Ehr und Reichtum treibt und bläht

Er ist heute nicht viel mehr als ein Name der deutschen Literaturgeschichte: Von Matthias Claudius kennt man gerade noch sein „Abendlied“. Doch er war nicht nur als Zeitungsredakteur, sondern auch als Lyriker Vorreiter. Zum 200. Todestag eines Vergessenen.

Es gibt wohl kaum einen Literaturkritiker, der nicht Goethes Verse im Ohr hat: „Schlagt ihn todt den Hund! Er ist ein Recensent.“ Die Wahrscheinlichkeit, dass Goethe dabei an Matthias Claudius dachte, ist relativ hoch. Hatte sich der doch erfrecht, die 1774 anonym erschienenen „Leiden des jungen Werthers“ zu kritisieren. Der Redakteur des „Wandsbecker Bothen“ zeigte das Kultbuch folgendermaßen an: „Der arme Werther! Er hat sonst so gute Einfälle und Gedanken. Wenn er doch eine Reise nach Pareis oder Pecking gethan hätte! So aber wollt' er nicht weg von Feuer und Bratspieß, und wendet sich so lang d'ran herum, bis er caput ist.“ Eine solch satirische Sichtweise auf die Liebeshysterie war natürlich unverzeihlich. Goethe rächte sich, indem er einen Freund dazu anhielt, ein „Drama“ zu schreiben, das mit den Kritikern des Werthers abrechnet. Claudius seinerseits reagierte darauf, indem er bei der Herausgabe seiner „Sämtlichen Werke“ dem Wiederabdruck seiner Rezension einen Vierzeiler folgen ließ: „Nun mag ich auch nicht länger leben, / Verhaßt ist mir des Tages Licht; / Denn sie hat Franze Kuchen gegeben, / Mir aber nicht.“ So macht man sich keine Freunde unter denen, die den Literaturbetrieb beherrschen.

Vielleicht kennt man deshalb von dem 1740 in Reinfeld nahe Lübeck geborenen Matthias Claudius heute kaum mehr als sein berühmtestes Gedicht, das mit der Zeile „Der Mond ist aufgegangen“ beginnt. Selbst von den sieben Strophen dieses „Abendlieds“ ist meist nicht mehr als die erste geläufig. Und danach meint man, ihn in die Schublade für Erbauungsliteratur schieben zu können.

„Und unseren kranken Nachbar auch“

Würde man bis zu Ende lesen, käme man seiner Poetologie schon näher: „Verschon uns, Gott! mit Strafen, / Und laß uns ruhig schlafen! / Und unsern kranken Nachbar auch!“, lauten die letzten Verse. Sie indizieren sowohl seine humanistische als auch seine soziale Einstellung. Das nachgestellte „auch“ in Claudius' „Abendlied“ erinnert im Übrigen an Goethes „Wandrers Nachtlied“, das ebenso endet: „Warte nur, balde / Ruhest du auch.“ In der Lyrik waren die beiden Zeitgenossen gar nicht so weit auseinander wie in ihrer Gesinnung.

Ursprünglich stand der Weimarer Staatsbeamte der „personnage singulair“ des „fameux Wandsbecker Bothen“, wie er Claudius bezeichnete, nicht so unfreundlich gegenüber. Doch die erste und einzige Begegnung der beiden im Herbst 1783 dürfte ihnen bewusst gemacht haben, wie fremd sie einander waren. Claudius sei in Weimar „nicht warm geworden“, er habe „wie abwesend“ gewirkt, zitiert sein jüngster Biograf, der Musikwissenschaftler Martin Geck, den Augenzeugen Herder. Das mag auch daran gelegen haben, dass Claudius sich unter all den Geistesgrößen deplatziert gefühlt hat; nicht weil er ungebildeter gewesen wäre, sondern weil er eine andere Lebenseinstellung hatte. Geck untertitelt sein Buch deshalb zu Recht „Biografie eines Unzeitgemäßen“. Was Claudius von der Klassiker-Clique unterschied, schildert der Biograf mit viel Empathie für den Redakteur der Provinzzeitung, die er zu einem auch in Weimar und Jena gelesenen Blatt von internationalem Format machte.

Den Redakteursposten verdankt der Pastorensohn seinem Freund Klopstock, auf den er als Student (zuerst der Theologie, dann der „Kameralwissenschaften“, heute Wirtschaftswissenschaften) in Jena aufmerksam wird und den er persönlich 1764 in Kopenhagen kennenlernt. Dorthin verschlägt es ihn, weil er der Universität bald überdrüssig geworden war und eine Sekretärsstelle beim Grafen von Holstein in der dänischen Hauptstadt antrat. Klopstocks Bruder gab nundie zweimal wöchentlich erscheinenden „Hamburger Adreß-Comptoir-Nachrichten“ heraus. Dort kommt Claudius nun unter. Was er mit der Zeitung vorhat, beschreibt er folgendermaßen: Sie soll „ein Hör- und Sprach-Rohr zugleich sein, ein magischer Spiegel, auf dessen einer Seite jemand sein Bedürfnis schreibt, und auf der andern die Antwort liest“. Klingt interaktiv, fast so nach einer Art analogem Facebook; jedenfalls ein Konzept, das mehr für heutige denn damalige Medien ausgedacht scheint. Die Blattlinie, die Claudius verfolgt, nimmt vorweg, was bei Grabbe später den Titel „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“ bekommen wird; eine Ausrichtung, die seinem Verleger nicht behagt. Er mahnt seinen Redakteur dafür ab. Woraufhin der kündigt – und wieder auf der Straße steht.

Zu diesem Zeitpunkt kommt ihm zupass, dass einer der reichsten Männer Europas, Heinrich Carl von Schimmelmann, in Wandsbeck ein Schloss und ein Zeitungsprivileg besitzt. Sein Boulevardblatt, den „Wandsbecker Mercurius“, musste er aber 1770 nach Protesten der Hamburger Honoratioren einstellen. Ganz auf sein Privileg verzichten will der dänische Handelsherr aber nicht. Da kommt ihm Claudius gerade recht. Und so erscheint am 1. Jänner 1771 der erste „Wandbecker Bothe“ unter Claudius' Ägide. Die folgenden vier, fünf Jahre wird er unter dem damals gängigen Vornamen Asmus den bedeutendsten Teil seines Werks schaffen, darunter viele Rezensionen, Berichte und übrige Artikel, die für den Tag geschrieben sind, aber auch einige Gedichte, die wie sein „Abendlied“ in den Kanon deutscher Literaturgeschichte eingehen.

„Ich bin ein Bothe und nichts mehr“, definiert er seine Rolle als Chefredakteur. Ein Selbstverständnis, das ihn von der Weimarer High Society unterschied. Es war keineswegs Koketterie, sondern eine Art Lebensprogramm, als er 1777 in dem neunstrophigen Gedicht „Täglich zu singen“ dichtete: „Ich danke Gott mit Saitenspiel, / Daß ich kein König worden; / Ich wär geschmeichelt worden viel, / Und wär vielleicht verdorben. // Auch bet ich ihn von Herzen an, / Daß ich auf dieser Erde / Nicht bin ein großer reicher Mann, / Und wohl auch keiner werde. // Denn Ehr und Reichtum treibt und bläht, / Hat mancherlei Gefahren, / Und vielen hat's das Herz verdreht, / Die weiland wacker waren.“ Der Mann meinte es ernst mit seiner Gottesfurcht, und das war unter Intellektuellen schon zu seiner Zeit unzeitgemäß. Die Bände seiner „Gesammelten Werke“, die am Ende seiner Tätigkeit beim „Wandsbecker Bothen“ erschienen, übertitelte er deshalb mit „Asmus omnia sua secum portans“ (Asmus, der alles, was sein ist, mit sich trägt). Geck interpretiert diesen Vorspruch als „habituelle Anspruchslosigkeit“.

Die war auch nötig, denn zu Wohlstand hat er es zeitlebens nicht gebracht. Stattdessen zu einer wunderbaren Frau, die ihm viele Kinder schenkte. Mit einer fixen Stelle wagt es Claudius im März 1772, die erst 17-jährige Zimmermannstochter Anna Rebecca Behn zu ehelichen, ein „ungekünsteltes, rohes Bauernmädchen“, wie er seinem Freund Herder schreibt, „aber lieb hab ich sie darum nicht weniger, mir glühen oft die Fußsohlen für Liebe“. Im Grunde konnte er froh sein, dass Rebecca etwas von Ackerbau und Viehzucht verstand, denn so konnten sie sich eine Kuh halten, die zur Ernährung der bald vielköpfigen Familie beitrug.

Sämtliche Freunde von Claudius, zu welchen unter anderem der Bach-Sohn Carl Philipp Emmanuel, der Philosoph Hamann oder der Dichter Voß zählen, loben die heitere, offene und liebenswürdige Art Rebeccas. In Wandsbeck versammelt sich also eine ganz andere Gesellschaft als in Weimar. Während in Thüringen ein „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ gesucht wird, steht in Hamburg die Volksaufklärung im Vordergrund. „Glaubt, zweifelt, wähnt und lehret, / Hält nichts, und alles wahr; / Erbauet, und zerstöret; / Und quält sich immerdar; / Schläft, wachet, wächst, und zehret; / Trägt braun und graues Haar etc. / Und alles dieses währet, / Wenn's hoch kommt, achtzig Jahr“, beschreibt Claudius im Gedicht „Der Mensch“ sein Menschenbild. Goethe hingegen definierte sich nach Prometheus, dem er in jungen Jahren folgende Verse in den Mund legte: „Hier sitz' ich, forme Menschen / Nach meinem Bilde, / Ein Geschlecht, das mir gleich sei, / Zu leiden, weinen, / Genießen und zu freuen sich, / Und dein nicht zu achten, / Wie ich!“ Die Einstellung, alles für machbar zu halten, anstatt sich in sein Schicksal zu fügen, hat längst die Welt erobert. Aber können wir sie nach den beiden Weltkriegen des vorigen Jahrhunderts noch so unbefangen artikulieren wie Goethe?

Claudius hingegen war pietistisch-pazifistisch gestimmt. Das schloss nicht nur die spätere Ablehnung der Französischen Revolution, sondern auch Kritik an Fürsten ein, die ihr Volk ausbeuten und in den Krieg schicken. Sein „Kriegslied“, das eigentlich ein Friedenslied ist, nahm Karl Kraus 1917 deshalb auch in die „Fackel“ auf: „'s ist Krieg! 's ist Krieg! O Gottes Engel wehre, / Und rede du darein! / 's ist leider Krieg – und ich begehre / Nicht schuld daran zu sein!“

Gerade seinen Dienstherrn Schimmelmann, der als Heereslieferant zu Vermögen gekommen und auch Sklavenhändler war, nahm er von seiner Kritik nicht aus. In der Zeitung des Unternehmers erscheinen folgende Zeilen des amtshabenden Redakteurs: „Weit von meinem Vaterlande / Muß ich hier verschmachten und vergehen, / Ohne Trost, in Müh' und Schande – / Ohhh die weissen Männer, klug und schön! – Und ich hab den Männern ohn' Erbarmen / Nichts gethan – / Du im Himmel! Hilf mir armen / Schwarzen Mann.“ Für Matthias Claudius ist die Existenz „die erste aller Eigenschaften“. Diesem Grundsatz ordnet er auch seine Poetik unter. Schillers Forderung nach dem Primat der Form über den Inhalt („In einem wahrhaft schönen Kunstwerk soll der Inhalt nichts, die Form aber alles thun“) mag er sich nicht fügen. Er setzt sich in seinen Gedichten deshalb auch oft und gern über das Reimschema hinweg. Spätere Lyrikanthologien vermeinten, das korrigieren zu müssen und ließen zum Beispiel das irritierende „etc.“ in oben angeführtem Gedicht „Der Mensch“ aus.

Gegen die klassizistische Kunst

Dass Claudius sich jedoch ganz bewusst überdie Vorgaben der Form hinwegsetzt, beweist das letzte Zeilenpaar dieses Gedichts, das dem vorangegangenen Reimschema entgegenstellt ist: „Denn legt er sich zu seinen Vätern nieder, / Und er kömmt nimmer wieder.“ Das war seine Art der Subversion, die sich von den Maximen der klassizistischen Kunst absetzte, die auf Einheit und Reinheit abzielten.

Formal ist sein Werk also gerade durch das Stilprinzip der Bricolage sehr modern. Inhaltlich dagegen empfand schon damals seine Skepsis gegenüber dem Aufklärungsoptimismus so mancher befremdlich. Wenn Goethe 1786 schreibt, dass Claudius „ein Narr“ sei, „der voller Einfaltsprätention stecke“ und „aus einem Fußboten ein Evangelist werden möchte“, dann ist das boshaft, aber nicht ganz unzutreffend. Denn je älter Claudius wurde, desto mystischer wurde er, desto heftiger seine Ablehnung des Geniekults und desto dringlicher seine Warnung vor der Selbstüberhebung des Menschen.

In allem wollten ihm selbst seine Logenbrüder Lessing, Klopstock und Voß von der Freimaurerloge „Zu den drei Rosen“ da nicht folgen. Vielleicht sahen sie einen Widerspruch darin, dass er dem dänischen Kronprinzen Friedrich ein Huldigungsgedicht geschrieben und dafür eine Apanage in Form eines Postens als Revisor der königlichen Speciesbank erhalten hatte. Als er am 21.Jänner 1815 „an Altersschwäche, an einem Aufhören der Lebenskräfte“ (seine Enkelin Agnes Perthes) stirbt, war er längst zum „Narren am Hofe der regierenden Aufklärung“ (Wichmann von Meding) geworden. ■

Martin Geck

Matthias Claudius

Biografie eines Unzeitgemäßen. 320S., geb., €25,70 (Siedler Verlag, München)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2015)


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