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EZB-Plan: Wenn es schief geht

European Central Bank President Mario Draghi Announces Interest Rate Decision
European Central Bank President Mario Draghi Announces Interest Rate Decision(c) Bloomberg (Martin Leissl)
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Sollten die Kritiker recht behalten, wird die „Bazooka“ ein Rohrkrepierer – und die Krisenstaaten haben keine Anreize mehr für Reformen.

Ein Kauf von Staatsanleihen im großen Stil: Was die meisten Akteure am Finanzmarkt freudig erwarten, ist für manche (vor allem deutsche) Ökonomen und Juristen ein fataler Fehler, ja der ultimative Sündenfall für das Eurosystem. Aber fangen wir von vorne an – mit der eher harmlosen Befürchtung, dass die erhofften Effekte nicht eintreten, dass sich also der Schuss aus der berüchtigten „Bazooka“ als Rohrkrepierer erweist. Die Banken haben – siehe links – keinen Mangel an Liquidität und scheuen die Negativzinsen für Einlagen bei der EZB. Ob sie ihr dennoch im großen Stil Staatsanleihen verkaufen und in der Folge deutlich mehr Kredite an Private vergeben, ist höchst fraglich. Denn das Problem in den Krisenstaaten ist nicht das Angebot an Krediten, sondern die Nachfrage. Wenn ein Unternehmen nicht an bessere Geschäfte in naher Zukunft glaubt, nimmt es keine Erweiterungsinvestitionen vor, auch wenn die Konditionen seiner Bank noch so günstig sind.

Kritiker verweisen auf Japan

Zudem hinkt für viele Kritiker der Vergleich mit den USA gewaltig. Sie verweisen düster auf Japan, wo eine ultralockere Geldpolitik weder Stagnation noch Deflation vermeiden konnte. Aber selbst angenommen, der jüngste Aufschwung in Amerika ist den unkonventionellen Maßnahmen der Fed zu verdanken: Die Voraussetzungen sind anders. In den USA finanzieren sich Unternehmen viel stärker über den Kapitalmarkt, auch über Anleihen. In Europa wenden sich Firmen, wenn sie Geld brauchen, eher an ihre Hausbank. Der Effekt über sinkende Anleihezinsen fällt also schwächer aus. Ähnlich bei anderen Anlageklassen: Während 56 Prozent aller Amerikaner im Jahr 2013 Aktien direkt besessen haben, sind es in Österreich nur vier Prozent. Die Amerikaner sind ein Volk von Hausbesitzern, im Norden Europas wohnen die meisten zur Miete. Damit darf man sich vom psychologischen Effekt, dass sich Haushalte bei steigenden Asset-Preisen reicher fühlen und mehr Geld ausgeben, in der Eurozone nicht allzu viel erwarten. Und selbst wenn: Er könnte zu neuen Blasen auf Aktien- und Immobilienmärkten führen, die irgendwann zu platzen drohen.

Und der angenehm schwache Euro? Er könnte sich als Danaergeschenk erweisen, weil er Unternehmen in trügerischer Sicherheit wiegt. Die „Wettbewerbsfähigkeit“ durch günstigere Preise wirkt nur so lange, bis der Eurokurs wieder steigt. Die Erfahrung zeigt, dass sich Unternehmen gerade dann, wenn sie mit einer starken Währung leben müssen, am besten für die Zukunft wappnen – durch überlegene Produkte und höhere Wirtschaftlichkeit.
Falsche Sicherheit durch verzerrte Preise ist auch ein Thema für einen gesamten Staat – die wesentliche Sorge der Draghi-Gegner. Schon jetzt hält die EZB die Zinsen für Krisenstaaten künstlich niedrig. Das hoch verschuldete Italien kann sich günstiger refinanzieren als das höchst solvente Norwegen. Weichen die Signale noch weiter von der wahren Kreditwürdigkeit ab, könnte den Krisenländern bald jeder Anreiz fehlen, Reformen anzugehen und wettbewerbsfähiger zu werden.

Gegner halten Deflationssorgen für übertrieben

Zwar ist der EZB ein direkter Kauf neuer Anleihen ohnehin per Statut verboten. Und Draghi verspricht, die Käufe am Sekundärmarkt an Bedingungen zu knüpfen. Aber das Beispiel Griechenland zeigt, dass diese Konditionalität in der Praxis schwer durchzuhalten ist. Die mögliche Folge: noch schwächeres Wachstum, das die Preise weiter drückt. Vor einer Deflation haben die Gegner freilich keine Angst. Sie halten die Sorgen der EZB für übertrieben, weil die Kerninflation stabil bleibt. Aus dieser Sicht schmilzt auch die Reichweite an der Preisfront – mehr als ein halbes Prozent höhere Preise sei nicht drin.

Zum Schluss lohnt nochmals ein Schwenk zum optimistischen Szenario: Je erfolgreicher die EZB ist, desto größer ist die Gefahr, dass die Konjunktur besonders stürmisch anspringt und die Währungshüter nicht rechtzeitig in der Lage sind, die zusätzliche Liquidität wieder „einzusammeln“. Die Folge wäre dann wieder zu hohe Inflation – eine Gefahr, die zurzeit ganz aus dem Blickfeld gerät. (gau)