Armenien. Nach einem sechsfachen Mord durch einen russischen Soldaten regt sich in der Kaukasusrepublik Unmut.
Gjumri/Jerewan/Wien. Die Wut ist groß in Gjumri, auch wenn sich am Freitag die Lage wieder beruhigte. In der Stadt im Nordwesten Armeniens, die 1988 von einem Erdbeben zu großen Teilen zerstört worden war, waren tags zuvor Hunderte durch die Straßen gezogen – aus Protest gegen ein grausames Verbrechen, das das enge Verhältnis zwischen dem Südkaukasusstaat und seiner Schutzmacht Russland auf eine schwere Probe stellt.
Am Montag hatte der aus Sibirien stammende Soldat Valerij P., der in der russischen Militärbasis in der Stadt stationiert war, sechs Mitglieder einer lokalen armenischen Familie erschossen. Das jüngste Opfer ist ein zweijähriges Mädchen; nur ein sechs Monate alter Bub überlebte den Angriff. Die Ursachen des Verbrechens liegen im Dunkeln. Es heißt, der Soldat sei psychisch instabil gewesen. Er wurde an der Grenze zur Türkei verhaftet.
Der Vorfall ist mehr als eine Tragödie. Die Wut in Gjumri ist deshalb so groß, weil Russland den mutmaßlichen Mörder offenbar nicht der armenischen Justiz übergeben will. P. wird in der Militärbasis abgeschirmt. „Das Gesetz steht über imperialen Plänen“ und „Strategischer Partner: Sei menschlich!“ stand auf den Transparenten der Demonstranten – eine unmissverständliche Botschaft an Moskau. In Armeniens Öffentlichkeit ist der Fall ein Sinnbild dafür, dass in der viel bemühten Partnerschaft zwischen den beiden Ländern etwas gehörig schiefläuft. Moskau gibt die Regeln vor und nutzt Werkzeuge wie Willkür und Einschüchterung – dieses Gefühl ereilte manchen Bürger auch schon bei der abrupten „Wende“ von Präsident Sersch Sargsjan weg von der EU-Annäherung und hin zur Putin'schen Zollunion im September 2013.
Von „noch nie da gewesenen negativen Gefühlen“ spricht ein Journalist in Jerewan, der der „Presse“ namentlich bekannt ist. Auch das Vertrauen in die armenischen Behörden, die in dem Fall bisher wenig Entschlossenheit an den Tag gelegt haben, sei erschüttert. Der Journalist verweist gegenüber der „Presse“ darauf, dass Verbrechen von Militärpersonal außerhalb der Basis von der armenischen Justiz zu verfolgen sind. Armeniens Generalstaatsanwalt erklärte schon einen Tag nach dem Mord, dass mit einer Auslieferung wohl nicht zu rechnen sei. (som)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.01.2015)