Das EU-Gericht bringt im längsten Schutzrechtdisput der Geschichte die tschechischen Brauer klar in Führung: Das amerikanische Budweiser hat als Marke in Europa keine Chance.
Wien. Kann man sich 100 Jahre lang um ein Namensrecht streiten? Die Nachfahren eines deutschen Braumeisters in Missouri und Generationen von stolzen Böhmen beweisen: Man kann. Der bierernste Rechtsstreit Budweiser gegen Budweiser, weltweit anhängig in 40 Gerichts- und 70 Verwaltungsverfahren, bringt auch patriotische Biertrinker zum Schäumen. Jetzt hat das Luxemburger EU-Gericht ein Machtwort gesprochen: Das auch als „Bud“ bekannte Budweiser des US-Konzerns Anheuser-Busch hat kein Markenrecht in Europa.
Hält das Urteil auch vor dem EuGH in zweiter Instanz, darf es ruhig als historisch bezeichnet werden. Warum, verrät die Historie. Als P?emysl Ottokar II. im Jahr 1265 Budweis als seine Königsstadt gründete, schenkte er ihr gleich das Braurecht dazu. Seitdem wird dort, wo Moldau und Maltsch zusammenfließen, aus Hopfen und Malz Bier gebraut. Schon bald war das würzige, vollmundige Budweiser Gebräu als „Bier der Könige“ bekannt.
Beim Seifenhersteller Eberhard Anheuser und seinem Schwiegersohn Adolphus Busch weckte es ein Gefühl: Heimweh. Die deutschen Emigranten gründeten in St. Louis in Missouri eine Brauerei. Ihr Produkt, ein Bier „böhmischen Stils“ namens Budweiser, sollte die Marktnische der deutschen Siedler abdecken, die sich nach europäischer Tradition sehnten.
Bier der Könige, König der Biere
Doch es machte bald Karriere als liebster Gerstensaft aller Amerikaner. Aus dem „Bier der Könige“ wurde, politisch korrekt, der „König der Biere“. Seit 1883 hält Anheuser-Busch das US-Markenrecht. Schon zu Beginn des vorigen Jahrhunderts war dem Konzern Amerika zu klein. Doch in Europa wurde sein Expansionsdrang unsanft gebremst: von der Brauerei Bud?jovický Budvar, die ihr Bier seit 1895 ebenfalls „Budweiser“ nannte und ihrerseits auf den US-Markt drängte.
Die Tschechen hatten keine Marke angemeldet. Aber das sei, wird bis heute argumentiert, auch gar nicht nötig. Denn Budweiser sei eine an den Ort gebundene Herkunftsbezeichnung, und als solche existiere die Marke weit länger als der Klon der Yankees. Ähnliches müsste für das kurz „Pils“ genannte Pilsner Bier gelten. Doch seine Chancen auf geografischen Schutz stehen schlechter, weil es sich beim „Pils“ nicht um eine spezielle Brauart handelt. 1917 schien der Streit zwischen alter und neuer Bierwelt salomonisch gelöst: Anheuser-Busch sollte ein Exklusivrecht für Nordamerika erhalten, dafür aber seinen Hopfen aus Budweis beziehen. Allein, die Amerikaner hielten sich nicht daran. Jahrzehntelang köchelte der Streit. Zu Zeiten des Ostblocks hatte die verstaatlichte Budweiser Brauerei auch kaum Ambitionen, die Welt zu erobern.
Das änderte sich schlagartig mit dem Fall des Eisernen Vorhangs. Seitdem bekriegt sich eine Heerschar von Anwälten in jedem Land, in dem eine der beiden Firmen Fuß fassen will. Das Match ist unentschieden, auch wenn die Tschechen deutlich mehr als die Hälfte der Prozesse gewinnen. Nur in wenigen Ländern, wie etwa Großbritannien, existieren zwei „Budweiser“ friedlich nebeneinander. In den USA muss sich das tschechische Bier „Czechvar“ nennen. In vielen EU-Ländern behilft sich Anheuser-Busch mit der populären Kurzform „Bud“.
Doch in Deutschland macht auch sie Probleme. Die Bitburger Brauerei, die ihr Bier unter dem Kürzel „Bit“ vertreibt, fürchtet eine Verwechslung. Noch zur Fußball-WM in Deutschland musste der Sponsor sein Getränk unter dem sperrigen Titel „Anheuser-Busch-Bud“ anpreisen. Kurz danach bekamen die Amerikaner recht: Die Deutschen seien, urteilte ein EU-Gericht, akustisch und optisch in der Lage, sich nicht ein U für ein I vormachen zu lassen.
Europäische Bierliebhaber sind sich freilich meist einig, dass der süßliche Geschmack des Bud hier ohnehin keine Chance hätte. Tatsächlich konzentriert sich Anheuser-Busch stärker auf Asien – besonders Bud light scheint den Chinesen sehr zu munden. Auf dem Heimmarkt ist man ohnehin unangefochten – fast jeder zweite Amerikaner greift zur braunen Flasche mit dem rot-weißen Etikett. Weltweit sind Bud und Bud light die umsatzstärksten Marken.
Für immer Staatsbetrieb
Das erklärt auch, wieso Bud?jovický Budvar noch immer ein Staatsbetrieb ist. Die Tschechen wissen, dass sie der amerikanische Gigant bei einer Privatisierung mit Haut und Haaren fressen würde. Zumindest auf eine Kooperation konnte man sich 2007 einigen: Anheuser-Busch wurde US-Importeur des tschechischen Budweiser. Eingefädelt hatte den partiellen Waffenstillstand August Busch IV., Ururenkel des Firmengründers.
In gewisser Hinsicht haben die Europäer den hundertjährigen Krieg schon längst gewonnen: Anheuser-Busch wurde 2008 von der belgischen InBev-Gruppe geschluckt, was die Amerikaner als Angriff auf ihre Identität empfanden. Bush IV. weiß freilich, was er den Europäern und ihren Rezepten verdankt: Seine Lehre absolvierte er in einer Berliner Brauerei.
Budweiser gegen Budweiser
■Budweiser Budvar gibt es seit 1895. In der böhmischen Stadt Budweis wird allerdings schon seit dem hohen Mittelalter Bier gebraut. Zu Zeiten des Ostblocks wurde die Brauerei verstaatlicht. Im Gegensatz zu den meisten Betrieben wurde sie nach 1989 nicht privatisiert, auch um einen Aufkauf durch den US-Konkurrenten zu vermeiden. Das Unternehmen beschäftigt 600 Mitarbeiter. 45 Prozent der Produktion werden in 60 Länder exportiert.
■Anheuser-Busch produziert die US-amerikanische Biermarke Budweiser, oft auch als „Bud“ abgekürzt. Die Firma wurde 1876 gegründet. „The great American lager“ hat in den USA einen Marktanteil von 48 Prozent. Bud und Bud light sind weltweit die umsatzstärksten Biermarken. Anheuser-Busch ist der drittgrößte Produzent der Welt. 2008 verkaufte der Konzern eine Mehrheit seiner Aktien an die belgische InBev-Gruppe.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2009)