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Gibt es Schutz gegen Alzheimer?

Mirjam Lutz
(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Die Molekularbiologin Mirjam Lutz erforscht, wie Demenzkrankheiten entstehen. Sie sucht dabei Gene und Proteine, die Nervenzellen zerstören können.

Ich finde das Gehirn so schön“, sagt Mirjam Lutz. Sie erforscht Details dessen, was im Gehirn abläuft und was passiert, wenn das Gehirn nicht mehr funktioniert. Seit einem Forschungsaufenthalt an der Universität Zürich interessiert Lutz das Thema Demenz. „Und bis heute finde ich es jeden Tag noch ein bisschen spannender“, sagt sie. Ursprünglich hat die Wienerin Biomedizin und Biotechnologie an der Vet-Med-Uni Wien studiert. Ihre Bachelorarbeit in Zürich war der Anstoß, sich tiefer in die Neurowissenschaft zu begeben. Bei der Rückkehr im Jahr 2009 sattelte sie auf Molekularbiologie an der Uni Wien um und spezialisierte sich im Hirnforschungszentrum auf neurodegenerative Erkrankungen.

„Doch ich habe schnell gemerkt, dass ganz basale Grundlagenforschung an Würmern und Fliegen nicht so meins ist. Daher habe ich ans AKH gewechselt und kann hier in einer wunderbaren Arbeitsgruppe von Gabor G. Kovacs an meiner Dissertation arbeiten.“ Im Klinischen Institut für Neurologie forscht sie nun an menschlichen Gehirnen. „Das Material stammt aus Biobanken, mit betroffenen Patienten habe ich keinen Kontakt. Ich bewundere alle Pfleger, Ärzte und Angehörige, die im täglichen Leben mit Demenzkranken umgehen“, sagt sie.

Ihr Alltag ist hingegen von Laborgeräten dominiert, mit denen sie genetische, histologische und molekularbiologische Analysen durchführt. „Etwa die Hälfte meiner Zeit verbringe ich im Labor, den Rest der Arbeitszeit ist man mit administrativen Dingen, mit Literaturrecherche und Datenauswertung am Computer beschäftigt. Meinen Ausgleich finde ich auch hier im Labor, im Austausch mit den Kollegen. Ich bin die einzige Biologin in der Gruppe und genieße die Gespräche mit den Klinikern und Medizinern“, erzählt Lutz.

Konkret geht es in ihrer Forschung, die bereits mit einem Abstract-Award der Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft, einem Poster-Award in Rio de Janeiro und dem Dr.-Maria-Schaumayer-Preis ausgezeichnet wurde, um die Entstehung von neurodegenerativen Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson.

„Erstens geht Demenz einher mit dem unwiederbringlichen Verlust von Nervenzellen. Zweitens lagern sich fehlgefaltete Proteine im Gehirn ab.“ Eine bekannte Form der fehlgefalteten Proteine ist das Prion, das zu Erkrankungen wie BSE in Tieren oder Creutzfeldt-Jakob bei Menschen führt. Doch Lutz und ihre Kollegen forschen an weiteren Proteingruppen, die sich falsch zusammenfalten können und so Schäden unseres Nervensystems verursachen.

„Es ist immer noch völlig unklar, wie es zu dieser Fehlfaltung kommt. Wir wollen wissen, was uns vor fehlgefalteten Proteinen schützen könnte“, sagt Lutz. Dazu wurde Material von sehr alten Menschen untersucht, die geistig gesund waren, und von Menschen, die eher jung an schweren Demenzkrankheiten litten. Was haben die einen, was die anderen nicht haben?

 

Schützende Wirkung gefunden

Im Rahmen eines EU-Projektes fand das Team Gene, die bei sehr alten und gesunden Leuten noch aktiv waren, aber bei jüngeren erkrankten Patienten ausgeschaltet waren. „Einige der Gene gehören zur Sirtuin-Familie. Diese scheint eine schützende Wirkung auf die Nervenzellen zu haben“, sagt Lutz. „Doch es ist sehr komplex. Denn bei Würmern und Fliegen verhelfen die Gene zu einem langen gesunden Leben. Beim Menschen aber sind die Sirtuin-Genprodukte sehr unterschiedlich verteilt: In verschiedenen Gehirnarealen, in verschiedenen Zelltypen und auch innerhalb der Zelle.“ Derzeit scheint es, als ob die schützende Wirkung dieser Gene nur im Zellplasma wirkt. Je stärker die Demenz fortschreitet, umso mehr sammeln sich die Genprodukte im Zellkern an. Genaueres will Lutz in den nächsten Jahren ihrer Dissertation noch herausfinden.

ZUR PERSON

Mirjam Lutz (*1983 in Wien) studierte Molekularbiologie an der Uni Wien und spezialisierte sich auf Neurowissenschaft. 2009 absolvierte sie einen Forschungsaufenthalt in Zürich, wo sie an neurodegenerativen Krankheiten forschte. Seit 2012 ist sie am Klinischen Institut für Neurologie der Med-Uni Wien tätig. Das Thema Neurodegeneration fasziniert sie bis heute, auch weil immer mehr Menschen von Demenzerkrankungen betroffen sind.

Alle Beiträge unter:diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2015)