mehl, während der elastische Keim zu einem Blättchen ausgewalzt wurde. Durch eine entsprechende Sichtung des Gemisches konnten die Maiskerne abgetrennt werden.

Bei den bisher bekannten Methoden, die auf einer Vorbehandlung des Korns mit Dampf und heißem Wasser und einer anschließenden Trocknung beruhten, waren große zentrale Anlagen und entsprechende Energiemengen wie Kohle erforderlich. Beides war in Österreich in ungenügendem Ausmaß vorhanden.

 

Technik im Dienste des Krieges

Franz Vojir veröffentlicht seine Analyse über die Ersatzlebensmittel in dem Sammelband „Wirtschaft, Technik und das Militär 1914–1918. Österreich-Ungarn im Ersten Weltkrieg“ (siehe Info-Kasten). In anderen Beiträgen wird auf wissenschaftliche Innovationen im Bereich der Luftfahrt, der Fernmelde- und Funktechnik, der chemischen Industrie und selbst im Festungsbau eingegangen.

Eine nicht unbedeutende Rolle spielten die Universitäten und Hochschulen. Die Technische Hochschule in Wien betonte auch vor hundert Jahren – zumindest von Zeit zu Zeit – ihre Autonomie und Unabhängigkeit. Die Verbindungen zwischen der Wiener Technik und den militärischen Ereignissen waren allerdings auf vielen Gebieten so stark, dass man von einer Verzahnung zwischen Technik und Militär sprechen kann.

Professoren stellten sich in den Dienst der militärischen Forschung, große Teile der Hochschulräumlichkeiten wurden für kriegsbedingte Angelegenheiten bereitgestellt und nicht zuletzt rekrutierte das Kriegsministerium einen großen Teil der Studenten und auch eine erhebliche Zahl an Uni-Lehrern für den Fronteinsatz. Juliane Mikoletzky, Leiterin des Archivs der TU Wien, hat in dem Beitrag „An der Seite der Heerführer steht der Ingenieur“ die vielfältigen Verbindungen zwischen den technischen Wissenschaftlern und der Kriegsführung aufgezeigt.

Gleich nach Beginn des großen Krieges kam es gleichsam zu einer Entvölkerung der Hochschule. Mikoletzky: „Insgesamt waren im November 1914 bereits rund 2500 Studierende (78 Prozent der Inskribierten des Vorjahres), 55 wissenschaftliche und 35 nichtwissenschaftliche Angehörige der Hochschule eingerückt.“ Ähnlich spielte es sich an den anderen österreichischen Universitäten und Hochschulen ab.

An die Stelle der Studierenden rückten andere Nutznießer in die Hochschule ein. Zwölf kriegsrelevante Institutionen belegten zahlreiche Räume im Hauptgebäude am Karlsplatz und in der Elektrotechnik in der Gußhausstraße. Das reichte vom technischen Kurs des Fliegerarsenals über Materialprüfungsstellen, Berg- und Hüttenlaboratorien bis zur Flieger-Radio-Versuchsstelle. Einige Räumlichkeiten wurden sowohl für ein Kriegshilfsspital (bis 1916) und für Sanitätswerkstätten in Beschlag genommen. (An der Universität Wien hatte man im Hauptgebäude am Ring neben einem Lazarett sogar Operationsräume eingerichtet.)

 

Forschung für den Gaskampf

Im wissenschaftlichen Bereich waren die Technikprofessoren mehr an der Weiterentwicklung von bereits bestehenden Neuerungen beteiligt. Es wurden fachliche Gutachten erstellt und einige Forschungskooperationen mit militärischen Stellen begründet. Unmittelbare Forschungen zielten im Bereich des Unterwasserschalls auf neue Möglichkeiten zur Ortung von U-Booten ab. An der chemisch-technischen Lehrkanzel wurden sowohl neue Gaskampfstoffe als auch verbesserte Schutzmasken für den Gaskrieg entwickelt und erprobt.

Die kriegsbedingte Forschung bedingte nach Kriegsende auch einige Neuerungen. So wurde ab dem Studienjahr 1919/20 an den technischen Hochschulen die Zulassung von Frauen zum ordentlichen Studium verfügt. Weil, so Mikoletzky, nach dem Einsatz in technischen Bereichen den Frauen „nunmehr die Eignung zu solchen Tätigkeiten nicht mehr prinzipiell abgesprochen werden konnte“.

BUCHTIPP

Dokumentation.„Wissenschaft, Technik und Militär 1914–1918. Österreich-Ungarn im Ersten Weltkrieg“: In diesem Sammelband, herausgegeben von Herbert Matis, Juliane Mikoletzky und Wolfgang Reiter, beleuchten 14 Autorinnen und Autoren die Anwendung von Technik und Wissenschaft auf Seiten des kriegsführenden Österreich-Ungarn (369 Seiten, LIT-Verlag, Wien 2014, € 39,90).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2015)