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Kräuter für die Seele und die Prostata

Das leuchtend gelb blühende Johanniskraut ist die Arzneipflanze 2015.(c) Wikipedia
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Männern, denen eine gutartige Vergrößerung der Prostata Probleme bereitet, profitieren von der Brennnesselwurzel, Johanniskraut, Arzneipflanze des Jahres 2015, hilft bei Depressionen.

Selbst eingefleischte Schulmediziner rümpfen schon länger nicht mehr die Nase, wenn es um die (medizinische) Wirkung von Pflanzen geht. Kein Wunder: Johanniskraut, Brennnessel und Co. sind immer besser untersucht, ihre Wirkungen wissenschaftlich nachgewiesen.

Johanniskraut (Hypericum perforatum) ist heuer die Arzneipflanze des Jahres, die seit 1999 jedes Jahr an der Universität Würzburg auserkoren wird. Hauptkennzeichen aller „Gekürten“: Die jeweils ausgezeichnete Pflanze hat sich um die Gesundheit des Menschen verdient gemacht. Das leuchtend gelb blühende Johanniskraut – eine der am besten untersuchten Pflanzen überhaupt – tut der Seele gut und hilft nachweislich bei leichten bis mittelschweren Depressionen. „Dafür sind Johanniskrautextrakt-Präparate auch als Arzneimittel zugelassen“, betont Rudolf Bauer, Vorstand des Instituts für pharmazeutische Wissenschaften, Department Pharmakognosie, der Karl-Franzens-Universität Graz. Die Helfer in der Pflanze sind vor allem ihre Wirkstoffe Hypericine, Hyperforin sowie Flavonoide, die auf ähnliche Weise wirken wie ein synthetisches Antidepressivum, jedoch mit weniger Nebenwirkungen.

Johanniskrauttee ist als Antidepressivum allerdings nicht geeignet, als Stimmungsaufheller schon eher. „In der Volksmedizin hat sich der Tee zur Aufhellung des Gemüts an grauen Wintertagen bewährt. Er wirkt auch leicht tonisierend auf den Kreislauf“, heißt es im Buch „Die Wildkräuter-Apotheke“ von Claudia Dungl-Krist und Andrea Dungl-Zauner.

Schwanger trotz Pille? Bei schweren Depressionen ist das Pflanzenpräparat nicht stark genug. Das hat man vielleicht noch vor zehn, 15 Jahren geglaubt, als ein regelrechter Hype um Johanniskraut begonnen hat. Der ist inzwischen auch wegen einiger Nebenwirkungen des Phytopharmakums abgeflaut: Hohe Dosen der Pflanzenwirkstoffe können einerseits zu einer Photosensibilität und damit zu vermehrten Sonnenbränden führen, andrerseits die Wirkung verschiedener Medikamente verringern. So kann Johanniskraut den Wirkstoff der Antibabypille vorzeitig abbauen. Das kann vor allem bei den sogenannten Minipillen zum Problem werden und trotz chemischer Verhütung zu einer Schwangerschaft führen. Eine – mitunter gefährliche – Wirkungsverringerung können hohe Dosen von Johanniskraut-Inhaltsstoffen auch bei einigen anderen Medikamenten hervorrufen. Dazu gehören unter anderem der Blutverdünner Marcoumar, Ciclosporin (Arznei gegen Transplantat-Abstoßung) und gewisse Herzmedikamente.

Die Blüten der vielseitigen Heilpflanze liefern zudem auch das rote Johanniskrautöl. „Das soll wundheilungsfördernd und entzündungshemmend, aber auch antibakteriell wirken. Es wird traditionell zur Förderung der Wundheilung und bei leichten Hautentzündungen angewendet“, sagt Sylvia Vogl, Botanikerin bei der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit. Die Ages hat Johanniskraut im November des Vorjahres zur Pflanze des Monats gekürt, die Brennnessel war bereits im Mai dran.

Hilft auch bei Rheuma. Zwar ist die Brennnessel nicht ganz so gut untersucht wie das Johanniskraut, einige positive Wirkungen wurden aber dennoch festgestellt. So helfen beide in Österreich heimischen Brennnesselarten, Urtica dioica (große Brennnessel) und Urtica urens (kleine Brennnessel), bei rheumatischen Beschwerden, wirken harntreibend, leicht schmerzstillend und entzündungshemmend. Auch Männer, denen eine gutartige Vergrößerung der Prostata Probleme beim Urinieren bereitet, profitieren vor allem von der Brennnesselwurzel. Bauer: „Es gibt standardisierte Brennnesselpräparate, die vor allem im Stadium eins und zwei einer Prostatahyperplasie die Beschwerden nachweislich lindern. Das ist wirklich eine interessante Alternative zu synthetischen Mitteln, die zum Teil massive Nebenwirkungen haben und beispielsweise die Libido negativ beeinflussen.“

Haarwuchs fördern. Neben den wissenschaftlich untersuchten Wirkungen der Brennnessel – klinische Studien lassen eine Wirksamkeit auch bei Arthritis vermuten – kennt die Volksmedizin noch eine ganze Reihe weiterer Positiva. „So soll eine Tinktur aus der Wurzel den Haarwuchs fördern. Auch die Kosmetikindustrie nutzt diese Wirkung der Brennnessel in Haarwässern und Shampoos“, sagt Botanikerin Vogl. Mit Brennnesselsalat oder -spinat serviert man auch jede Menge an gesunden Flavonoiden, Mineralstoffen, Spurenelementen, Vitaminen und pflanzlichem Eiweiß.

Eine Ode an die Brennnessel findet sich in dem Buch „Schlank mit Kräutern. Meine besten Rezepte zum Abnehmen“, in dem die wichtigsten 34 „Schlankkräuter“ vorgestellt werden. Die Heilpraktikerin und Kräuterexpertin Melanie Wenzel lobt die Brennnessel vor allem wegen ihrer vielen positiven Eigenschaften, zu denen unter anderem ein hoher Sättigungseffekt, stark entgiftende Wirkung und Anregung von Stoffwechsel und Verdauung gehören.
Im selben Verlag erschien auch das Buch „Essen als Medizin. 140 Lebensmittel für mehr Gesundheit“ von Friedrich Bohlmann und Marcella Ullmann. Darin wird angeführt, dass Brennnesseltee unter anderem Gelenksbeschwerden und Harnwegsinfekten vorbeugen sowie den Blutdruck senken kann.

Wer aber mit Brennnesseln und anderen Kräutern kreative Salzkompositionen herstellen möchte, wird im Buch „Kräutersalz. Edelsteine der Pflanzen und weißes Gold“ fündig. Die diplomierte Heilkräuterpädagogin Renate Leitner verrät hier über 100 verschiedene Rezepte für Kräutersalze – vom Brennnessel-Salz über das Slim-Fit-Salz bis zum Liebesduftsalz.

Beinwell bei Prellungen. Früher einmal hat man Beinwell auch in Form von Tee getrunken. „Davon ist man abgekommen“, sagt Bauer, „weil die Pflanze Giftstoffe enthält, die die Leber schädigen können.“ Zudem, so Vogl von der Ages, die Beinwell zur Pflanze des Monats Jänner 2014 erklärt hat, könnten die Pyrrolizidin-Alkaloide in der Pflanze in hohen Konzentrationen unter Umständen auch krebserregend sein. Bei äußerlicher Anwendung gibt es weniger Bedenken – in Österreich zugelassene Arzneimittel mit Beinwell-Extrakten müssen nachweislich frei von Pyrrolizidin-Alkaloiden sein. Beinwell (Symphytum officinale), der echte oder Arznei-Beinwell, vor allem seine Wurzel, wird nämlich gern in Salben und Gels verarbeitet. Mit gutem Grund: Das enthaltene Allantoin ist in der Lage, Gewebe zu regenerieren, Rosmarinsäure-Derivate wirken entzündungshemmend. Wer Beinwellprodukte aufträgt, darf sich nachgewiesene Besserung erwarten bei Zerrungen, Prellungen, Verstauchungen, bei Schmerzen und Schwellungen von Muskeln und Gelenken, bei Sehnenscheidenentzündungen und Gelenksarthrosen.

Schmerzstillend. Wer Lust hat, Beinwellsalbe gegen Arthrose oder Fußpilz, Beinwelltinktur gegen Insektenstiche oder für mehr Glanz und Spannkraft in den Haaren oder einen Wohlfühltee mit Brennnessel und anderen Kräutern selbst zu fabrizieren, der findet in dem Buch „Die Heilkraft der Klosterkräuter. Schmerzstillend.
Entzündungshemmend. Entspannungsfördernd“ jede Menge Rezepte und Tipps des Experten Axel Gutjahr.

Allen, die sich selbst auf die Suche nach Johanniskraut, Beinwell oder Brennnessel machen wollen, sei abschließend noch das Buch „Mein Wildkräuter-Führer“ empfohlen. Die ausgewiesene Heilpflanzen- und Wildkräuter-Expertin Liesel Malm stellt hier die in Mitteleuropa am häufigsten vorkommenden Pflanzen und Kräuter in Wort und Bild vor.

Mehr Infos: www.ages.at/themen/landwirtschaft/pflanzengenetische-resso urcen/pflanzen-des-monats/2014-pflanzen-des-monats/

BÜCHER ZUM THEMA

„Kräutersalz“, Verlag Freya, 19,90 €.

„Essen als Medizin“, GU-Verlag, 13,40 €.

„Die Heilkraft der Klosterkräuter“, Herbig Hausapotheke, 10,30 €.

„Mein Wildkräuter-Führer“, Verlag Bassermann, 13,40 €.

„Schlank mit Kräutern“, Verlag Gräfe und Unzer, 20,60 €.

„Die Wildkräuter-Apotheke“, Kneipp Verlag, 24,95 €.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2015)