Unternehmen sollten ihre Bonifikationspraxis überdenken, bevor das Politiker für sie tun.
Man kann auch übertreiben: Als die Voest-Betriebsräte während der großen Verstaatlichtenkrise des vorigen Jahrhunderts kategorisch die Auszahlung von „Gewinnprämien“ in einem schweren Verlustjahr forderten, war die öffentliche Empörung darüber einer der Stolpersteine, die die ebenso mächtigen wie gefürchteten „Betriebskaiser“ zu Fall brachten. Jedes Fass geht einmal über.
Dasselbe Schicksal könnte jetzt den berühmten „Fat Cats“ in amerikanischen und europäischen Vorstandsetagen drohen: Es passiert nicht leicht, dass Amerikaner einander Einkommen neiden. Um so alarmierender war der gewaltige Aufstand der US-Öffentlichkeit, als sich die Manager des vom Staat mit unglaublichen 180 Milliarden Dollar aus dem Dreck gezogenen Versicherungsriesen AIG für ihr Totalversagen noch flott 165 Millionen Dollar Bonus (also Erfolgsprämie) genehmigten. So laut war der Aufschrei, dass sich die US-Abgeordneten zu einem eigenen AIG-Bonus-Abschöpfungssondergesetz und die betroffenen Manager zu einer Teilrückgabe ihrer abgesahnten Millionen genötigt sahen.
Dieser und andere Vorfälle der jüngsten Zeit garantieren, dass den Boni künftig mehr Aufmerksamkeit zuteil werden wird. Und das ist gut so. Denn die Idee, Manager mit performanceabhängigen Gehaltsbestandteilen zu Höchstleistungen anzuspornen, ist ja höchst intelligent. Deren Umsetzung war in den vergangenen Jahren aber eine einzige ärgerliche Perversion. Gierige Vorstände und willfährige Aufsichtsräte haben es – auch in Österreich – geschafft, die Erfolgskriterien so hinzutrimmen, dass aus der Sondervergütung für Sonderleistungen ein stinknormaler, vielfach völlig erfolgsunabhängiger Gehaltsbestandteil geworden ist.
Möglich ist das, weil die „Erfolgs“-Prämien längst an Kennzahlen gebunden sind, die mit dem nachhaltigen Erfolg eines Unternehmens nichts mehr zu tun haben. Die es manchmal schon als bonifikationswürdigen „Erfolg“ sehen, wenn der Verlust kleiner als befürchtet ausfällt. Da gibt es gewaltigen Reformbedarf. An dieser Stelle muss natürlich der berechtigte Einwand vorgebracht werden, dass solche Vorgänge in Privatunternehmen die Öffentlichkeit nichts angehen: Wenn, sagen wir, eine Versicherung ihren gesamten ausschüttungsfähigen Gewinn und noch etwas aus den Rücklagen ihrem Vorstand überweist, dann ist das genauso ausschließlich ein Problem ihrer Organe und Aktionäre, als würden sie ihren Vertretern Höchstprovisionen auch ohne Abschluss bezahlen.
Anders sieht die Sache aus, wenn Steuerzahlergeld ins Spiel kommt: Dann ist Schluss mit lustig. Genau an diesem Punkt sind aber international viele Unternehmen angelangt. Und hier könnte man den Hebel ansetzen. In diesen Fällen hat zu gelten:
•Finanzielle Anreizsysteme für das Management sind sinnvoll, Bonifikationen sind aber an Kennzahlen für den nachhaltigen Erfolg des Unternehmens zu knüpfen. Damit erübrigt sich die Frage, ob Boni bei Banken mit staatlichem Beteiligungskapital ausgezahlt werden sollen: Natürlich sollen sie, wenn Gewinn gemacht und das Staatsgeld zurückgezahlt wird.
•Ausgewiesene Verluste sind kein „Erfolg“ und deshalb auch nicht bonifikationsfähig.
Allein diese beiden Regeln machen Exzesse schon unmöglich. Was aber noch wichtiger wäre: Manager reden gerne von der Riesenverantwortung, die sie tragen. Und die in der Praxis kaum existiert. Wenn die schlimmste Strafe für unternehmensgefährdendes Managementversagen im Regelfall ein fetter Golden Handshake ist, dann führt sich dieses Gerede ad absurdum.
Es sind also Manager und auch Aufsichtsräte (diese Spezies ist ja in vielen börsenotierten österreichischen Unternehmen zu einem netten Plauderkränzchen unter Freunden degeneriert) stärker für ihr Handeln haftbar zu machen. Dann haben Boni in guten Zeiten mehr Berechtigung.
Die Betroffenen sollten sich darüber durchaus Gedanken machen. Denn der Bogen wurde – vor allem in den USA, aber auch in Europa – dramatisch überspannt. Die Diskussion darüber wird nicht mehr so schnell verschwinden. Manager, die glauben, sich mit Wegducken (und einmaligem Bonusverzicht) über die Runden retten zu können, werden unangenehm erwachen. Die Diskussion ist da – und die Unternehmen sollten aktiv darauf reagieren, bevor sie von der unter öffentlichem Druck stehenden Politik dazu gezwungen werden.
Feindbild Managerbonus Seite 1
„Revolten“ in den USA und Deutschland Seite 2
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2009)