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Werk: Kunst und Kultur kosten, Clubs bringen Geld

Stefan Stürzer und Benjamin Hötzendorfer führen das Werk zusammen mit 25 Mitarbeitern und ehrenamtlichen Helfern.(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Die neue Wiener Subkultur findet man im Werk am Donaukanal. Und wer in Hemd und Lederschuhen aufkreuzt, wird auch nicht blöd angesehen – nicht einmal, wenn er sein eigenes Bier dabeihat.

„Wir tanzen konzentriert“, steht an der Wand. Der Wuzzler ist aus einem anderen Grund einsam, es ist noch zu früh an diesem Samstag. Gegen Mitternacht liegen die Bögen des Werks noch brach. Security und Barleute tratschen, die ersten DJs richten sich auf ihrem Arbeitsplatz ein. Auf beiden Floors ist nichts los. Dann geht's schnell. Ein treibender Klangteppich rollt sich vom frisch eröffneten Mainfloor aus, vermischt sich auf halbem Weg mit dem verspielten Hip-Hop von nebenan. Wo Rohre aus den besprayten Wänden kommen und ein Secondhandluster mit der Leuchtkraft seiner kleinen Lichterkette warme Stimmung macht.



Eine Treppe dreht sich hinter dem kleinen Floor mit industrieller Anmut, also richtig schön dreckig, nach oben in den Backstage-Bereich. Auf der recycelten Lederbank zwischen den beiden Soundhöhlen ist bald kein Platz mehr. Jetzt ist es zwei Uhr, das Werk ist voll und erinnert an das erste Fluc, das alte Flex oder ein EKH, in dem man sich nicht blamiert, wenn man Hemd und schicke Schuhe trägt. Das Publikum ist Mitte zwanzig, vielleicht älter. Wer nicht tanzt, diskutiert konzentriert – oder bemüht sich um diesen Eindruck. Aber die meisten tanzen. Der Abend am Samstag vor einer Woche war eine gute Premiere, die erste Ausgabe von „Geil & Bogen“, einer neuen Eigenveranstaltung der Betreiber.

Als Headliner kam die britische Bassproduzentin Sara Abdel-Hamid aka Ikonika an das Pult. Und genauso „englisch, nerdig, speziell, ausgefranst und anspruchsvoll“ soll es 2015 weitergehen. Das restliche Clubbooking werde in der üblichen Vielfalt fortgesetzt: Techno von Maschinenraum, „Spieleabende“ im Zirkus Abnormal, auch ein Ball (Good Ball, 30. 1.) zugunsten des Wiener Integrationshauses steht an.

Ohne reiche Eltern. Das Werk hat sich in den vergangenen fünf Jahren ein Merkmal bewahrt, das andere auf ihrem Fußmarsch zum kommerziellen Erfolg verloren haben: Es ist sympathisch geblieben. Dabei besetzt es eine einsame Nische: Subkultur mit Substanz. „Der Underground kommt quasi aus uns heraus, den haben wir uns nicht ausgedacht. Wir sind aus einem ganz einfachen Grund authentisch: Geldnot. Es gibt kein Budget, um eine ,fancy‘ Bar bauen zu lassen, deshalb machen wir sie selbst“, erzählt Benjamin Hötzendorfer, der seit ein paar Jahren das Nachtleben des Werks mitorganisiert. Stefan Stürzer, Werksdirektor, ergänzt ganz pragmatisch: „Wir haben keine reichen Eltern und mussten uns alles selbst aufbauen.“ Auch wenn das Geld fehle, stünde das Werk aber für eine faire Preispolitik – egal, ob an der Bar oder der Tür. „Da heben wir uns sicher von den anderen Clubs ab“, meint Stürzer. 15 Euro Eintritt sind sehr selten. 3,40 Euro für ein großes Bier dagegen selbstverständlich. Möchte jemand mit einem mitgebrachten Trank in den Club, bekomme er einen Plastikbecher, da wären sie nicht streng. Das nennen die beiden einen „niederschwelligen Zugang“. Im Werk solle man sich frei fühlen: „Es gibt bei uns nicht viele Regeln, außer: Mach nichts kaputt, schlag dich mit niemandem und deal nicht. Der Rest ist grenzenlos“, sagt Stürzer, und derzeit eine Art „konkurrenzloses Zentrum der Subkultur“.

„Das alles machst du selbst“, steht auf einer anderen Wand – das passt zur Moral des Hauses. Nach einem von Anrainern erzwungenen Umzug vom Gürtel vor zwei Jahren musste sich das Werk am Donaukanal unweit des Technoclubs Grelle Forelle neu erfinden. Für Stürzer war das schlimm. „Ich habe ein Vermögen in das alte Werk gesteckt, hatte Kredite laufen. Dann kamen immer mehr Anrainerbeschwerden, und die Behörde hat uns so stark plombiert, dass wir keine Clubs mehr machen konnten“, sagt er.

Die verlorenen Partys waren damals aber nicht das Problem. „Kunst und Kultur kosten Geld. Die Clubs machen wir, damit wir uns tragen können.“ Denn mit ihnen finanzieren sie die alternative Kunst- und Kulturinitiative Werk. Neben den vielen Festivals rund um bildende und angewandte Kunst zeigt sich der Fokus in der neuen Location auch wieder in der Raumaufteilung: Ein Stadtbahnbogen, der „Dachsbau“, beherbergt ein günstiges Gemeinschaftsatelier und Arbeitsplätze für die Kreativszene. Benannt ist der Ort übrigens nach dem Spittelauer Dachsgraffito des Street-Artists Roa. Ein paar Arbeitsplätze sind noch frei. Ein anderer Bogen gehört den Visualkünstlern 4 Your Eye. Das Werk wird heuer neun Jahre alt, von Anfang an gab es die Idee für einen Kulturverein, der Kunst und Clubkultur vernetzt. „Oben Ausstellung, unten Party, das war der Anfangsgedanke“, erinnert sich Stürzer. Die theoretische Basis sei die Entwicklung. „Das Werk ist nie abgeschlossen, es tut sich immer etwas.“

Am Kanal

Kunst & Party - Das Werk. Club und Ateliers der alternativen Kunst- und Kulturinitiative findet man im 9. Bezirk, Spittelauer Lände 12, Stadtbahnbogen 331–333. www.daswerk.org

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2015)

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