Kiew zieht bis zu 100.000 Reservisten ein

Sergiy Nikonenko wird zu Grabe getragen. Der ukrainische Soldat starb bei den Kämpfen um Luhansk. Kiew zieht weitere Männer in die Armee ein.
Sergiy Nikonenko wird zu Grabe getragen. Der ukrainische Soldat starb bei den Kämpfen um Luhansk. Kiew zieht weitere Männer in die Armee ein.(c) REUTERS

Alle Männer mit militärischer Ausbildung müssen mit dem Einzugsbefehl rechnen. Russland zweifelt an der Chance auf einen Ukraine-Krisengipfel.

Angesichts der fortdauernden Kämpfe mit den Rebellen ziehen die ukrainischen Streitkräfte 50.000 weitere Reservisten ein. Die Mobilmachung dauere 90 Tage, und es folgten noch zwei weitere Einziehungswellen, sodass insgesamt 104.000 Soldaten eingesetzt werden könnten, teilte die Regierung in Kiew mit. Moskau kritisierte, Kiew untergrabe damit das Zustandekommen des angestrebten Vierer-Gipfels.

Mit einem ukrainischen Einzugsbefehl müssen demnach alle Männer mit militärischer Ausbildung rechnen - vom Panzerfahrer bis zum Fallschirmjäger. Die Lage in der Ostukraine blieb am Dienstag äußerst angespannt. Die Separatisten meldeten, in ihrer Hochburg Donezk sei ein Artilleriegeschoß an einer Bushaltestelle eingeschlagen, auch Geschäfte seien getroffen worden. Zwei Zivilisten seien dabei getötet und acht weitere schwer verletzt worden.

In der zweiten Rebellenhochburg, der Region Luhansk (Lugansk), schlug eine Granate der Rebellen in einem Wohnhaus in der Stadt Schtschastie ein. Mehrere Menschen seinen verletzt und rund 30 Wohnungen beschädigt worden, teilte der Kiew-treue Gouverneur mit.

"Stellungen der Rebellen zerstört"

Nach Angaben eines Militärsprechers wurden seit Montag 19 ukrainische Soldaten durch Rebellenbeschuss verletzt. Die Kämpfe am Flughafen von Donezk seien inzwischen etwas abgeflaut. "Die ukrainischen Streitkräfte haben die Stellungen der Rebellen zerstört", sagte der Militärsprecher. Nun würden die Separatisten von zurückgezogenen Posten nicht mehr direkt auf die Soldaten am Flughafen schießen, sondern auf ukrainische Artilleriestellungen.

Den Kämpfen zwischen Regierungstruppen und prorussischen Aufständischen in der Ostukraine sind seit April mehr als 4800 Menschen zum Opfer gefallen. Allen internationalen Friedensbemühungen zum Trotz waren die Kämpfe in den vergangenen Tagen ein weiteres Mal aufgeflammt.

Vierer-Gipfel steht auf der Kippe

Russland warf der Ukraine am Dienstag vor, mit ihrer neuen Militäroffensive im Osten des Landes das Zustandekommen des angestrebten Vierer-Gipfel zu untergraben. Das ukrainische Vorgehen füge den Bemühungen um ein Treffen der Staats- und Regierungschefs Russlands, der Ukraine, Deutschlands und Frankreichs schweren Schaden zu, zitierte die Nachrichtenagentur RIA eine Stellungnahme des Präsidialamts in Moskau. Der Westen beschuldigt dagegen Russland, den Gipfel zu torpedieren, indem es das Waffenstillstandsabkommen von Minsk nicht umsetze.

Ein für den 15. Jänner geplantes Spitzentreffen der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, Kremlchef Wladimir Putin, dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko und dem französischen Staatschef Francois Hollande war wegen Meinungsverschiedenheiten im Ukraine-Konflikt nicht zustande gekommen. Ein neuer Termin ist noch nicht bekannt.

"Halluzinationen über russichen Einmarsch"

Erneut wies Moskau auch neue ukrainische Vorwürfe einer Verlegung von Truppen und Waffen in die Konfliktregion Luhansk als "völligen Blödsinn" zurück. "Solche Halluzinationen über einen russischen Einmarsch kommen nicht zufällig von den maßgeblichen Ideologen einer militärischen Lösung des Konflikts im Südosten der Ukraine", sagte der Generalmajor Igor Konaschenkow vom russischen Verteidigungsministerium der Agentur Interfax zufolge. Zuvor hatte die Ukraine behauptet, dass zwei russische Bataillone die Grenze überquert hätten.

Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier will im Ukraine-Konflikt trotzdem weiter auf Gespräche im Viererformat mit Russland, Frankreich und der Ukraine setzen. "Es gibt keinen Königsweg, wie man aus Krisen und Konflikten herausgeht", sagte Steinmeier am Dienstag nach einem Treffen mit seinem mexikanischen Kollegen José Antonio Meade in Berlin.

Nach den jüngsten erfolglosen Bemühungen müsse aber Ziel bleiben, "bessere Voraussetzungen" für neue Gespräche zu schaffen. Die Hoffnung auf einen Vierergipfel der Staats- und Regierungschefs mit dem Ziel, den Konflikt im Osten der Ukraine einzudämmen, hatte sich vergangene Woche zerschlagen. Auch für ein neues Treffen der Außenminister gibt es derzeit keinen Termin. Steinmeier sagte: "Am Ende funktioniert nichts durch Befehl und nicht allein durch Druck, sondern man muss die richtige Balance zwischen den verschiedenen Instrumenten finden."

((c) APA/AFP/Reuters/dpa)